Das etwas andere Programm: Kriegsschauplätze in Flandern

Ich und Kriegsschauplätze?!? Normalerweise mache ich eher einen großen Bogen um Militärmuseen, ehemalige Schlachtfelder und (die meisten) Kriegsfilme. Da mein Mann aber jegliche Art von geschichtlichem Stoff sehr fasziniert und man in Flandern an vielen Stellen auf das Thema Krieg stößt, habe auch ich mich bereit erklärt, eine Ausnahme zu machen. Und schließlich wollen wir auch unsere Kinder umfassend informieren und nicht die Augen verschließen vor den historischen Tatsachen.

Der Erste Weltkrieg in Ypern

Also fahren wir an einem Tag nach Ypern, auf belgisch Ieper. Wie auch Brügge und Gent war Ypern im Spätmittelalter durch den Tuchhandel eine wohlhabende Stadt mit einem entsprechenden historischen Stadtbild, bevor sie mit voller Wucht vom Ersten Weltkrieg getroffen und fast vollständig zerstört wurde. Traurige Berühmtheit erlangte Ypern durch den weltweit erstmaligen Einsatz von Chlorgas der deutschen Truppen im Jahr 1915 (bereits damals völkerrechtlich verboten). Viele Zivilisten und eine halbe Million Soldaten sind insgesamt im Ersten Weltkrieg rund um Ypern gefallen, zahlreiche Soldatenfriedhöfe in der Umgebung bezeugen dies.

Auch Ypern hatte einst eine mächtige, 132 Meter lange Tuchhalle, die zu den größten Profanbauten des Mittelalters gehörte. Sie wurde ebenfalls im 1. Weltkrieg nahezu komplett zerstört, aber später, wie viele Gebäude der Stadt, originalgetreu wieder aufgebaut. Seither gilt sie als Symbol für die Leiden des Krieges und den Wiederaufbau und beherbergt heute das mehrfach – und völlig zurecht – ausgezeichnete Museum In Flanders Fields.

Ypern Tuchhalle

Das Museum bietet eine höchst sehenswerte interaktive Ausstellung mit Erlebnisberichten vor allem über die Schlachtfelder rund um Ypern. Der Schwerpunkt liegt auf menschlichen Erfahrungen, neben militärischen Themen spielen auch sozialgeschichtliche Aspekte eine Rolle. Museumsgäste erhalten ein interaktives „Poppy(Mohnblumen)-Armband“, das man zu Beginn auf sich „personalisieren“ kann, indem man seine Rahmendaten eingibt (Geschlecht, Alter, Wohnort). An verschiedenen Stationen im Museum „trifft“ man dann – entsprechend seiner Daten – berühmte und weniger berühmte Persönlichkeiten aus der Zeit des 1. Weltkriegs und erfährt, was diese Menschen im Krieg erlebt haben (am Ende kann man sich seine „persönlichen Begegnungen“ auch per E-Mail schicken lassen). Auch für Kinder gibt es dieses Armband, sie lernen etwas über die Lebens- und Leidensgeschichten ihrer Altersgenossen während der Kriegszeit.

Darüber hinaus berichten „historische Augenzeugen“ (natürlich Schauspieler) in Filmen über bestimmte Kriegserlebnisse, an der Front, im Lazarett etc., alles auf vier Sprachen. Und natürlich gibt es auch zahlreiche Ausstellungsstücke wie Waffen, Uniformen, Briefe, Alltagsgegenstände oder die realitätsnahe Darstellung eines Schützengrabens. Aber insbesondere durch die „persönlichen“ Erzählungen über den Krieg aus der Perspektive derjenigen, die ihn erlebten, wird das Grauen fassbar – und das macht die Besonderheit dieses Museums aus. Dargestellt werden übrigens die Leiden aller Beteiligten (auch der Deutschen), aber gleichzeitig werden auch die Verantwortlichen genannt wie der Chemiker Fritz Haber, der das Chlorgas entwickelt hat.

Unser Fazit: Das Museum ist absolut sehenswert, für (ältere) Kinder wie für Erwachsene!

Belgien Ypern MohnblumenIn Ypern selbst begegnen uns überall die Mohnblumen, in Geschäften und vor allem am „Menenpoort„, dem Ehrenbogen mit Gedenkhalle für die Opfer des 1. Weltkriegs, wo noch täglich um 20 Uhr das „Last Post“ zu deren Gedenken geblasen wird. Die Mohnblume steht seit dem Ersten Weltkrieg symbolisch für den Krieg in Flandern, weil die selbst auf vergifteten Boden wachsende Blume die einzige Zierde war, mit der die Soldaten die Gräber der Toten schmücken konnten.

Der Zweite Weltkrieg: Atlantikwall (Raversyde)

Den Zweiten Weltkrieg thematisiert ein anderer Ort, Raversyde bei Ostende. Hier ist ein Teil der deutschen Verteidigungslinie „Atlantikwall“ zu sehen, der sich von der französisch-spanischen Grenze bis Norwegen erstreckte. In Raversyde stehen mehr als 60 Bunker, Beobachtungsposten und Geschützstellungen, auf zwei Kilometern Länge können die offenen und unterirdischen Gänge nebst Waffen-, Lazarett- und Schlafkammern besichtigt werden. Auch die Geschichte des belgischen Prinzen Karel, der immer wieder den Abriss der Anlage verhindert hat, wird erzählt und sein dortiges Wohnhaus präsentiert. Am Eingang erhält man einen Audioguide, mit dessen Hilfe anhand von Schildern entlang des Wegs die verschiedenen „Stationen“ und Exponate erklärt werden.

 

Was soll ich sagen… Dies ist genau die Art von Kriegsmuseum, die ich nicht gut gemacht finde. Zumindest mich interessieren diese ganzen militärischen „trockenen“, technischen Fakten nicht, welches Baujahr eine Pak oder Flak hat, wie sie schießt etc. – das ist es, was mir der Audioguide größtenteils erzählt (und nach ein paar solcher Texte schalte ich ihn ab). Die Anlage ist sehr gut restauriert und die Kinder fanden es spannend, mitten im Dünengürtel ober- und unterirdisch wie in einem Labyrinth darin „herumzutollen“, aber über das Grauen des Krieges haben sie herzlich wenig erfahren (nach zwei Stationen hatten auch sie keine Lust mehr, den Beschreibungen des Audioguides zu lauschen). Schade, die Anlage hätte großes Potenzial und zieht viele Besucher an – da kann man eindeutig mehr daraus machen!

Anno 1465

Zum Glück hatten wir ein Kombiticket gekauft, mit Eintritt für die daneben liegende Sammlung „Anno 1465„. Die Ankündigung, hier die Rekonstruktion des Fischerdorfs „Walraversijde“ aus dem Jahr 1465 vorzufinden, hat mich ehrlich gesagt zunächst nicht umgehauen. Aber dann erleben wir eine Überraschung: Dieses Freilichtmuseum ist sehr gut gemacht, gerade auch für Kinder!

Die Ausstellung beginnt mit einem Film über die Entstehung, Glanzzeit, Zerstörung und Verfall der Siedlung – ganz ohne Worte und trotzdem eine gute Einführung. Dann erhalten wir auch hier einen Audioguide, mit dem wir zu den und durch die vier Fischerhäuser laufen, Wohnhäuser und eine Bäckerei. Stimmen der mittelalterlichen Bewohner (Bürgermeister, Frau des Bürgermeisters, alte Witwe, Bäcker, Magd…) erzählen dabei ihre Geschichte, ihre Lebenswirklichkeit, ihre Wünsche und Sorgen. Ein Rundgang übers Gelände führt zu einer rekonstruierten Ausgrabungsstätte. Den Abschluss bildet ein Museum, in dem man wieder verschiedenen Geschichten aus der damaligen Zeit lauschen, sich Exponate erklären lassen und außerdem bei kleinen Spielchen interaktiv tätig werden kann. Klare Empfehlung für Familien mit Kindern!

 

 

 

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