Beaune – historisches Flair und noch mehr Burgunder

Beaune ist die zweite Stadt im Burgund, die wir besuchen. Um die Kleinstadt besser kennen zu lernen, haben wir eine Tour über das Tourismusbüro von Beaune gebucht. Schon der mehrsprachige, sehr informative Internetauftritt zeigt: Das ist eine Stadt, die weltweit Besucher anzieht und gut vermarktet wird! In der Tat ist die Beratung über E-Mail sehr professionell und nachdem mir einige Vorschläge unterbreitet wurden, entscheiden wir uns für eine 1,5-stündige deutschsprachige Führung durch Beaune mit anschließender Weinverkostung (siehe: Climats, Clos und Cistersiens – die Weinregion Burgund).

Kostenloses Parken direkt an der Stadtmauer ist in Beaune problemlos möglich (u.a. Süden: Parking Madeleine, Norden: Parking Lorraine) und unsere Führerin Karoline Knoth empfängt uns direkt vor der Tourist-Information an der Stadtmauer (Porte Marie de Bourgogne). Die gebürtige Deutsche wohnt seit 20 Jahren in Mersault etwas südlich von Beaune und ist Historikerin, Völkerkundlerin und Önologin. „Ob wir ein Stück der Stadtmauer erwerben wollen würden“, lautet ihre Einstiegsfrage. Nun ja, wir könnten wie wir sehen die Tourist-Info hier unterbringen oder ein Museum, aber noch viel interessanter sind die dicken Mauern für Weinhändler. Sie haben auch an mehreren Stellen zugegriffen, vor allem an den „dicken Ausbuchtungen“, hier Boulevards genannt, und dort lagern heute hinter den ehemaligen Schießscharten die Weinvorräte. Boulevards kennen wir eher als Pariser Prachtstraßen, sprachlich entstammt das Wort dem mittelniederländisch bulwerc oder deutsch Bollwerk und meint den geschliffenen Teil einer ehemaligen Stadtmauer. Auch in Beaune wurden viele Häuser entlang der inneren Mauer abgerissen und so kann man auch im Inneren der Beauner Altstadt an manchen Stellen die Mauer entlang spazieren. Vereinzelt stehen in der Nähe der Stadtmauer (und anderswo) auch noch mittelalterliche Gebäude, zu erkennen am Fachwerk, viel aus dieser Zeit ist jedoch abgebrannt.

  • Beaune - Boulevard / Weinlager in der Stadtmauer
  • Beaune - eines der ältesten Häuser

Weiter führt unser Weg durch die Altstadt und immer wieder macht uns Karoline Knoth auf etwas aufmerksam oder erzählt eine Anekdote. Wir laufen am Hôtel-Dieu vorbei (siehe ausführlich unten) und am ehemaligen herzoglichen Renaissancepalast Hôtel des Ducs de Bourgogne, der heute das burgundische Weinmuseum beherbergt. An der Basilique Notre-Dame bestaunen wir deren verschiedene Architekturstile, unten romanisch, in der Mitte gotisch und ganz oben Renaissance. Wir hören Geschichten, zum Beispiel die von der Heiligen Marguerite Parigot oder Marguerite vom Heiligsten Sakrament. 1619 in Beaune geboren, war sie schon früh extrem gläubig und zog bereits als 11-Jährige in das örtliche Karmeliter-Kloster. Dort verehrte sie insbesondere das Jesuskind und hatte offensichtlich landesweit einen entsprechenden Ruf. Denn eines Tages suchte sie sogar Königin Anna von Österreich, Gemahlin von Ludwig dem XIII., auf und betete mit ihr um einen männlichen Thronfolger, der ihr zuvor über 20 Jahre lang verwehrt war. Und siehe da: Kurze Zeit später wurde Ludwig der XIV. geboren. Unterhalten mit derlei Geschichten genießen wir das Schlendern durch die schöne Stadt noch mehr!

  • Beaune - L'Hotel des Ducs / Herzogspalast
  • Beaune - L'Hotel des Ducs / Herzogspalast
  • Beaune - L'Hotel des Ducs / Herzogspalast
  • Beaune - Weinmuseum im Herzogpalast
  • Beaune - Notre Dame
  • Beaune - Porte Saint Nicolas

Hôtel-Dieu oder Hospices de Beaune

Der berühmteste Sehenswürdigkeit der Stadt sei ein extra Abschnitt gewidmet: dem mittelalterlichen Hôtel-Dieu, Teil der Beauner Hospizien (Mehrzahl, da es an anderer Stelle in der Stadt noch ein weniger bekanntes Hospiz gibt). Dieses (Armen-)Hospital gründete Nicolas Rolin, Kanzler des burgundischen Herzogs Philippe-le-Bon, im 15. Jahrhundert nach Ende des Hundertjährigen Krieges, Vorbild waren ähnlicher Einrichtungen in Flandern und Paris. Vordergründig geschah dies aus Mildtätigkeit zur Unterstützung und Pflege von Armen und Alten, die hier in einem riesigen Krankensaal für die damalige Zeit bestens gepflegt wurden. Motivation dahinter war jedoch vor allem, etwas für das eigene Seelenheil zu tun und sich mit dem guten Werk Bonuspunkte bei der kirchlichen und himmlischen Macht zu sichern. Nichtsdestotrotz war das Hôtel-Dieu für das Mittelalter eine sehr fortschrittliche und hilfreiche Einrichtung – und jahrhundertelang bis in die Neuzeit eine soziale Einrichtung und gleichzeitig wissenschaftliche Forschungsstätte. Übrigens nahmen schon bald nach Gründung auch Bürgertum und Adel – natürlich in getrennten Räumen – die Dienstleistungen des Krankenhauses in Anspruch, das bis 1971 als solches genutzt wurde.

Mit dem Bau des Hôtel-Dieu demonstrierte Rolin auch seine finanzielle Macht. Was auf uns heute von außen wie eine steinerne Festung und mit ihrem grauen Schieferdach eher düster wirkt, zeigte den Menschen im Mittelalter den Reichtum Rolins. Holz war damals das vorherrschende Baumaterial, wer sich ein komplettes Gebäude diesen Ausmaßes aus Stein, mit teuer importierten Ziegeln, leisten konnte, musste unfassbar reich sein. Interessanterweise spricht uns Jetztzeitmenschen optisch viel mehr der innen gelegene Ehrenhof des Hospizes an. Seine bunt glasierten Dachziegel, ausgelegt in geometrischen Mustern, und die malerischen Dachgauben, gelten als das Wahrzeichen der Kleinstadt, wenn nicht sogar des ganzen Burgunds. Dass die Ziegel bunt sind, ist jedoch laut Karoline Knoth ein Werk der Neuzeit, sie spricht gar von „Folklore“, und entspricht nicht dem historischen Aussehen.

  • Beaune Hotel-Dieu - Außenfassade und Eingang
  • Beaune Hotel-Dieu - Eingang
  • Beaune Hôtel-Dieu Innenhof
  • Beaune Hotel-Dieu - Innenhof
  • Beaune Hôtel-Dieu Innenhof bunte Ziegel und filigrane Gauben

Für den Besuch des Hôtel-Dieu benötigt man zu Coronazeiten ein zeitgebundenes Online-Ticket. Natürlich werden hier auch zahlreiche Führungen angeboten, alternativ erhält man einen Audio-Guide oder ein Faltblatt mit Plan und vielen Informationen für den Rundgang. Dieser startet im Herzstück des Hospizes, im Großen Armensaal. Hier boten rechts und links je 15 Holzkojen Platz für 2 Kranke pro Bett, die von Ordensschwestern versorgt wurden. Praktischerweise befindet sich am Ende des Krankensaals die Kapelle, eine perfekte Symbiose zwischen den medizinischen und religiösen Aspekten des Hospizes. Ohne ihr Bett verlassen zu müssen, konnten die Kranken dem Gottesdienst lauschen.

  • Beaune Hotel-Dieu - Großer Armensaal
  • Beaune Hotel-Dieu - Großer Armensaal
  • Beaune Hotel-Dieu - Großer Armensaal, Decke

Der weitere Rundgang führt unter anderem durch eigene Krankensäle für die reicheren Kunden und die Sterbenden sowie durch die Küche, Apotheke und das Labor, wo alles liebevoll aufgebaut ist und so wirkt, als ob es gerade erst verlassen wurde. Die Räumlichkeiten bergen außerdem unzählige Exponate aus dem Lebensalltag und Wirken des Hospizes und zusätzlich teils sehr berühmte und wertvolle Kunstwerke. Manche wurden von Rolin selbst angeschafft, der das Ziel verfolgte, das Hotel-Dieu zu den prachtvollsten Hospitäler seiner Zeit zu machen. Andere Werke sind Stiftungen, Schenkungen und Vermächtnissen von sonstigen Wohltätern und Kranken zu verdanken. Die Fülle dieser Schätze führt dazu, dass man vom Hotel-Dieu auch vom „Palast der Armen“ spricht.

  • Beaune Hôtel-Dieu Saal Saint Hugues
  • Beaune Hotel-Dieu - Hof
  • Beaune Hotel-Dieu - Apotheke
  • Beaune Hotel-Dieu - Küche

Zum Hôtel-Dieu gehören seit dem Ende des 15. Jahrhunderts, ebenfalls vor allem durch Schenkungen, auch Weinberge. Noch heute hat das angeschlossene Weingut eine Rebfläche von 60 Hektar (Jahresproduktion 700 Fässer), 80 Prozent mit Pinot Noir und 20 Prozent mit Chardonnay bestückt, 85 Prozent der Rebfläche sind Premier Cru- und Grand Cru-Lagen. Das Weingut hat einen Weltruf und lässt sich seine Weine entsprechend bezahlen, Höchstpreis für ein Fass mit 228 Litern Fassungsvermögen waren 40.000 Euro. Jedes Jahr im November werden die Weine bei einer Auktion versteigert, früher wie heute eine wesentliche Einnahmequelle der Hospizien. Entsprechend finden sich in der Ausstellung unter anderem auch Weinprobiergefäße und der dazugehörige Wein kann erworben werden.

  • Beaune Hotel-Dieu - Wein
  • Beaune Hotel-Dieu - Weintasting Utensilien

Noch mehr burgundische Genüsse

Nicht nur die hübsche und vielfältige Architektur macht einen Spaziergang in der verkehrsberuhigten Altstadt so attraktiv, sondern auch die zahlreichen Köstlichkeiten, die sich hier entdecken lassen. Durch unseren Altstadtspaziergang in Dijon (Dijon: Stadt der Eulen und kulinarischen Genüsse) und unsere Runde durch die Clos und Climats von Vougeot (Climats, Clos und Cistersiens – die Weinregion Burgund) fühlen wir uns schon ein bisschen mit den regionalen Spezialitäten vertraut. Auch in Beaune begegnen uns diese Leckereien auf Schritt und Tritt: Da wäre der Distillateur Védrenne, berühmt für seine Crème de Cassis (Johanisbeer-Likör, es gibt aber auch zahlreiche andere Sorten) aus Nuits-Saint-Georges – wichtige Zutat für den Kir (siehe auch: Dijon). Auch Mulot & Petitjean (siehe ebenfalls bei Dijon) mit seinem Gewürzbrot begegnet uns wieder, daneben zahlreiche Käsespezialisten, Weinhändler oder Geschäfte, in denen es gleich sämtliche Beauner Genüsse zu kaufen gibt. Ein Schlemmerparadies!

Karoline Knoth macht uns zusätzlich noch auf drei Besonderheiten aufmerksam: erstens den besten Schokoladenladen der Stadt, die Patisserie Passion Millot (Place Monge), zweitens ihren Lieblingsweinhändler Le Cellier de la Cabiote (Rue de L’Enfant), der auch sehr gute Weinproben macht. Und drittens: die Charcuterie Maison Raillard (Rue Monge). „Metzger“ wäre zu kurz gegriffen, dekorativ thront der Pokal dieses Spezialitätengeschäfts in der Mitte zahlreicher Sülzen – wie dem typischen Jambon Persillé -, Pasteten, Würsten, aber auch Fischprodukten und andere Besonderheiten wie Schnecken – für Vegetarier ist die burgundische Küche sicher nicht optimal. Zu den Escargots de Burgogne sagt unsere Führerin, dass sie beim Studium historischer Speisekarten im Dijoner Archiv keinen Hinweis auf Schnecken gefunden hat – sie waren in der Vergangenheit eher ein Nahrungsmittel zu Hungerszeiten als eine Delikatesse für Bürgertum und Adel.

  • Beaune Vedrenne Cassis
  • Beaune Charcuterie Maison Raillard
  • Jambon Persillé
  • Beaune - Käse
  • Beaune - Leckereien rund um Beaune

Und zuguterletzt noch ein Tipp für gute regionale Küche in familiärer Atmosphäre: Das Restaurant La Ciboulette (Rue de Lorraine). Die Franzosen sind offensichtlich große Fans von Facebook, auch dieses Restaurant hat (leider) keine vernünftige Website, sondern nur einen FB-Auftritt. Aber immerhin klappt (im Gegensatz zu Italien) die Kommunikation per E-Mail und unsere Tischreservierung im „Schnittlauch“ wird freundlich bestätigt – und eine solche ist dringend notwendig. Als wir ankommen, ist im Restaurant jeder Stuhl besetzt und wir wissen bald auch warum: Das Ciboulette bietet Mittags zwei Dreigang-Menüs (22 und 33 Euro, mit Wahlmöglichkeiten) an, das Preis-Leistungsverhältnis ist unschlagbar. Superleckeres Essen und die kleine quirlige Chefin sorgt für gute Laune – klare Empfehlung!

Unser Fazit zu Beaune: ein wunderhübsches Kleinstädtchen mit viel Charme und hohem Genussfaktor, in dem sich Vieles um Wein dreht. Wer tiefer in die Stadt- und Weingeschichte einsteigen will, dem sei ein Rundgang mit Karoline Knoth sehr ans Herz gelegt!

Ein Kommentar zu „Beaune – historisches Flair und noch mehr Burgunder

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  1. Jetzt habe ich nochmal Urlaubsgefühle bekommen. Und festgestellt, da sollte man nochmal hinfahren, um alles zu testen und die Köstlichkeiten zu genießen. Danke für den tollen Beitrag!

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