Bologna, die Hauptstadt der Region Emilia-Romagna, hat keinen Spitzenplatz unter den italienischen Top-Destinationen inne. Die Touristenmassen überlässt die norditalienische Stadt und ihre knapp 400.000 Einwohner gerne Rom, Florenz und Venedig. Tatsächlich landet Bologna nicht einmal unter den „Top Ten“ bei den Besuchern italienischer Städte. Völlig zu unrecht – oder zum Glück? – so unser Fazit nach einem Wochenende in dieser Stadt, die fast noch ein Geheimtipp ist.
Aber eines hat Bologna der „Ewigen Stadt“, „La Bella“ und „La Serenissima“ voraus. Sie hat gleich drei Spitznamen, die neugierig machen: „La Dotta, la Rossa, la Grassa“.
„La Dotta“: Die älteste Universität der westlichen Welt
„La Dotta“ heißt übersetzt „die Gelehrte“. Man höre und staune: Bologna beheimatet die älteste Universität der westlichen Welt, bereits Ende des 11. Jahrhunderts gegründet. Man höre und staune noch mehr: Während anderswo das tiefste Mittelalter herrschte, waren hier bereits damals Frauen zugelassen. Mit über 90.000 Studierenden behauptet sich Bologna heute innerhalb Italiens auf Platz 3 der Studienorte und präsentiert sich – wenig verwunderlich – als junge und sehr lebendige Stadt.
Unser Einstieg in „La Dotta“ geschieht jedoch traditionell, mit dem Palazzo dell‘ Archiginnasio an der Piazza Galvani. Dieser Palazzo wurde im 16. Jahrhundert zum Hauptsitz der Universität und beherbergt heute im Wesentlichen die Stadtbibliothek. Zu einer Haupttouristenattraktion der Stadt wird der Palazzo durch drei Dinge: Die zahlreichen Wappen und Fresken der Studierenden und Lehrenden, welche die Wände und Decken der Flure und Zimmer höchst dekorativ schmücken. Das Teatro Anatomico, den in Form eines Amphitheaters gestaltete, ehemalige Anatomielehrsaal der Universität samt Seziertisch. Unweigerlich stellen wir uns vor, wie die Studierenden mehr oder weniger bleich um die Nase um den marmornen Tisch standen, den Gerüchen trotzend und sich an die Brüstung klammernd, unter den Augen der Statuen zahlreicher berühmter Ärzte (darunter Hippokrates), den „Spellati“ (den Gehäuteten) rechts und links des Dozenten und des Gottes der Heilung, Apollo, der von der Decke schwebt. Schaurig-schön! Dritte Attraktion des Archiginnasio ist einer der Hörsäle, genannt Stabat Mater, der repräsentativste Saal der ehemaligen Universität. Er wird heute noch von der Bibliothek unter anderem für Lesungen genutzt und kann Besuchern daher gelegentlich verschlossen bleiben, so wie die gesamte Bibliothek nicht öffentlich zugänglich ist. Vom Stabat-Mater-Saal aus bietet sich jedoch durch eine vergitterte Tür ein toller Einblick in die nicht minder ehrwürdige Bibliothek.
Wem das alles zu „verstaubt“ ist, der kann sich auf Spurensuche nach modernem studentischen Flair in der Stadt machen. Wir werden fündig in der auf den ersten Blick eher kleinbürgerlich wirkenden Via del Pratello. Unweit des historischen Zentrums gelegen, finden sich in dieser Straße zahlreiche Street Art Kunstwerke, nebst diversen Cafés, Bars und Restaurants sowie mehreren Cannabis-Automaten, die wir in der ganzen Stadt verteilt sichten. Der hohe Studierendenanteil spiegelt sich übrigens auch in unzähligen „hippen“ Cafés überall in der Stadt und vielen jungen Bedienungen, die (verzeiht mir diesen Seitenhieb, sonst sehr geschätzte italienische Durchschnittsgesellschaft) angenehmerweise endlich mal des Englischen mächtig sind.
„La Rossa“: rote Ziegel und terrakottafarbene Häuser
Warum Bologna auch „La Rossa„, die Rote, genannt wird, erschließt sich dem Besucher am besten von oben: Hier seht ihr am besten die durchgängig rote Ziegelfarbe der mittelalterlichen Dächer sowie die vorherrschenden terrakotta- bis ockerfarbenen Fassaden der Häuser. Und gleichzeitig eine weitere Besonderheit Bolognas: die zahlreichen Geschlechtertürme der Stadt! Mittelalterliche Quellen berichten von 180, heute sind noch knapp 20 erhalten. Sie dienten der Machtdemonstration („meiner ist der höchste“), Angriffs- und Verteidigungsmittel.
Bolognas Geschlechtertürme
Einen guten Aussichtspunkt über die Dächer der Stadt zu finden, ist nicht mehr ganz so einfach, denn es ist aktuell nicht mehr möglich, den höchsten Turm Bolognas zu besteigen. Der 97 Meter hohe „Torre degli Asinelli„, mit dem benachbarten „Torre della Garisenda“ die „due torri“ und ein Wahrzeichen der Stadt bildend, ist derzeit aus Sicherheitsgründen gesperrt (Stand Januar 2025). Wer die beiden Türme von unten sieht, mag darüber wenig erstaunt und vielleicht sogar glücklich sein. Lauft mal um die beiden Türme herum, sie sehen aus jeder Perspektive ziemlich schief aus!
Die Internetseite der Due Torri schlägt vor, stattdessen den Uhrenturm (Palazzo d’Accursio) unweit von San Petronio zu besteigen. Der ist allerdings nicht besonders hoch. Unsere Empfehlung für alle, die an einem Sonntag hier sind, lautet: besucht den Torre dei Prendiparte! Dieser 60 Meter hohe Turm bietet einen fantastischen Ausblick über die Altstadt, die Due Torri und bis zum Santuario Madonna di San Luca auf einem Hügel vor den Toren der Stadt. Leider kann der Turm derzeit nur am Sonntag im Rahmen von einer Führung bestiegen werden (Tickets möglichst vorab buchen), aber es lohnt sich. Der Auf- und Abstieg über schmalstufige und steile Treppen ist ein bisschen abenteuerlich (vor allem für Höhenängstliche) und führt über diverse Zwischenstockwerke, bei denen allerhand über die Historie erzählt wird. Der Prendiparte war zunächst im Besitz der gleichnamigen einflussreichen Familie, gehörte später der Kirche, die hier ein Gefängnis unterhielt, wovon diverse Kritzeleien und Bilder in einem der Zimmer zeugen.
Typisch Bologna: Arkadengänge (Portici)
Neben den Geschlechtertürmen ein weiteres Wahrzeichen der Stadt sind die zahlreichen Arkadengänge, UNESCO-Weltkulturerbe. In der Innenstadt sind diese „Portici“ (Portikus/Portiken) insgesamt sage und schreibe etwa 40 Kilometer, mit den Außenbezirken sogar über 60 Kilometer lang. Der längste von ihnen mit 666 Bögen auf einer Länge von vier Kilometern führt zur bereits erwähnten Madonna di San Luca und ist der weltweit längste Portikus. Es gibt diese Säulengänge gemauert, aus Holz, traditionell oder modern bemalt, sie bieten zuverlässig Schutz vor Wind und Wetter für Spaziergänger oder manch einen Restaurantbesucher.
Imposante Kirchen: Santo Stefano und San Petronio
Für mich liegt einer der schönsten Portiko-Plätze in Bologna rund um die Piazza Santo Stefano, ein Prachtstück mit terrakottafarbigen Arkaden der diversen Palazzi. Namensgebend ist die ebenfalls sehr sehenswerte Basilika di Santo Stefano. Von besagtem Platz aus wirkt die romanische Basilika nicht gerade groß, doch hinter den Mauern verbirgt sich ein Kirchenkomplex aus mehreren Kirchen, deshalb auch „sete chiese“ genannt. Ein Gang oder eine Tür führt in die jeweils nächste Kirche oder den Kreuzgang, eine (kostenlose) Besichtigungstour macht ganz sicher auch Kindern Spaß! Die Hauptkirche ist ab 7.30 Uhr, alle Kirchen ab 9.30 Uhr für Besucher geöffnet.
So langsam haben wir uns zum eigentlichen Stadtzentrum „vorgearbeitet“, zur Basilika di San Petronio. Die Fassade an der Piazza Maggiore wirkt nicht groß, aber diese Hauptkirche Bolognas ist immerhin weltweit die fünftgrößte und die größte aus Backstein erbaute Kirche. Letzteres wird an der unvollendeten Hauptfassade sichtbar: Der untere Bereich ist mit Marmor verziert, im oberen Teil ist der rohe Backstein gut zu erkennen.
Im Inneren der Kirche (Eintritt grundsätzlich kostenlos, Ausnahme unten) findet ihr als Besonderheit den Meridian des Astronomen Giovanni Domenico Cassini. Dabei handelt es sich um ein astronomisches Messinstrument, das die höchsten Sonnenständen des Jahres markiert, mit fast 70 Metern die längste Mittagslinie der Welt.
Wenn ihr euch wundert, warum die Kirche schwer bewacht wird (vor der Tür ein Armeefahrzeug, zwei Bewaffnete kontrollieren den Eingang), so liegt dies an einer Darstellung des Weltgerichts im Inneren (wer direkt davor stehen will, muss Eintritt zahlen, das dient allerdings eher der „Zugangskontrolle“, ihr könnt es aber auch von etwas weiter entfernt ganz gut sehen). Auf diesem Bild ist in der Hölle oberhalb von Luzifer der bärtige Prophet Mohammed als „Glaubensspalter“ zu sehen, der von einem Dämon am Kopf gepackt wird. Wegen dieser beleidigenden Darstellung hat laut Medienberichten die italienische Polizei bereits zweimal einen Anschlag islamistischer Terroristen auf die Kirche vereitelt.
Vor der Basilika liegt besagter Hauptplatz Piazza Maggiore mit dem Rathaus und der Tourist-Information. Gleich daneben befindet sich die Piazza del Nettuno mit dem Neptunbrunnen. Dass Bologna ein oberitalienisches Zentrum der Resistenza war, zeigt sich hier an der Außenwand des Palazzo Communale mit Portraits von gefallenen WiderstandskämpferInnen.
Und was gibt es sonst noch in Bologna? Macht euch einfach zu Fuß auf den Weg durch die Stadt, dann wird euch noch allerlei Sehenswertes begegnen. Beispielsweise der Anblick einer der mittlerweile meist überbauten Kanäle, die die Stadt durchziehen. Oder das ehemalige jüdische Ghetto. Und unzählige Cafés, Restaurants, Imbisse und Feinkostläden, was uns zum nächsten Kapitel führt!
„La Grassa“: Paradies für Foodies
„La Grassa“ bedeutet „die Fette“ – ein vielleicht für manche wenig schmeichelhaft klingender Spitzname. Tatsächlich ist die typische Kulinarik in Bologna und Umgebung nichts für Magermodels, Veganer und Gesundheitsgurus: zu kohlenhydrat-, schweinefleisch-, fett- und weinlastig. Allerdings stammen viele kulinarischen Produkte, die weltberühmt sind, aus der Gegend um Bologna, weshalb wir unseren Aufenthalt hier sehr genossen haben und ich einen eigenen Foodblock dazu schreiben werde.
An dieser Stelle sei nur in Kürze gesagt, was alles in und um Bologna seine Ursprünge hat. Sicherlich jedem bekannt ist die Bolognese-Sauce, die hier meist „al ragù“ genannt wird und nie mit Spagetti, sondern mit Tagliatelle gereicht wird. Weniger bekannt dürfte sein, dass auch die Lasagne aus Bologna stammt, ebenfalls mit „ragù bolognese“ zwischen den meist 6 Teigschichten zubereitet. Und auch eine dritte weltweit bekannte Pasta-Spezialität entstammt aus dieser Gegend: die Tortellini, hier traditionell gefüllt mit einer Mischung aus Schweinemett, Mortadella, Parmaschinken und Parmesan. Tortellini gibt es oft „in brodo“ (in der Brühe), aber auch als Streetfood, frittiert mit Parmesansauce. Die große Schwester dieser Spezialität sind Balanzone, oft mit grünem Teig und etwas größer. Bologna ist außerdem der Geburtsort der Wurstspezialitäten Mortadella und der weniger bekannten Salame rosa, letztere ist nicht so gleichmäßig wie die Mortadella, sondern etwas gröber.
Weitere weltberühmte Spezialitäten aus dem Umland Bolognas, die auch in der Hauptstadt überall angeboten werden, sind der kräftige, lang reifende Hartkäse Parmigiano (Parma ist knapp 100 Kilometer entfernt), Aceto Balsamico und der perlige Rotwein Lambrusco aus Modena (50 Kilometer entfernt). Dieser Lambrusco hat kaum etwas zu tun mit der pappsüßen tiefroten Einstiegsvariante in die Welt des Weingenusses, den ich als Teenager in den 80er Jahren hatte.
Wenn euch diese Spezialitäten interessieren und ihr auch noch wissen wollt, was ein Cotoletta alla bolognese auszeichnet oder was Tigelle sind, dann schaut einfach in den dazugehörigen Foodie-Blog (Emilia-Romagnas Spezialitäten: weit mehr als Tortellini, Mortadella und Lambrusco), der neben den typischen Spezialitäten auch ein paar Orte vorstellt, wo diese verkostet oder erworben werden können.




























































Sehr interessant, wie immer. Bologna ist schon ewig auf meiner Bucket List. Aber jetzt warte ich mal gespannt noch den Foodie Blog Eintrag ab.
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Hallo Katja, dann nichts wie hin! Der Foodie Blog folgt bald 😉
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Danke für diesen wunderbaren Beitrag. Wir besuchen Bologna seit Jahren und sind immer wieder begeistert. LG Stefania
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Liebe Stefania, wir werden ganz sicher auch „Wiederholungstäter“!
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