Amerika

Mein erster persönlicher Berührungspunkt mit dem amerikanischen Kontinent war ein Schüleraustausch mit einem – sorry – Kaff („Arnold“ – kennt kein Mensch) bei St. Louis im Bundesstaat Missouri. Fast hätte dieses Erlebnis dazu geführt, dass ich die Lust verloren hätte, die USA zu bereisen (was zum Glück nicht passiert ist). Warum? Sagen wir es mal vorsichtig: Die Mentalität im „Mittleren Westen“ und die Lebensweise meiner Gastfamilie hat mich etwas irritiert. Oder findet ihr es normal, euch nicht zu Fuß fortzubewegen und Radfahrer auszubuhen, weil sie sich auf der Straße bewegen, aber gleichzeitig läuft Sport in der Endlosschleife im Fernsehen? Eine Vitaminpille angeboten zu bekommen, wenn ihr euch ein Stück Obst im Supermarkt wünscht? Alle Afroamerikaner aus der Schule zu drängen, aber stolz zu verkünden, man dulde hier immerhin drei „Indians“ (nebenbei: Die Schule trug den Namen der hiesigen Ureinwohner)? An der Schule zahlreiche Schwangere zu haben und bei nahezu jeder Party (zu der ich selbstverständlich nicht gehen durfte), Hasch und Gras zu konsumieren, während das kleinste bisschen Bier (mit einem Alkoholgehalt von 2 Prozent) völlig verpönt ist? Ich war damals fast 17 Jahre alt und mich hat diese Doppelmoral schwer beschäftigt.

Und jeden Sonntag ging es natürlich ganztägig in die Kirche, erst Gottesdienst, dann Gemeindeprogramm – na ja, dort habe ich auch eine bestimmte Art von „Land und Leuten“ kennengelernt. Ich habe ja nichts gegen einen Gottesdienstbesuch, aber ich hätte schon auch gerne etwas mehr vom Land gesehen. Zum Glück durfte ich mit den anderen Austauschschülern im Rahmen des offiziellen Programms wenigstens St. Louis mit seinem imposanten Gateway-Arch besuchen – andere Schulkameraden fuhren mit ihren Familien nach Chicago oder Memphis. Schließlich bettelte ich so lange, bis meine Gastfamilie wenigstens einmal ihr Wochenend-Programm (wie gesagt: Fernsehen und Kirche) änderte, damit ich ins nahe Hannibal durfte, und dort Mark Twains Geburtshaus und heute ein kleines Museum sowie die Mark Twain Höhle anschauen durfte. Ich dachte mir, die gesellschaftliche Welt von Tom Sawyer ist kompatibel mit der heutigen Welt im Mittleren Westen… Natürlich gab es auch ganz andere Familien dort, ich hatte offensichtlich das große Los „Familie Klischee“ gezogen (fairerweise muss ich sagen, dass sie aber zumindest zu mir sehr nett waren).

Heute bin ich froh über diese Erfahrung, hilft sie mir doch, so manches (Wahl-)Verhalten der Amerikaner zu verstehen. Und dass es auch sehr viel liberaler eingestellte Menschen, vor allem in den Neuengland-Staaten und in Kanada, gibt, habe ich mittlerweile natürlich auch gelernt, bei mehreren Reisen, nach Massachusetts, Maine, New York, Kalifornien und dessen benachbarte Staaten, Toronto/Niagara Falls, Florida und (da geht es aber schon wieder mit den Klischees los) Georgia und South Carolina.

In den 80er Jahren habe ich auch Mittelamerika zum ersten Mal bereist, mit meinen Eltern gleich zweimal hintereinander die Dominikanische Republik, als dieses Land noch kein Pauschalurlauberziel war. Wir waren unter anderem an der Grenze zu Haiti am Lago Enriquillo, in den Bergregenwäldern bei einer Aufzuchtstation des Vogelparks Walsrode sowie in den Cordilleras, wo Bernstein gefunden und Gold abgebaut wird (mein Vater war wie gesagt Geologe) – also alles andere als das typische heutige Pauschalurlauberprogramm. Auch Mexiko, die Halbinsel Yucatan, habe ich mit meiner Familie bereist, und war sehr beeindruckt von den Maya-Bauwerken, der Landschaft mit ihren „Cenotes“, den Regen- und Trockenwäldern, der Unterwasserwelt vor Cozumel und im Sian Ka’an Nationalpark sowie von den schönen Stränden.

Um mein Spanisch zu verbessern, war ich 2002 mit einer Freundin auf einer Sprachschule in Guatemala, in Xela (Quetzaltenango), der zweitgrößten Stadt des Landes. Dies war sicher eine meiner aufregendsten Reisen, Guatemala bestimmt eines der interessantesten, aber auch „gefährlichsten“ Länder, die ich bereist habe. Es fing schon kurz nach der Ankunft an: Unser Flug hatte Verspätung und wir landeten erst nachts. Der Fahrer, der uns nur wenige Kilometer zu unserem Guesthouse in der Hauptstadt bringen sollte, raste mit einem Affenzahn durch die dunkle Stadt, jede rote Ampel ignorierend. Mit quietschenden Bremsen hielt er schließlich vor einem Grundstück, das von einer 4 Meter hohen Mauer, versehen mit Glasscherben und Nato-Stacheldraht, umgeben war – unser Domizil zum Glück nur für eine Nacht. Wo sind wir denn hier gelandet, fragten wir uns leicht schockiert.

Nach einer ebenfalls aufregenden Fahrt mit einem (technisch etwas veralteten) Bus ins Hochland wurde zum Glück in Xela alles besser und sowohl unsere Gastfamilie war reizend, als auch das gesamte Sprachschulenpersonal und hier fühlten wir uns auch vergleichsweise sicher. Aber in den touristischen Hochburgen am Lago Atitlan und in der wunderschönen Kolonialstadt Antigua sind Raubüberfälle nicht selten und alleine nachts in der Stadt oder auch tagsüber zu einer Wanderung hätten wir uns nicht getraut. Neben einer extrem freundlichen indigenen Bevölkerung gibt es in diesem armen Land leider eine große Drogen- und Bandenkriminalität.

Nichtsdestotrotz war es ein toller Urlaub: Das grüne Hochland mit seinen rauchenden Vulkanen (die aber durchaus auch sehr gefährlich werden können), der wunderschöne Lago Atitlán mit seinen netten Dörfchen, die farbenfrohen Märkte zum Beispiel in Chichicastenango, das UNESCO Weltkulturerbestädtchen Antigua. Ich würde wieder dorthin reisen!

Was mir noch gänzlich fehlt, ist Südamerika – aber man muss ja auch noch Ziele haben!

 

 

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