Frühling auf Rhodos

An Rhodos scheinen sich die Geister zu scheiden. Selten haben wir im Vorfeld so viele negative oder „nur“ neutrale Bemerkungen über eine Reisedestination gehört wie bei Rhodos. Die Insel sei eine Massendestination, vor allem besucht von (britischen) Party-People, im Sommer und Herbst braun, ausgetrocknet und von Waldbränden heimgesucht, es gäbe wenig touristische Highlights. Ich gestehe, diese Aussagen haben eher meinen Ehrgeiz geweckt, da wollte ich mir doch gern selbst ein Bild machen. Und so haben wir an unseren Athenaufenthalt in den Osterferien kurzerhand eine Woche auf Rhodos angehängt.

Rhodos ist der Fläche nach die viertgrößte griechische Insel, mit über 3.000 Sonnenstunden als die „Sonneninsel“ beworben. Sie gehört zur Inselgruppe der Dodekanes in der Südost-Ägais – bis zur türkischen Küste sind es weniger als 20 Kilometer. Aufgrund einer Länge von 78 Kilometern und einer Breite von 38 Kilometern lässt sich die Insel in einer Woche prima erkunden.

Rhodos-Stadt: Windmühlen, Hirsche und der Großmeisterpalast

Wir starten unsere Erkundung natürlich im Hauptort, Rhodos-Stadt, an der Nordspitze der Insel. Zwar steht der Koloss von Rhodos, eine über 30 Meter hohe Bronze-Statue des Sonnengottes Helios, nicht mehr. Er zählte zu den sieben Weltwundern der Antike und thronte einst – so die Vermutung – über der Hafeneinfahrt der Stadt. Die heutigen Wahrzeichen der Hafeneinfahrt sind wahlweise die drei auf einer Mole stehenden Windmühlen aus dem 15. Jahrhundert oder alternativ die recht unscheinbaren Statuen Hirsch und Hirschkuh auf Säulen gegenüber der Mole und des Forts stehen, Wappentiere der Insel.

Hauptattraktion der Stadt ist jedoch zweifelsfrei der Großmeisterpalast der Johanniter. Die katholischen Ordensritter herrschten von hier aus ab dem 14. Jahrhundert über das östliche Mittelmeer, unterlagen im 16. Jahrhundert trotz imposanter Stadtmauern den Osmanen und zogen sich nach Malta zurück. Sie hinterließen neben dem Großmeisterpalast eine imposante mittelalterliche Kulisse in der Stadt, die seit 1988 zum UNESCO-Kulturerbe zählt.

Der Eintritt zum Großmeisterpalast ist kostenpflichtig, Tickets mit einem Zeitfenster können vorab im Internet gekauft werden, was in der Hauptsaison ratsam ist. Falls ihr euch wundert, wie gut das Gebäude erhalten ist: Es handelt sich um eine Rekonstruktion, der Originalpalast wurde – bis auf die zwei imposanten Eingangstürme – im 19. Jahrhundert nach einer Explosion in der Pulverkammer weitestgehend zerstört. Die italienischen Besatzer bauten den Palast zwischen 1937 und 1940 im Rahmen ihres monumentalen Größenwahns wieder auf, als Residenz für den italienischen Gouverneur und eigentlich auch als Zweitwohnsitz des italienischen Königs und von Benito Mussolini, doch dazu kam es nie.

Der Großmeisterpalast ist heute ein Museum, viele Räume sind mit schönen griechischen und italienischen Mosaiken verziehrt und Statuen dekoriert, es finden sich Insignien des Johanniterordens dort und zwei interessante Videoinstallationen über die Geschichte des Johanniterordens auf Rhodos und das heutige karikative Wirken des Malteserordens, der aus dem Johanniterorden hervorgegangen ist.

Auch außerhalb des Großmeisterpalasts ist die Stadt sehr sehenswert, besonders imposant die so genannte Ritterstraße (Odos Ippoton) vom Großmeisterpalast bis zum ehemaligen Hospital. Entlang des mittelalterlichen Kopfsteinpflasters reihen sich die einstigen Herbergen der Ritter, erkennbar an den jeweiligen Wappen.

Danach am besten einfach durch die Altstadtgassen treiben lassen. High Heels sind hier fehl am Platz, aber ansonsten eignen sich die Sträßchen prima zum Schlendern, an vielen Stellen wirkt das Städtchen fast wie eine Filmkulisse aus dem Mittelalter. Noch sind die zahlreichen Katzen sehr entspannt, aber in der Hochsaison ist vermutlich einiges los hier. Jetzt in der Vorsaison, bei dazu noch wechselhaftem Wetter, ist es herrlich leer.

Faliraki und die Anthony-Quinn-Bucht

Wenn ihr von Rhodos-Stadt aus in den Süden fahrt, könnt ihr entweder die Straße im Landesinneren wählen, die wenig attraktiv ist und durch langgezogene Gewerbegebiete mit vielen Bauruinen führt. Etwas hübscher ist die Straße entlang der Ostküste, allerdings überwiegt auch hier der Eindruck „ziemlich zugebaut“, auf Touristen ausgerichtet und charakterlos. Bestimmt sind einige der Hotels sehr schön und prima für einen Bade- und Relax-Urlaub geeignet, aber ich stelle mir für meinen Urlaub etwas anderes, „landestypischeres“ vor. Wer sich nur rund um die Nordspitze von Rhodos aufhält, zwischen Flughafen, Rhodos-Stadt und Faliraki, der empfindet die Insel sicher nicht als attraktiv. Besonders charmbefreit ist das Städtchen Faliraki, etwa 15 Kilometer von Rhodos-Stadt entfernt und einer der touristischen Hauptorte der Insel. Vom einstigen Fischerort ist kaum mehr was zu spüren. Stattdessen dominieren Bettenburgen und – noch viel schlimmer – Ramschläden, Bars, Clubs und Pubs der billigsten Kategorie, wo der Koloss von Rhodos, Dinosaurier oder Tiger samt effekthascherischer Leuchtreklame die Besucher ins Innere locken. Im Nachhinein bedauere ich, hier keine Fotos gemacht zu haben… Zum Saufen, Partymachen und in der Sonne brutzeln ist Faliraki, mit einem zugegebenermaßen ganz hübschen Strand, geeignet. Alle anderen sollten tunlichst im Hinterland oder an anderen Orten auf Rhodos Urlaub machen, von dort aus wirkt auch Faliraki nett.

Weiter gen Süden wird es dann – versprochen – idyllischer. Am südlichen Ende von Faliraki liegt die Anthony-Quinn-Bucht (eigentlicher Name: Vagies-Bucht), weltbekannt als Kulisse aus dem Film „Die Kanonen von Navarone“. Anthony Quinn hat sich bei den Dreharbeiten in den frühen 1960er Jahren in diese Bucht verliebt, kein Wunder! Die malerische Bucht mit ihrem türkisblauen Wasser ist wirklich idyllisch, und wohl die einzige auf Rhodos, wo Angeln verboten ist. Das und der Schutz durch die Felsen macht die Bucht auch zu einem Schnorchelparadies. Ein kleines, erstaunlich gut bewertetes Restaurant, ist ebenfalls vorhanden, wer will, kann auch an der Küste entlang wandern.

Seven Springs

Noch etwas weiter südlich bei Kolymbia liegt ein Stück im Landesinneren ein weiterer gerne von Touristen besuchter Ort: Seven Springs. Schon am Parkplatz empfangen uns unzählige Pfauen, während der Saison gibt es auch ein Restaurant. Wie der Name sagt, bilden hier sieben Quellen, alle mit Schildern beschriftet, ein kleines Bächlein. Für mich ist der Weg entlang dieses Bächleins durch das üppige Grün das Schönste, insbesondere als ich unterwegs noch eine seltene Orchidee, den Violetten Dingel, finde. Die Mehrheit der Besucher ist hingegen besonders vom Tunnel begeistert, eine 150 Meter lange enge Angelegenheit, die nichts für Leute mit Platzangst ist. Der Tunnel mündet in einen See samt künstlichem Wasserfall. Im Sommer soll dieser Spot schnell überfüllt und wenig idyllisch sein, im Frühjahr ist es hier herrlich und wir waren fast alleine hier.

Lindos, die „Hübsche“

Noch weiter südlich an der Westküste liegt ein weiterer touristischer Hotspot von Rhodos: das Städchen Lindos. Griechisch kann ich nicht, aber ein bisschen Spanisch und als ich Lindos sehe, denke ich sofort: der Name passt. Lindo/linda heißt hübsch auf Spanisch, im Altgriechischen, so lerne ich, bedeutet linthos Sumpfgebiet – nun ja, da passt das Spanische in meinen Augen besser. Denn Lindos ist tatsächlich sehr hübsch, mit seinen Altstadtgassen und seiner imposanten Akropolis. Unbedingt nach oben steigen und Tickets für den Burgberg lösen (Tickets auch online erhältlich). Hier oben thronen auf 116 Metern über dem Meer die Tempel der Athena Lindia und des Herakles sowie die Ruinen einer Johanniterburg samt Burgkirche. Perfekt der Ausblick von dort oben auf die Altstadt mit ihren weißen Häusern, das türkisblaue Meer und die zwei natürlichen Häfen.

Im Örtchen selbst begeistert mich vor allem der Kontrast zwischen den weißen Häusern und den aus braunem Kalkstein gemauerten, teils filigran gemeiselten Türrahmen samt ihren Holztüren. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: In der Hochsaison herrscht hier vermutlich dichtes Gedränge, in der Vorsaison herrlich. Um die Stadt herum und bis zur Südspitze von Rhodos liegen übrigens in meinen Augen weit attraktivere Ferienanlagen als im Norden.

Prasonisi: der Surfer-Spot

Südspitze von Rhodos ist ein gutes Stichwort, hier liegt Prasonisi. Prasonisi ist eine Halbinsel, die durch eine Sandbank mit der Insel verbunden ist. Meistens jedenfalls, das heftige Unwetter am Vortag hat bei unserem Besuch die Verbindung unterbrochen und den Parkplatz überflutet. In der Vorsaison ist hier nichts los und die Restaurants sind geschlossen, zur Saison ist das Gebiet bekannt als Surferparadies. Landschaftlich schön ist es allemal.

Kastell von Monolithos

Zwei Johanniterburgen, in Rhodos und Lindos, haben wir schon besucht, in Monolithos an der Südostküste steht eine dritte Burgruine in malerischer Lage. Dass sie nie eingenommen wurde, können wir uns gut vorstellen. Die Aussicht ist auch hier grandios, wir können wir uns kaum sattsehen am Farbenspiel des Grüns der Vegetation, der grau-braunen Kalkfelsen und des türkisblauen Wassers. Nebst Ruine steht auf dem Burgberg auch die Kapelle des heiligen Pantaleon, umgeben von Phönizischem Wacholder-Bäumen, die selbst auf den Felsen dank spezieller Wurzelsysteme offenbar fähig sind zu überleben.

Burgruine von Kritina

Die Johanniter waren während ihrer über 200-jährigen Präsenz auf der Insel wirklich fleißig – und sie haben es verstanden, die hübschesten Aussichtspunkte mit ihren Burgen zu besetzen. Mit dem Kritina Castle besuchen wir unsere letzte Johanniter-Burgruine auf Rhodos. Auch hier gilt: Was für eine perfekte Aussicht auf die Ägäis, die Insel Chalki und weitere Inseln!

  • Burgruine von Kritina

Lost Places auf Rhodos

Zurück von der Westküste fahren wir durch das Gebirge. Durch das schon erwähnte Unwetter ist das ein kleines Abendteuer: Da liegt ganz schön viel Zeug auf der Straße. Aber auch ohne Unwetter heißt es Aufpassen, vor allem auf die zahlreichen Ziegen! Landschaftlich lohnt sich die Fahrt aber ganz sicher, tolle Ausblicke auch hier garantiert.

Viele nehmen den Weg durch die Berge auch, um eines der Weinörtchen wie beispielsweise Embona, den Hauptanbauort für Wein auf Rhodos, zu besuchen und/oder Wein beim Erzeuger zu kaufen. „Platzhirsch“, dessen Produkte sich auch in vielen Supermärkten finden, ist Emery, aber es gibt viele weitere Erzeuger. Angebaut werden vor allem rote Rebsorten, wie der Mandiralia, aber auch weiße Sorten wie Athiri.

Wir fahren durch das Gebirge vor allem um uns zwei Lost Places anzuschauen, beide Überbleibsel aus der italienischen Besatzungszeit. Wir beginnen in Eleousa, wo uns am Ortseingang eine riesige Zisterne empfängt, in der heute eine bedrohte Süßwasserfischart lebt. Die Italiener nannten das Dorf unterhalb des dritthöchsten Berges Profitis Ilias Champochiaro und siedelten hier Forstarbeiter aus Südtirol an. Neben Häusern für die Waldarbeiter bauten sie eine katholische Kirche, ein Verwaltungsgebäude, eine Schule und sogar ein Kino sowie eine Art Fitnesscenter. Nach Abzug der Italiener entstand aus dem Verwaltungsgebäude für kurze Zeit ein Sanatorium, das heute eine kleine, öffentlich zugängliche Ausstellung beherbergt. Die katholische wurde in eine orthodoxe Kirche (Agios Charalambos) umgewandelt, die an Sonntagen gut besucht ist, wie wir sehen konnten. Alles bis auf die Kirche steht heute leer und ist ein spannender Lost Place mit unzähligen Fotomotiven.

Nicht weit davon entfernt, an der Abzweigung zum Profitis Ilias, liegt auf knapp 800 Metern Höhe das Hotel Elafos. Es wurde einst für italienische Offiziere erbaut und ist heute noch bzw. wieder in Betrieb. Hier parkt ihr am besten das Auto, überquert die Straße und schlagt euch durch den Wald, über in Teilen noch vorhandenen Wegen, nach oben, um die recht gut versteckte Villa de Vecchi zu erreichen. Das Gebäude wurde in den 1930ern als Sommerresidenz für den Gouverneur Cesare Maria di Vecchi errichtet, der wohl den Wunsch hegte, dass auch Mussolini sich dort einfinden würde, was nie geschah. Daher trägt dieser Lost Place auch den Beinamen Mussolini-Villa. Eigentlich ist der Blick von der Villa über die Insel grandios, das verhinderte bei unserem Besuch Nieselregen und Nebel – was den Platz aber noch mystischer machte. Bei Sturm würde ich das Gebäude sicher nicht betreten, und auch das obere Stockwerk scheint mir zu gefährlich. Aber das Erdgeschoss erkunden wir ausgiebig und schauen uns die Graffitis an – ja, „I want to believe that one day the world would be better, too“! Ebenfalls ein sehr interessanter Lost Place, unbedingt besuchen.

Hand auf’s Herz: Findet ihr Rhodos unattraktiv? Ich finde das definitiv nicht, höchstens in den Massentourismuszentren im Norden und entlang der Ausfallstraßen von Rhodos-Stadt. Und ein weiteres Highlight in unmittelbarer Umgebung folgt noch: die malerische Insel Symi. Lasst euch überraschen im nächsten Blog!

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