Pays d’Auge: die drei genussreichen normannischen „C“

Frankreichs Küche ist für viele der Inbegriff von Genuss, die kulinarische Vielfalt und Raffinesse weltweit bekannt und geschätzt. Auch in der Normandie kommen wir genießerisch voll auf unsere Kosten, gerade auch, weil wir alle Fisch und Meeresfrüchte sehr lieben. Namentlich bei uns eher unbekannt ist das Pays d’Auge (v.a. in den Départements Calvados und Orne). Mit seinen Apfelbäumen und auf grünen Wiesen grasenden braun- und schwarzbunten Kühen gilt diese Landschaft als Inbegriff der ländlichen Normandie und bringt die drei bekannten normannischen „C“ hervor: Calvados, Cidre und Camembert. Und wie wir lernen, noch viel mehr!

Käse: Camembert, Livarot, Pont L’Évêque und Neufchâtel

Von vier normannischen Käsesorten mit AOP-Status („Appelation d’Origine Protégée“ – geschützte Herkunftsbezeichnung), allesamt im Original Rohkuhmilch-Weichkäse, werden drei im Pays d’Auge produziert: der Camembert, der Livarot und der Pont L’Évêque. Nur der Neufchâtel wird auf der anderen Seite der Seine hergestellt. Praktischerweise sind alle diese Käsesorten nach normannischen Dörfern benannt, was die Suche nach einer Käserei sehr erleichtert – an allen diesen Orten sind Käseproduzenten einfach zu finden. Wer es noch leichter haben will, dem sei ein Besuch in der Fromagerie Graindorge in Livarot empfohlen. Hier können praktischerweise gleich alle vier normannischen Käsesorten (kostenlos) probiert und gekauft werden. Bei einem (ebenfalls kostenlosen) Rundgang durch Ausstellungsräume der Fromagerie werden außerdem allerlei Informationen rund um die Käsegeschichte und -herstellung, inklusive eines Films über die Milchproduzenten, gezeigt. Wer vormittags oder am frühen Nachmittag kommt, kann außerdem die Käseproduktion verfolgen. Insbesondere die des goldgelben, sehr herzhaften Livarot, den ihr leicht an der Farbe und an den fünf Schilfgras-Bändern, mit denen er umwickelt ist, erkennen könnt. Das Schilfgras soll ihm Standhaftigkeit verleihen, weshalb der Käse auch „Colonel“ genannt wird. Meine Lieblinge waren neben dem Camembert eher der quadratische Pont L’Évêque (mild, buttrig-nussig) und der herzförmige Neufchâtel (Rinde leicht pilzig, geht eher ins säuerliche), beide zeichnen sich insbesondere im jungen Zustand durch eine milde Cremigkeit aus. Allen Käsefans ist ein Besuch bei Graindorge wärmstens empfohlen!

  • Vier normannische Käsesorten auf einen Blick
  • Vier normannische Käsesorten auf einen Blick
  • Fromagerie Graindorge: Käseproduktion
  • Fromagerie Graindorge: Käseverkostung und -verkauf
  • Livarot im Pays d'Auge

Cidre, Poiré, Pommeau und Calvados

Außer Kuhmilch werden im Pays d’Auge vor allem Äpfel (und zu geringerem Anteil auch Birnen) produziert und verarbeitet. Wie schön, dass beides gut zusammenpasst, denn der Normanne trinkt zu seinem Käse am Liebsten einen Cidre. Im Gegensatz zum „Hessischen Äppler oder Äppelwoi“ wird beim Cidre die Kohlensäure bei der Fermentation nicht „freigelassen“, d.h. Cidre ist ist immer ein spritziger, kohlensäurehaltiger Apfelschaumwein. Zwischen Beuvron-en-Auge, Cambremer und Bonnebosq liegt die Route du Cidre – aber keine Sorge, auch abseits dieser Route werdet ihr überall Hinweisschilder auf Cidre-Produzenten finden! Auch der regionale Cidre trägt das Gütesiegel „AOP Pays d’Auge“, mit 48 für die Cidre-Produktion zugelassenen, oftmals „alte“ und nur regional erhältliche, Apfelsorten (nur 28 sind es beispielsweise im Cidre AOP Cotentin). Vom bretonischen Cidre unterscheidet sich der normannische übrigens grundsätzlich durch einen höheren Anteil süßlicher Apfelsorten. Cidre gibt es von süß (doux) über demi-sec (halbtrocken) bis brut (trocken) – entscheidend ist der Restzuckeranteil.

Neben dem Cidre hat die Normandie noch ein besonderes Getränk vorzuweisen: den Poiré, auch normannischer Champagner genannt. Für diesen werden statt Äpfeln Birnen vergoren und ich liebe das Getränk mit seinen feinen Birnennoten! Es passt in meinen Augen mindestens genauso gut zu den normannischen Weichkäsesorten wie Cidre…

Ebenfalls in der Normandie beheimatet ist der Pommeau, ein süßer Apfelaperitif mit 17 Volumenprozent Alkoholgehalt.

Deutlich bekannter ist der normannische Apfel-(und Birnen)Edelbrand Calvados mit einem Alkoholgehalt von 40 bis 45 Volumenprozent. Es gibt drei Sorten Calvados, alle mit AOP-Siegel: den „normalen“ Calvados, Calvados Pays d’Auge und Calvados Domfrontais (höherer Birnenanteil). Benannt ist das Getränk nach dem Département Calvados, sein Herkunftsgebiet hinsichtlich der strengen AOP-Richtlinien ist jedoch deutlich größer. Zugelassen zur Calvadosherstellung sind nur bestimmte Apfel- und Birnensorten, die nach einem bestimmten Verhältnis miteinander gemischt werden – wie genau ist eines der Geheimnisse der jeweiligen Brennerei. Ähnlich wie Whisky lagert auch Calvados für mehrere Jahre in Eichen- oder Kastanienholzfässern und wird mit längerer Lagerungszeit immer dunkler und im Geschmack komplexer. Getrunken wird er als Digestif oder auch zwischen den einzelnen Menügängen, um ein „trou normand“ zu schaffen, ein Loch, das die weitere Aufnahme von Speisen ermöglicht…

Bei einer Rundfahrt durch das Pays d’Auge findet ihr wie gesagt überall Schilder von Produzenten, die zur Verkostung und Kauf einladen. Manche von ihnen bieten noch ein bisschen mehr, wie die Domaine Calvados Christian Drouin in Pont L’Évêque (richtig, der Käse). Verkostet werden kann unter anderem Calvados Pays d’Auge in verschiedenen Altersstufen, aber auch Calvados Domfrontais, Pommeau, Cidre und Poiré (gratis!). Kindern wird Apfelsaft angeboten – laut unserer Töchter einer der besten, den sie jemals getrunken haben. Kostenlos ist auch eine Führung über das Anwesen und durch die Brennerei. Aber auch ohne Führung ist die Domaine mit ihren Fachwerkhäusern hübsch und sehenswert, die Apfelbäume rundherum sind liebevoll beschriftet. Wir können einen Besuch bei Christian Drouin sehr empfehlen!

  • Maison Christian Drouin
  • Maison Christian Drouin - Poiré

Ein bekannter Name im Pays d’Auge ist auch das Château du Breuil in Breuil-en-Auge, auch La Spiriterie Française genannt. Wie der Name sagt, befindet sich diese Spirituosen-Brennerei um ein hübsches Fachwerk-Schlösschen herum, auch hier werden Degustationen und Führungen angeboten (kostenpflichtig). Uns persönlich war diese Distillerie zu „kommerziell“, aber für das Schlösschen und den Park lohnen sich schon ein kurzer Stopp.

  • Château du Breuil
  • Château du Breuil

Bevor ihr dann all die Schätze verkostet, die ihr auf der Rundfahrt durch das Pays d’Auge erstanden habt, empfehle ich noch einen Zwischenstopp in einem der hübschesten Dörfer der Region: in Beuvron-en-Auge. Auch dieses Örtchen zählt zu den hübschesten Frankreichs und ist mit seiner ländlichen Fachwerk-Romantik der Inbegriff des Au(g)enlands.

  • Beuvron-en-Auge

Viel Spaß bei einer genussreichen Tour durch das Pays d’Auge!

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