Wir reisen mit dem Auto nach Prag an (Achtung: Vignette für die Autobahnen nicht vergessen, am besten vorab online kaufen). Als wir die Prager Innenstadt und das sehr empfehlenswerte The Manes Boutique Hotel erreichen, ist unser erster Eindruck: So viele gut gepflegte historische Fassaden! Und tatsächlich wurde Prag im 2. Weltkrieg größtenteils von Bomben verschont, denn es gab keine kriegswichtige Industrie und die Stadt wurde hauptsächlich von Tschechen bewohnt. Dieser Eindruck bestätigt sich bei einem ersten Spaziergang entlang der Moldau und auch bei unseren folgenden Wegen durch die Innenstadt Prags bewundern wir immer wieder die architektonische Vielfalt und die sehr gut erhaltene historische Architektur, ob aus der Romanik, Gotik, Barock oder Jugendstil. An wenigen Stellen haben doch Weltkriegsbomben eingeschlagen, eine dieser Lücken hat der Architekt Frank Gehry mit dem Tanzenden Haus gefüllt. Das Gebäude ist ein gern genutztes und oft empfohlenes Fotomotiv von Instagrammern, für mich ein typisches Beispiel von „überbewertet“.
Klementinum: barocke Pracht, historische Instrumente und toller Ausblick
Am nächsten Morgen beginnt unser Spazierweg durch Prag am Clementinum (tschechisch Klementinum), ein ehemaliges Jesuitenkolleg, nach der Burg der zweitgrößte Gebäudekomplex der Stadt. Das schmucke Barockgebäude beherbergt heute die Tschechische Nationalbibliothek sowie mehrere wissenschaftliche Institute. Die Besucher (nur geführte Touren möglich, sehr begrenzte Tickets) bekommen nur einen winzigen Teil des Gebäudes zu sehen, darunter eine der schönsten Bibliotheken der Welt. Das wollte ich mir natürlich ansehen, alte Bibliotheken wie die Biblioteca Joanina in Coimbra, die des Trinity Colleges in Dublin oder auch die weniger bekannte Stiftsbibliothek in St. Gallen faszinieren mich. Als Geografin interessiert mich natürlich auch der Meridiansaal mit historischen Instrumenten im astronomischen Turm. Auf dessen Spitze blickt der Riese Atlas auf die Stadt herab, er trägt das Himmelsgewölbe voller Sterne auf seinen Schultern.
Der morgendliche Start im Clementium hat seinen Grund: Die ersten beiden Führungen des Tages (9 Uhr auf Englisch, 9.30 Uhr auf Tschechisch) kosten nur den halben Eintrittspreis. Eine Buchung sofort nach Veröffentlichung des Wunschbesuchstags ist unbedingt empfehlenswert. Ich war nur einen Tag zu spät und wir mussten uns die Führung auf tschechisch anhören. Ist aber nicht weiter schlimm, denn es liegen Handzettel zur Tour auch auf Deutsch aus. In besagte Bibliothek dürfen wir nur einen Blick von einer der Eingangstüren werfen. Aber – wow! – sie ist echt beeindruckend und sehenswert. Sehr gerne wäre ich ganz durch diesen wunderschönen Barocksaal mit seinen wertvollen Büchern gelaufen und hätte mir die beeindruckenden historischen Globen (hab extra gegoogelt, Globen und Globusse geht beides) genauer angeschaut, die auf einer Schautafel draußen erklärt werden.
Weiter geht es nach oben in den astronomischen Turm, über knapp 200 Stufen in engen (Wendel-)Treppen. Wir passierten astronomischen Instrumente, darunter die alte „Sonnenuhr“, die mittels eines Lichtstrahls durch ein Loch in der Wand die Mittagszeit misst. Im Turm befindet sich auch eine der ältesten durchgängig genutzten Wetterstation der Welt, seit 1775 wird hier regelmäßig die Temperatur, ein paar Jahre später auch Niederschlag und Luftdruck, gemessen. Also seit 250 Jahren! Auch wer sich nicht für diese historischen Messungen und Instrumente interessiert, wird spätestens beim Ausblick von oben über die Stadt begeistert sein. Unterhalb von Atlas haben wir in 52 Metern Höhe einen wunderbaren Rundumblick über die Stadt und unsere nächsten Stationen.
Karlsbrücke: die Heiligen stehen Spalier
Vom Klementinum sind es nur ein paar Schritte zu einem der Wahrzeichen von Prag: der Karlsbrücke. Sie ist die bekannteste Prager Brücke über die Moldau und europaweit eine der ältesten Steinbrücken. Als Teil der Prager Altstadt gehört die Brücke aus dem 14. Jahrhundert zum UNESCO Weltkulturerbe. Sie ist mehr als 500 Meter lang und 10 Meter breit – viel Platz für Dekoration, sollte man meinen. Der Brückenschmuck in Form zahlreicher Heiliger, kam allerdings erst Jahrhunderte später dazu. Eine der bekanntesten ist die Bronze-Statue des heiligen Johannes Nepomuk, ein böhmischer Priester, der im 14. Jahrhundert von der Karlsbrücke gestürzt und in der Moldau ertränkt worden war. Seine Bronzetafel (oder auch den Sockel seiner Statue) zu berühren, soll nicht nur Glück bringen, sondern auch eine Rückkehr nach Prag garantieren – das lassen wir uns nicht zweimal sagen! Auf der Brücke stehen aber unter anderem auch der Heilige Wenzel (gleich mehrfach), Johannes der Täufer und der Heilige Christophorus, insgesamt sind es 30 Figuren. Die heutigen Skulpturen sind Repliken, die Originale stehen im Nationalmuseum.
Altstadt: herausgeputzte Fassaden, die Aposteluhr und der hängende Freud
Von der Karlsbrücke gelangen wir unter dem Altstädter Brückenturm hindurch in die Prager Altstadt, zu einem weiteren Wahrzeichen der Stadt: dem gotischen Altstädter Rathaus, wie die Karlsbrücke ursprünglich im 14. Jahrhundert erbaut. Für die Tschechen ist es eine Art Nationalheiligtum, denn es ist nicht nur das älteste Rathaus des Landes und Symbol der Selbstverwaltung, sondern es gilt auch als Ausdruck der tschechischen Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus. Der Prager Aufstand wurde von hier aus organisiert, weshalb es auch durch Granatenbeschuss nahezu vollständig zerstört wurde. Doch vor diesem geschichtlichen Hintergrund erstaunt es nicht, dass die Prager ihre Ikone wieder originalgetreu aufgebaut haben. Zu jeder vollen Stunde versammeln unter der Rathausuhr unzählige Touristen, um den Vorbeimarsch der zwölf Apostel zu bewundern. Wie die Stadt selbst (siehe: Zwei Tage in Prag – Stadt der vielen Namen) trägt auch diese Uhr zahlreiche Namen: neben Rathausuhr wird sie auch Altstädter Astronomische Uhr oder Aposteluhr genannt, gemeint ist immer dieselbe. Das Schauspiel ist kurz und am Interessantesten für uns der glockenziehende Sensenmann. Spannender als die Apostelpolonaise ist die Uhr selbst mit ihren drei Zeigern: dem Sonnenzeiger, dem Mondzeiger und der Anzeige der Tierkreiszeichen. Irgendwie haben die Prager ein Faible für das Astronomische, scheint uns. Und dann „stolpern“ wir gleich auch noch über den Prager Meridian von 1652 auf dem Altstädter Ring zwischen der Mariensäule und der Statue von Jan Hus. Der Meridian diente der Messung der Mittagszeit und weicht nur eine Sekunde von der Messung der später installierten besagten Sonnenuhr im Klementinum ab – ich bin immer wieder begeistert, wie genau die Menschen schon in früheren Zeiten Naturphänomene messen konnten. Um das Rathaus herum stehen neben besagtem böhmischen Reformator Jan Hus zahlreiche ehemalige Kaufmannshäuser, auch sie hübsch herausgeputzt.
Das gesamte historische Zentrum Prags ist übrigens seit 1992 UNESCO Weltkulturerbe. Durch die Gassen zu schlendern ist ein Fest für`s Auge. Ein Gebäude schöner als das andere, fast alles piekfein saniert. Wenn da nicht die Touristenmassen wären, mit denen wir uns durch die engen Gassen schieben (und unsere Smartphones, Geldbeutel und Handtaschen gut festhalten), wäre es noch schöner. Die unliebsamen Nebenerscheinungen in Form von Müll, der insbesondere von den Nachtschwärmern hinterlassen wird, beseitigen gefühlt rund um die Uhr fleißige, orangegekleidete Putztruppen. Ebenso fleißig sind die Bierausfahrer, die die zahlreichen Kneipen der Innenstadt beliefern. Beim Schlendern entdecken wir immer wieder nette Details, wie den an einem Mast hoch über der Straße hängenden Sigmund Freud, eine der Kreationen des tschechischen Bildhauers David Cerny. Zwei weitere seiner Werke werden wir später sehen.
Kafka: berühmter Sohn der Stadt
Besagter David Cerny hat sich zweimal auch an einem der berühmtesten Söhne der Stadt, an Franz Kafka, „ausgetobt“. Neben dem Kaufhaus Quadrio (in einem Nebengebäude hat Kafka einst gearbeitet) steht Cernys Rotating Head. Dieser überdimensionale, bewegliche Metallkopf Kafkas wird auch Metamorphosis genannt, in Anlehnung an das Buch „Die Verwandlung“. Zur vollen Stunde startet eine Choreographie der rotierenden Edelstahlplatten, die immer wieder verändert wird. „Der überdimensionierte, spiegelnde Kopf, der von allen angestarrt und fotografiert wird, das passt nicht zu Kafkas Charakter“, urteilt unsere Große. Sie beschäftigt sich gerade im Abitur mit Kafka und muss es wissen.
Ebenso wenig Gegenliebe bei unseren Töchtern findet ein weiteres Werk Cernys, vor dem Kafka-Museum auf der Kleinseite (dem anderen Ufer der Moldau). „Piss“ zeigt zwei gegenüberstehende Männer, die in ein Becken mit Umriss von Tschechien urinieren. Dabei bewegen auch sie sich – angeblich kann man eine SMS schreiben, deren Text die Männer dann in das Becken pinkeln. Soll ironisch sein und mit dem Nationalstolz spielen. Nun ja.
Eine weitere berühmte Kafka-Statue steht in der Josefov vor der Spanischen Synagoge, hier in der Dusni-Straße wohnte Kafka. Die Bronzeskulptur wurde von Jaroslav Ronas entworfen und soll die innere Spaltung Kafkas widerspiegeln, die „aufsitzende Figur“ wurde inspiriert von Kafkas Erzählung „Beschreibung eines Kampfes“.
Franz Kafkas Spuren begegnen uns überall in der Stadt, fast sein ganzes Leben hat der österreichisch-tschechische Schriftsteller hier verbracht (es folgt ein eigener Blog zu Kafkas Wohnviertel, der Josefsstadt/Josefov). Ohne Zweifel gehört er zu den bedeutendsten Vertretern deutschsprachiger Literatur des 20. Jahrhunderts, wobei ich gestehen muss, dass ich seinen Werken als Schülerin nicht besonders viel abgewinnen konnte. Auch bei unseren beiden Töchtern gehören seine Erzählungen zur Pflichtlektüre in der Schule, weshalb sie sich auch wünschen, das Franz-Kafka-Museum auf der Kleinseite (ihr wisst schon, das mit den pinkelnden Figuren davor) anzuschauen.
Im Museum werden zahlreiche historische Dokumente, Manuskripte, Tagebücher, viele Erstausgaben und seine Korrespondenz präsentiert, sie zeigen sowohl Kafkas innere Welt als auch die Atmosphäre des Prags seiner Zeit. Da Kafka auf Deutsch geschrieben hat, können wir alle Schriften gut lesen. Die Ausstellung ist düster und lichtarm gehalten, ein Teil der Schaukästen ist von der Decke aus aufgehängt, weshalb sie leicht schwanken – beim Anschauen wird uns fast schwindelig. Das ist so gewollt, es soll Kafkas Ängste, Selbstzweifel und seine Entfremdung widerspiegelt, die in seinem literarischen Werk eine zentrale Rolle spielen. Für Kafka-Fans sicherlich ein Muss, mir hat die Ausstellung zumindest geholfen, den Schriftsteller über 30 Jahre nach meinem Abitur etwas besser zu verstehen.
Nur der Vollständigkeit halber sei auf einen weiteren angeblich „Must-See-Spot“ auf der Kleinseite hingewiesen: die engste Straße Prags. Sie liegt auf dem Weg von der Karlsbrücke zum Kafka-Museum und führt zum Restaurant Certovka. Keine Sorge, ihr werdet sie nicht verfehlen, denn es stehen immer Touristen davor. Angeblich bleiben an der engsten Stelle, die etwa 50 Zentimeter misst, mitunter Leute stecken. Ich halte das für ein Gerücht und Marketing-Gag, der Besucher anziehen soll. Funktioniert aber offenbar, wie man sieht. Eine Ampel verhindert, dass sich zwei Personen in der Gasse begegnen – die würden auch wirklich nicht problemlos aneinander vorbei kommen. Wir haben uns das Anstehen für den Durchgang gespart.








































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