Wer kennt sie nicht zumindest von Bildern, die weißen Kreidefelsen dies- und jenseits des Ärmelkanals? Der farbliche Kontrast der alabasterweißen Felsen mit dem blauen Meer hat es mir schon lange angetan und endlich wollte ich diese Naturschönheit auch einmal selbst sehen. Und so verbringen wir drei Urlaubstage im Hinterland von Étretat an der normannischen Atlantikküste, die hier passenderweise „Alabasterküste“ (Côte d’Albâtre) heißt. Stolze 100 Kilometer ist diese Küste lang, sie reicht von Le Tréport im Osten bis Le Havre im Westen, teils sind die weißen Klippen über 100 Meter hoch.
Unsere Unterkunft liegt (glücklicherweise) einige Kilometer landeinwärts von Étretat, in Les Loges (Relais Les Loges Étretat). Gleich als erstes wollen wir in das Städtchen fahren und stellen schnell fest: keine Chance. In der Hochsaison bewegt man sich in und um Étretat im Schritttempo, das ist uns zu blöd. Stattdessen fahren wir ein Stück die Küstenstraße (D11) in Richtung Fécamp und stellen unser Auto kurz vor Bénouville am Straßenrand ab und laufen auf einem kleinen Trampelpfad Richtung Meer. Und da ist sie schon, die Steilküste! Kerzengerade fällt sie ins tiefblaue Meer, aus dem sich direkt vor uns die Felsnadel Aiguille de Belval erhebt. Gegenüber können wir sogar die englische Küste sehen. Wir laufen auf dem Klippenweg (breit und gut machbar, allerdings „ungesichert“ – Achtung mit kleinen Kindern!) bis kurz vor Étretat – die Aussicht ist einfach herrlich.
Noch vor dem Frühstück wagen wir am nächsten Morgen erneut eine Fahrt nach Étretat – um diese Uhrzeit kein Problem. Wir parken direkt an der Uferpromenade, die uns sofort bekannt vorkommt: Sie ist ein Schauplatz der Netflix-Serie „Lupin“ und zwar genauer gesagt der letzten Folge der ersten Staffel. Assane Diop, gespielt von Omar Sy, fährt mit Sohn und Kindsmutter nach Étretat, wo sein Sohn entführt wird, während die Eltern an der Uferpromenade flanieren. Tatsächlich schrieb Maurice Leblanc in Étretat vor über 100 Jahren den Roman über den Meisterdieb Arsène Lupin, die Assane Diop zu seinen Serientaten inspirierte. Das Haus von Maurice Leblanc („Le Clos Lupin“) ist heute ein Museum, es befindet sich in eine der zahlreichen Villen des Städtchens.
Auch wir flanieren über die nun fast menschenleere Promenade, die rechts und links von zwei berühmten Felsformation eingerahmt wird: der Falaise d’Amont und der noch bekannteren Falaise d’Aval. An der Falaise d’Amont steigen wir auf zur Kapelle Notre-Dame de la Garde und von dort bietet sich ein traumhafter Ausblick auf das Örtchen und die Kreidekliff-Formationen – erst recht zum Sonnenaufgang! Erneut können wir uns kaum sattsehen an dieser wunderschönen Szenerie.
Nach dem Frühstück fahren wir die Alabasterküste entlang nach Veules-les-Roses, eines von sechs normannischen Örtchen mit der Auszeichnung „Schönstes Dorf Frankreichs“. Wir parken am Ortseingang („Parking des Cressonnières“, gratis, aber wenig Parkplätze, früh da sein lohnt sich!) und stoßen dort direkt auf eine der Besonderheit des idyllischen Dorfes: die Quelle des kürzesten Flüsschens Frankreichs! Die Veules mündet nach nur 1.149 Metern in den Atlantik. Rund um die Quelle ist eine weitere Besonderheit zu sehen: Hier wird in zahlreichen Becken Wasserkresse („Cressonières“) professionell angebaut.
Wir laufen das Flüsschen entlang in Richtung Ortsmitte, vorbei an Mühlen und hübschen, teils reetgedeckten Häusern, das Örtchen ist wahrlich schön anzuschauen. Über die Hauptstraße mit Shops und Restaurants führt unser Weg bis ans Meer, wo die Veules in den Atlantik mündet. Eine breite Uferpromenade mit Sitzgelegenheiten, Umkleiden, Toiletten, Infotafeln, Spielgeräten und sogar ein kleines Kinderschwimmbad erwarten uns hier. Besonders schön ist nicht nur der Ausblick auf die Klippen rechts und links, sondern auch der feine Sandstrand, der zum Baden geradezu einlädt. Zumindest diejenigen, die sich von den frischen 19 Grad Wassertemperatur nicht abschrecken lassen. Ganz nah kommen wir hier auch an die Klippen und sehen die in Bändern eingelagerten Feuersteine im Kreidefelsen. In Étretat ist der Spaziergang unterhalb der Klippen offiziell verboten. Unser Fazit zu Veules-les-Roses: Das malerische Örtchen ist definitiv einen Besuch wert, nicht zuletzt wegen des schönen Sandstrands, der uns doch besser gefällt als die Kiesstrände andernorts an der Alabasterküste.
Auf dem Weg zurück legen wir noch einen Halt ein in Fécamp. Das ist dann schon eine richtige Stadt, bis im 13. Jahrhundert Sitz der normannischen Herzöge und mit großem, für die Kabeljaufischerei bekannten Hafen, samt Fischereimuseum und ehemaliger Kabeljaufabrik. Berühmt ist Fécamp auch für seinen Benediktinerlikör „La Bénédictine“ aus über 20 Kräutern. Auch hier wird die Stadt eingerahmt von Kreidefelsen, dazwischen ein breiter Kiesstrand. Wir lassen uns Fisch und Meeresfrüchte im kleinen Restaurant „Le Barbican“ direkt am Kai schmecken.
Entlang der Alabasterküste finden sich noch weitere hübsche Dörfer und Städtchen, immer dort, wo die „Falaises“ (Steilküste) durch „Valleuses“ (Taleinschnitte) unterbrochen wird, zum Beispiel in Yport oder Vaucottes. Viele von diesen Valleuses sind sehr eng, was in der Hochsaison unweigerlich zu Staus und Parkplatznot führt. Unser Tipp daher: Egal, welche dieser Küstenorte ihr besucht, seid früh genug da!




























Ich lerne immer viel dazu und stelle zum wiederholten Mal fest: Man hat zu wenig Urlaub 🙂
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oh ja, so geht es mir auch 😅
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