Von Tallinn ist gemeinhin zu hören, es sei die schönste Hauptstadt der drei baltischen Länder. Ausgerechnet hier war ich noch nicht. Dass Tallinn weit mehr zu bieten hat als eine mittelalterliche, von der UNESCO ausgezeichnete Altstadt, zeigt sich bei unseren zweitägigen Besuch.
Mit der Fähre ab Helsinki (siehe Helsinki: „Be more Moomin“) erreichen wir in etwas mehr als zwei Stunden den Hafen von Tallinn. Schon vom Meer aus sind die zahlreichen Türme entlang der mittelalterlichen Altstadtmauern zu sehen. Vom Hafen aus sind wir in nur 15 Minuten in der Altstadt, an deren Rand sich auch unser Hotel befindet. Auf unserem Weg kommen wir am Denkmal „Broken Line“ vorbei, das an das schwerste Schiffsunglück der europäischen Nachkriegsgeschichte erinnert: Der Untergang der „MS Estonia“ 1994 kostete 852 Opfern das Leben.

Tallinns Altstadt: von Mauern und Türmen umgeben
Eine Altstadtmauer, von der noch knapp zwei Kilometer erhalten sind, inklusive 26 von ehemals mindestens 40 Türmen, sind beeindruckende Zahlen der Wehrbefestigung Tallinns. Wer einen imposanten Zugang zur Altstadt sucht, sollte diese am besten durch die Lehmpforte (Viru-Tor im Osten) oder die Große Strandpforte im Norden (mit dem Turm „Dicke Margarete“) betreten. Auch entlang der Stadtmauer findet ihr immer wieder hübsche Ansichten, die schönste vielleicht am Platz der Türme (Tornide väljak), wo mehrere Türme aufgereiht in einer kleinen Grünanlage stehen.
Wer die Stadt über die Lehmpforte betritt, sollte nicht gleich geradeaus die Vitu entlang laufen, sondern einen kurzen Abstecher nach rechts machen. Nach wenigen Metern erreicht ihr eine der fotogensten mittelalterlichen Gassen der Altstadt: den Katharinengang (Katariina käig). Die schmale Kopfsteingasse mit ihren alten Steinbögen, entlang der Mauern des ehemaligen Dominikanerklosters, ist wirklich hübsch – wenngleich heute natürlich fest in der Hand von Touristen. Weniger überzeugend fanden wir den in unmittelbarer Nähe liegenden „Hof der Meister“, eine nachgebaute Mittelaltergasse mit Kreativshops und Cafés. Da lasst euch lieber durch die Altstadt treiben, ihr werdet viele schöne, authentischere Orte finden!
Rathausplatz mit gotischem Rathaus und Apotheke aus 1422
Mittelpunkt der unteren Altstadt ist der Rathausplatz (Raekoja plats) mit seinem gotischen Rathaus – das einzige komplett erhaltene gotische Rathaus in Nordeuropa. Recht touristische Cafés und Restaurants zieren dem Platz, der insbesondere beim alljährlichen Weihnachtsmarkt zur Hochform aufläuft. An der nordwestlichen Ecke könnt ihr eine der ältesten, durchgehend betriebenen Apotheken Europas, bestaunen.
Neben dem Rathausplatz werdet ihr in der Altstadt viele weitere malerische Orte und Straßen finden – vor allem, aber nicht nur, mit mittelalterlicher gotischer Architektur. Besonders hübsch ist eine der Hauptstraßen durch die Altstadt, die Pikk tänav (Langstraße). In der Pikk 18 steht mit dem „Drachenhaus“ eines der schönsten Jugendstilgebäude der Stadt, gegenüber mit dem „Reichmann-Haus“ in der Pikk 23-25 ein weiteres Jugendstil-Prachtexemplar. Direkt daneben befindet sich die russische Botschaft, erkennbar am Protestzaun vor dem Gebäude. Eine Seitenstraße der Pikk tänav, die Rataskaevu tänav, ist ebenfalls sehr hübsch anzuschauen. Hier können wir ein Besuch im Restaurant Rataskaevu 16 (ihr dürft dreimal raten, hinter welcher Hausnummer es sich verbirgt) empfehlen, mit modern interpretierten estnischen Gerichten in historischem Ambiente und einer überaus freundlichen, kreativen Bedienung. Nicht weit vom Restaurant entfernt findet ihr ein weiteres Zeugnis der jüngeren Geschichte Estlands: das Denkmal für einen der berühmtesten estnischen Autoren Eduard Vilde (1865-1933).
Domberg mit Domkirche und Alexander-Newski-Kathedrale
Neben der unteren Altstadt bildet der Domberg (Toompea) mit seiner Oberstadt den zweiten Publikumsmagneten. Hier oben besuchen wir zunächst die zwei Aussichtspunkte Patkuli und Kohtuotsa, die einen schönen Blick über die Unterstadt bis zur Ostsee bieten – untermalt von klassischer Musik von Straßenkünstlern. Wer noch einen weiteren Blick von oben haben möchte, dem sei der Kirchturm der Olaikirche (Oleviste kirik, gebührenpflichtig) empfohlen. Wir setzen unseren Weg fort zum lutherischen Dom von Tallinn (Tallina Domkirik). In deren Innerem hängen zahlreiche Wappen sowie mit der Ladegast-Sauer-Orgel eine der berühmtesten Konzertorgeln Europas. Normalerweise kostet die Kirche keinen Eintritt, doch wir haben das Glück, dass gerade ein Orgelkonzert gegeben wird. Gerne zahlen wir daher 5,- Euro Eintritt und lauschen dem berühmten Instrument.
Die zweite Hauptattraktion des Dombergs ist die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale (Eintritt frei). Der prachtvolle Innenraum der Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Kirche mit seiner Ikonostase darf leider nicht fotografiert werden. Vor der Kathedrale liegt der Schlossplatz (Lossi plats), gegenüber im Tallinner Schloss tagt das estnische Parlament. Einen Steinwurf davon entfernt steht die repräsentative Residenz der Deutschen Botschaft in Tallinn.
Telliskivi: alternatives Kreativ-, Kultur- und Ausgehviertel
Während viele (Kreuzfahrt-)Touristen nur die Altstadt und den Domberg besuchen, finden wir es außerhalb derselben genauso spannend. Jenseits des Baltischen Hauptbahnhofs (Balti Jaam) liegt ein altes Industrie- und Gewerbeviertel, das sich in den letzten Jahren massiv gewandelt hat. Entstanden ist die Telliskivi Creative City (estnisch: Telliskivi Loomelinnak), ein lebhaftes Kreativ- Kultur- und Ausgehviertel. Übersetzt bedeutet Telliskivi „Ziegelstein“, bezeichnenderweise das Baumaterial vieler Gebäude. Dieses schnörkellose, raue industrielle Erbe trifft auf moderne Energie und Kreativität – ein spannender Kontrast. Das Viertel ist bekannt für seine farbenfrohe Street-Art, Galerien, Museen, Theater, Cafés und Restaurants. Live-Musik, Spielplätze, Urban Gardening Projekte und Flohmärkte sorgen für pulsierendes Leben, das sowohl die Einheimischen als auch die Besucher schätzen.
Das „Eingangstor“ zu Telliskivi bildet übrigens die überdachte Markthalle Balti Jaama Turg. Ich liebe Markthallen und wir statten natürlich auch dieser einen Besuch ab. Es gibt schon ein paar nette Dinge hier, wie beispielsweise die typischen eingelegten Gurken. Aber insgesamt empfinde ich diese Markthalle als sehr touristisch und Produkte und Essen dort als sehr teuer – lieber weiter in die Creative City laufen und dort eines der vielen Cafés oder Restaurants besuchen. Wir können das Café Tempo, insbesondere das Tasting Menü mit einer Mischung aus orientalisch-mediterranen und estnischen Gerichten, wärmstens empfehlen.
Kalamaja: bunte Holzhäuser
Telliskivi liegt im Stadtteil Kalamaja, der eine weitere Besonderheit beherbergt: traditionelle Holzhäuser. Schon im Mittelalter lag hier ein Vorort von Tallinn, in dem Fischer und Handwerker wohnten. Mit der Industrialisierung und dem Bau einer Eisenbahnverbindung nach St. Petersburg siedelten sich hier vor allem Industrie- und Hafenarbeiter an und lebten mit ihren Familien in vergleichsweise einfachen, oft zweistöckigen, Holzhäusern. Etwas jüngere Holzhäuser aus den 1920er/30er Jahren haben einen massiven Treppenhausturm: Um ein zentrales Treppenhaus aus Stein oder Beton gruppieren sich zwei symmetrische hölzernen Flügel des Hauses („Tallinner Haus“).
Während der sowjetischen Besatzung (1944-1991) verfielen die historischen Häuser, die Menschen zogen lieber in besser ausgestattete Plattenbauten. Um die Jahrtausendwende entdeckten zunächst Studierende, Künstler und Kreative, später Familien und junge Akademier, das Viertel und den Charme der alten Häuser, in denen zentrumsnaher Wohnraum günstig vorhanden war. Eine Sanierungswelle setzte ein und die neuen Bewohner schlossen sich zur „Kalamaja Selts“ (Kalamaja-Gesellschaft) zusammen, um den historischen Charakter des Viertels vor Neubauprojekten zu schützen. Der Strukturwandel ist noch nicht abgeschlossen, ihr findet hier einen spannenden Mix aus alten, verfallenen Häusern und hübsch sanierten Objekten, aber die Gentrifizierung schreitet, nicht zuletzt auch durch die Aufwertung von Telliskivi, stetig voran. Seit 2001 besteht von Seiten der Stadtverwaltung für die Häuser ein großflächiger Ensembleschutz, der das Gesamtbild erhalten soll und strenge Renovierungsauflagen mit sich bringt.
Lost Place Linnahall und Tallinn-Schriftzug
Gegenwärtig (noch?) nicht saniert ist ein anderes, ebenfalls denkmalgeschütztes Objekt: die Linnahall („Stadthalle“). Sie trug ursprünglich den Namen W.-I.-Lenin-Palast für Kultur und Sport und wurde zu den Moskauer Olympischen Sommerspielen 1980 erbaut, deren Segelwettbewerbe in Tallinn ausgetragen wurden. Heute sind die ehemalige Mehrzweck- und Eissporthallen ein Lost Place, auf deren Dach sich jedoch gerne Einheimische und Touristen treffen, um den Blick über die Stadt und die Ostsee vor allem bei Sonnenuntergang zu genießen. Und wenn ihr schon einmal hier seid, empfehle ich einen kurzen Spaziergang zum fotogenen „Tallinn-Schriftzug“ direkt am Hafen/Kreuzfahrtterminal (in Google Maps zu finden unter dem Stichwort Tallina tähed).
Unser Fazit zu Tallinn: Die mit weniger als 500.000 Einwohnern vergleichsweise kleine Hauptstadt ist eine Stadt der kurzen Wege: In und um die Altstadt lässt sich alles gut zu Fuß erkunden. Der Kontrast zwischen UNESCO-geschützter mittelalterlicher Altstadt und der jüngeren Stadtentwicklung in den kreativen Trendvierteln Telliskivi und Kalamaja macht Tallinn in meinen Augen zu einer der spannendsten, sehenswertesten Städte in Europa.

























































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