Michel, Pippi und Tjorven, Jonathan, Ronja, Madita und Lisa gehörten zu meinen liebsten Kindheitshelden. Fast alle Bücher von Astrid Lindgren habe ich verschlungen und als Erwachsene mit meinen Töchtern begeistert die Filme dazu angeschaut. Die meisten ihrer Geschichten spielen in der südschwedischen Provinz Småland, in der Astrid Lindgren geboren wurde und aufgewachsen ist. Als wir uns für einen Urlaub in Dänemark und Südschweden entschieden haben, war für mich klar: Ich muss unbedingt nach Småland.
Vimmerby
Astrid Lindgren wurde 1907 auf dem Hof Näs in Vimmerby geboren. Immer wieder berichtet sie über ihre schöne Kindheit, geprägt von Geborgenheit und Freiheit gleichermaßen, die sie zu viele ihrer Werke inspiriert hat. In und um Vimmerby finden sich heute zahlreiche Originalschauplätze, Film-Locations, Denkmäler und Freizeiteinrichtungen rund um Astrid Lindgren und ihre Werke, einige haben wir uns angeschaut.
Wir beginnen auf dem zentralen Platz der Kleinstadt Vimmerby (Stora Torget), wo ein Denkmal für die Autorin steht, gleich neben der Tourist-Information. Auch die Dekoration auf dem Platz eine Reminiszenz an die berühmteste Tochter der Stadt: die Hoppetosse und „Klein-Bullerbü“ laden zum Spielen ein. Ein kurzer Spaziergang führt uns auf den Friedhof der Stadt. Rechts hinten, bei der Nähe der kleinen Kapelle, ist die Autorin neben ihren Eltern begraben. Wir mussten fragen, um das Grab zu finden. Um den schlichten Grabstein stehen ein paar Blumensträuße, auf ihm liegen ein paar kleinere Steine. Einen Kilometer von ihrem Grab entfernt hat Astrid Lindgren ihre Kindheit verbracht, auf dem Hof Näs. Es werden Führungen durch ihr Elternhaus angeboten, eine Ausstellung widment sich ihrem Leben, im Garten steht der bekannte Limonadenbaum. Da die Führungen leider ausverkauft waren, haben wir Näs nicht von Innen gesehen.
Astrid Lindgrens Welt
Wir haben stattdessen Astrid Lindgrens Welt (Astrid Lindgrens Värld) besucht. Im Internet wird die riesige Anlage als Themenpark bezeichnet, ich finde „Freilichttheater“ trifft es besser. Denn der Charme des Parks entsteht durch zahlreiche Freilichtbühnen vor passender Kulisse, auf denen jeweils 15 bis 25 Minuten lang Szenen aus Astrid Lindgrens Büchern dargeboten werden. Erst war ich skeptisch, denn die Schauspieler sprechen nur Schwedisch. Aber da ich (und mit mir auch die zahlreichen nicht-schwedisch-sprachigen Besucher) diese Szenen in- und auswendig kenne, springt der Funke trotzdem über, und die Schauspieler sind auch richtig gut, auch wenn eine asiatische Pippi zunächst irritiert. So schauen wir uns an, wie Pippi Besuch von den Dieben bekommt, Madita, Lisbeth, Mia und Matti von Läusen befreit werden, Michel in den Tischlerschuppen flüchtet und Krümel Jonathan im Heckenrosental wiederfindet. Am Spannendsten finden wir die Mattisburg, wo bei Ronjas Geburt vor den Augen der staunenden Zuschauer der Donnerdrummel entsteht, die Wilddruden schauerlich greischen und die Graugnome tanzen.
Sobald die Aufführungen vorbei sind, werden die Kulissen für die Besucher freigegeben. Die Schauplätze sind im Inneren ebenso liebevoll ausgestattet und dürfen bespielt werden – und welches Kind möchte nicht mal Pippi treffen? Außerdem gibt es im Park viele weitere fantasievolle Spielplätze, unzählige Picknickplätze und natürlich auch Shops, Restaurants und Imbissstände. Der Park ist ideal für jüngere Kinder, aber auch wir können wir uns hier wunderbar einen ganzen Tag beschäftigen und die Aufführungen rechtfertigen meines Erachtens den recht hohen Eintrittspreis.
Hier noch ein paar Tipps: Kauft vorab sowohl das Eintritts- als auch das Parkticket. Kommt 30 Minuten vor der eigentlichen Öffnungszeit – dann bekommt ihr nicht nur einen guten Parkplatz, sondern könnt zumindest in der Hochsaison früher in den Park – bei uns öffnen sich die Parktüren 20 Minuten vor der offiziellen Einlasszeit. Im Internet wird empfohlen, mindestens 15 Minuten vorher im jeweiligen Theater zu sein. Das ist nach unserer Erfahrung selbst in der Hochsaison nicht nötig (es sei denn, ihr möchtet einen ganz speziellen Sitzplatz), bei uns fanden alle dank „Zusammenrück-Spielchen“ der Schauspieler einen Platz.
Original-Schauplätze und Drehorte rund um Astrid Lindgren
Unsere Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Tour wird perfekt, indem wir auch noch zwei Drehorte besuchen, die beide etwa 20 Minuten von Vimmerby entfernt liegen.
Unser erster Besuch gilt Bullerbyn, wie Bullerbü auf Schwedisch genannt wird. Im Dorf Sevedstorp stehen drei Häuser, die nicht nur die Original-Filmkulisse bilden. Der Mittelhof von Lisa, Lasse und Bosse ist gleichzeitig der Ort, an dem der Vater von Astrid Lindgren, Samuel August Ericssson, aufwuchs. Kein Wunder, dass sich die Autorin, die in ihrer Kindheit oft hier war, von diesem Ort und den Erzählungen ihes Vaters inspiriert fühlte! Die Häuserreihe ist bewohnt und kann nur von außen besichtigt werden. Zwar ist sie seit 1980, als der Film gedreht wurde, deutlich mehr eingewachsen. Aber sonst sieht es so aus, als ob Lisa, Britta und Inga oder Pontus, das Lämmchen, gleich ums Eck kommen würden!
Im Sommer können Kinder in einer Spielscheune im Heu toben, den „Limonadenbaum“ erkunden und alle zur Stärkung Waffeln oder Kanelbullar (Zimtschnecken) im Café genießen. Hier (oder direkt am Parkplatz) wird auch das Park-/Eintrittsticket (im Sommer 26 waren es 60 SEK, etwa 6 Euro) bezahlt, Parken könnt ihr auf dem ca. 300 Meter entfernten Parkplatz. Nach dem Besuch empfehle ich noch einen Stopp in der Holzkirche von Pelarne, eine der ältesten Holzkirchen Schwedens.
Nur wenige Autominuten von Sevedstorp/Pelarne entfernt, liegt Gibberyd. Der heute noch bewirtschaftete Hof bildete die Kulisse des Katthult-Hofs für Michel aus Lönneberga, der hierzulande Emil genannt wird. Beim Bezahlen des Eintritts (Erwachsene 100 SEK, Kinder 50 SEK, Parken frei) erhalten wir einen kleinen Plan zum weitläufigen Gelände, mit einer Kurzbeschreibung der Sehenswürdigkeiten. Das Haupthaus kann nicht besucht werden, wohl aber viele andere Gebäude auf dem Gelände, die aus den Filmen bekannt sind, wie der Tischlerschuppen mit den Holzmännchen, die „Trissebude“ (= Plumpsklo), wo Michels Vater Anton feststeckte, oder Alfreds Knechtshütte mit Schreibtisch und Tagebuch der Mutter Alma. Bis auf den Tischlerschuppen waren alle Gebäude seit jeher auf diesem typisch smalandischen Hof vorhanden. Ein Spielplatz, Streichelzoos mit Ziegen und Kaninchen und ein Hofladen mit Café komplettieren die Attraktion. Wir genießen unter der Fahnenstange noch einen Kanelbullar, leider weht an selbiger nur eine schwedische Flagge, nicht jedoch Ida.
Smålands Natur: Wälder und Seen
Die hübschen, meist roten, mitunter auch gelben, Holzhäuser, sind typisch für ganz Småland, auch wir haben ein solches Ferienhaus unweit von Vimmerby in Djursdala (das zugehörige Restaurant Musteriet ist sehr empfehlenswert). Und die Landschaft ist wirklich so idyllisch, wie wir sie aus den Verfilmungen kennen: Nadel- und Birkenwälder, viele Seen, dazwischen Viehweiden und besagte Häuschen.
Natürlich wollen wir diese schöne Natur auch genießen und unternehmen deshalb zwei kleine Wanderungen. Als erstes machen wir den Djursdalarundan – ein etwa 7 Kilometer langer, abwechslungsreicher Rundweg. Er führt durch Wald und über Wiesen, vorbei an den typischen eiszeitlich abgeschliffenen Felsen und an Bauernhöfen, jeder einzelne würde als Filmkulisse taugen. Unterwegs blühen viele Blumen und – noch interessanter: Überall gibt es Heidel-, Him- und Preiselbeeren, die alle nur darauf zu warten scheinen, von uns gepflückt zu werden. Der Haupteinstieg ist bei Djursdala in Ungstorp (mit Parkplatz), aber auch in Snokebo kann man starten. Der Weg ist gut ausgeschildert mit einer blauen Markierung und Kilometermarken. Auf diesem Weg sind wir tatsächlich niemand begegnet, es ist ein herrlicher Weg, um die Natur- und Kulturlandschaft Småland zu erleben!
Eine zweite Wanderung führt uns in den Nora Kvill Nationalpark. Vom Parkplatz aus (mit Plumpsklo und Picknicktischen) startet der Wanderweg zu einem oder zwei Seen – je nachdem, wie viele Kilometer man laufen möchte. Im größeren See blühen zahlreiche Seerosen, unterwegs sammeln wir wieder eifrig Beeren und finden auch einige Pilze, die wir aber stehen lassen. Im Gegensatz zum Djursdalarundan ist hier etwas mehr los, aber dennoch gefällt uns auch diese Wanderung sehr gut, wenn ich einmal davon absehe, dass ich beim Heidelbeer pflücken von einer Horde Waldameisen attakiert werde, deren Bisse mich noch tagelang schmerzen.
Und dann noch ein Elchpark…
Unser schwedischer „Klischee-Idyll-Urlaub“ wäre nicht komplett ohne welches Tier? Richtig: Elche! In der Natur sind die scheuen Tiere selten zu sehen, weshalb es zahlreiche Elchparks gibt. Auch bei Vimmerby gibt es einen, wir entscheiden uns jedoch für den Glasrikets Älgpark bei Nybro. Hier kann man „Elch-Safari-mäßig“ selbst hindurch fahren oder sich einer geführten Tour anschließen. Letztere hat den Vorteil, dass dabei Unmengen Birkenzweige zum Füttern mit transportiert werden, auf die die Elche total abfahren. Wir kommen den Tieren also auf diese Weise sehr nahe, sind quasi Aug in Aug mit ihnen und wer will, kann sie aus den offenen Fahrzeugen heraus sogar anfassen und streicheln. Außerdem geben die Ranger natürlich Erläuterungen und beantworten Fragen. Die majestätischen Tiere sind hier gar nicht scheu und wir genießen die Begegnungen mit Elchbullen, Kühen und Kälbern in vollen Zügen. Anschließend sind wir hungrig und beschließen, in das hiesige Restaurant einzukehren. Wenn ich schon einmal die Gelegenheit habe, kann ich einer Elchwurst nicht wiederstehen, sie schmeckt in der Tat sehr gut. Die Töchter finden das sehr makaber und bestellen lieber Pfannkuchen.
Mein Fazit zu Småland: Obwohl sie hoch waren, haben sich meine Erwartungen voll erfüllt. Ich bin zurückgekehrt in die Bücher- und Fantasiewelt meiner Kindheit und habe meine Helden von damals getroffen. Und Småland sieht tatsächlich im realen Leben so aus, wie ich mir die Landschaft immer vorgestellt habe. Egal, ob Kunstwelt oder Natur: Ich bin voll auf meine Kosten gekommen!






































































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