Champagne: Epernay und Reims

Der Klimawandel lässt grüßen: Dieses Jahr wollte keiner von uns den Sommerurlaub in Südeuropa verbringen. Wir haben uns für Nordfrankreich entschieden und legen den ersten Stopp in der Champagne ein. Das Weinanbaugebiet gilt seit 2015 als UNESCO Weltkulturerbe, sein Produkt wird von vielen als das edelste und exklusivste Getränk der Welt betrachtet. Produziert wird der Champagner aus drei Rebsorten: Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Die Weinberge jeder einzelnen Champagne-Gemeinde sind hinsichtlich ihrer Qualität klassifiziert und je nach Einstufung darf eine Gemeinde ihre Gewächse als Grand Crus, Premier Crus oder „nur“ als Champagner bezeichnen.

Épernay: alles dreht sich um Champagner

Welthauptstatt des edlen Getränks ist das Städtchen Épernay und tatsächlich dreht sich hier alles um diesen Schaumwein. Der Reichtum der Stadt lässt sich am imposanten Rathaus gut erkennen. Fast schon zu „geschleckt“ wirkt für mich die „Avenue du Champagne„, an der rechts und links an schmucken Villen in meist goldenen Buchstaben die Namen bekannter und unbekannter Produzenten um die Wette und Aufmerksamkeit der Kundschaft leuchten. Moet et Chandon mit einer Statue von Dom Perignon, Perrier-Jouet, Boizel und noch viel mehr Champagnerhäuser sind hier und in den Nebenstraßen zu finden – und wenn nicht hier, dann im benachbarten Reims. Viele Häuser bieten neben Shops mit Probiermöglichkeit auch eine Champagner-Bar oder einen -Garten an, wo sich das prickelnde Getränk herrlich genießen lässt.

  • Epernav Champagne Castellane

Wir flanieren die Avenue du Champagne auf und ab und wollen natürlich auch einen der berühmten unterirdischen Keller sehen. Nicht zuletzt wegen unserer Töchter sollte es eine Führung auf Englisch oder Deutsch sein (die nicht allzu lange dauert) und daher entscheiden wir uns für „Champagne Mercier„, vom Umsatz her Marktführer in Frankreich. Obwohl eine der ältesten Marken (1858 gegründet), befindet sich die Firmenzentrale in einem Neubau am Ortseingang (was den Vorteil eines Parkplatzes mit sich bringt), hinter dem Haus beginnen direkt die Weinberge. Berühmt ist Mercier für zweierlei Dinge: Zur Weltausstellung in Paris 1889 lies Eugene Mercier das seinerzeit mit 1.600 Hektolitern größte Fass der Welt nach Paris schaffen – neben dem Eiffelturm die damalige Hauptattraktion. Das Fass kann heute im Foyer bewundert werden, nebst einer Ausstellung zur Firmengeschichte. Die zweite Besonderheit von Mercier ist die Firmenphilosophie: „Champagner für alle“, die schon dem Gründer wichtig und für die damalige Zeit höchst ungewöhnlich war – deshalb auch der werbewirksame Fasstransport durch die Provinz bis nach Paris. Dies sorgt für Merciers Marktdominanz und einen relativ günstigen Preis, aber keine herausragenden Champagner. Bedenkt man jedoch den streng reglementierten Herstellungsprozess (siehe „Exkurs“), so ist natürlich auch ein Champagner von Mercier alles andere als eine „Plörre“.

Die Kellertour bei Mercier findet mittels Audioguide (auch auf Deutsch) und in einem kleinen Zug statt – beides gerade für Familien mit Kindern wichtige Faktoren, um den Nachwuchs bei Laune zu halten. Mit dem Aufzug geht es in 30 Meter Tiefe in den Kreidefelsen, wo es die Kellerräume auf eine stolze Länge von 18 Kilometern bringen. Wir fahren staunend durch den schachbrettartig angelegten Keller, in dem sich immer wieder Reliefs an den Wänden befinden – neben unzähligen Flaschen, versteht sich. Während der Fahrt erhalten wir viele Informationen rund um das Haus Mercier und die Herstellung des Champagners (siehe unten).

Im Anschluss an diese sehr informative Tour darf natürlich eine Champagnerprobe nicht fehlen und wir lassen uns einen Brut Mercier, einen Brut Rosé Mercier und einen Blanc de Noirs munden (die Kinder erhalten Traubensaft). Mercier bietet verschiedene Touren an, gerade für Einsteiger und Familien mit Kindern sind die kurzen „The Founder“ und „Mercier Duo“, die eine Stunde oder kürzer dauern, kurzweilig-unterhaltsam und sehr zu empfehlen. Und noch ein Tipp für Gourmets: In Épernay ist das Restaurant „La Grillade Gourmande“ erstklassig und bietet Mittags extrem günstige Menüs an.

Reims: mehr als Champagner

Im benachbarten Reims dreht sich ebenfalls viel, aber nicht alles, um Champagner. Unbedingt sehenswert – ob mit Führung oder nicht – sind die prachtvollen schlossähnlichen Örtlichkeiten von Vranken Pommery (Parkplatz vorhanden), die Blickachse aus dem weitläufigen Garten zielt direkt auf die Kathedrale – sicher kein Zufall… Maison Ruinart, passenderweise in der Rue des Crayères (Kreidekeller), wurde aufwändig renoviert und soll ab Oktober 2024 wieder besucht werden können. Bekannt auch die Veuve Clicquot (Parkplatz vorhanden), das Haus der „Witwe“ ist allerdings weit weniger „feudal“. Wer will, kann sich hier tagelang mit dem Champagnerthema beschäftigen!

Jenseits des Champagners ist Reims insbesondere bekannt für seine Kathedrale Notre-Dame de Reims, eines der bedeutendsten gotischen Kirchenhäuser Frankreichs aus dem 13. Jahrhundert, seit 1991 UNESCO Welterbe. Bis zur Revolution im 18. Jahrhundert wurden hier alle französischen Könige gekrönt. Eine weitere Besonderheit ist die reiche Ausstattung der Kathedrale mit Skulpturen, mehr als in jedem anderen gotischen Bauwerk. Als Detail der Neuzeit sei noch hinzugefügt, dass Marc Chagall drei der Kirchenfenster gestaltete. Der direkt neben der Kathedrale liegende erzbischöfliche Residenz Palais du Tau wird übrigens gerade renoviert, der Ehrensaal kann nicht besichtigt werden (August 2024).

Eine dritte Besonderheit von Reims sind die zahlreichen Gebäude im Art-Déco-Stil, mehr als irgendwo sonst in Frankreich. Der Grund liegt auf der Hand: Nach massiven Zerstörungen im Zuge des 1. Weltkriegs konnten sich zahlreiche Architekten im Stil der damaligen Zeit hier austoben. Wer mit offenen Augen durch die Stadt läuft, wird zahlreiche Art-Déco-Fassaden entdecken. Das bekannteste Gebäude ist die Bibliothèque Carnegie direkt hinter der Kathedrale. Und darüber hinaus ist Reims einfach eine lebhafte Studenten- und sehr schöne Einkaufsstadt!

Die ländliche Champagne: Hermonville

Die zweite Nacht in der Champagne verbringen wir im Hinterland von Reims, in Hermonville. Das kleine Städtchen liegt auf der Route du Champagne, der wir durch sanfthügelige Weinberge, nicht ganz auf dem direkten Weg, folgen. Unsere Zimmer haben wir im „La Grange en Champagne“ reserviert und das entpuppt sich als Glücksgriff. Den alten Winzerhof mit nur wenigen Gästezimmern und einem wunderhübschen Innenhof bewirtschaften zwei reizende Damen, die ganztägig in ihre Bar samt kleinem Shop einladen und Snacks anbieten. Wir fühlen uns gleich wohl und lassen uns im Garten nieder, es fühlt sich fast an wie in der Pfalz an der Südlichen Weinstraße, unserer Lieblingsweinregion in Deutschland! An manchen Tagen (und vor allem im August, wenn alle umliegenden Restaurants geschlossen sind) werden die Damen von einem Caterer unterstützt, der ein Dreigangmenü anbietet – ein Service, den wir gerne nutzen! Doch zuerst gönnen wir uns eine kleine Champagnerprobe – natürlich werden hier die lokalen Produkte angeboten. Die sind nicht nur deutlich günstiger als die großen Namen aus den Nachbarstädten, sondern schmecken uns auch noch besser – der Brut Premier Cru von Griffon Trichet muss sich wahrlich nicht verstecken!

Exkurs: Die Herstellung des Champagners

Zuguterletzt noch ein paar Worte zur Herstellung des Champagners, die hochkompliziert und streng reglementiert ist. Größte Besonderheit des Prozesses ist die zweite Flaschengärung, die der Benediktinermönch Dom Perignon im 17. Jahrhundert einführte. Nach dem Pressen der Trauben findet die erste alkoholische Gärung statt, aus der ein „stiller“ Wein hervorgeht. Diese „Grundweine“ werden verkostet und je nach Geschmack der verschiedenen Rebsorten, -lagen und teils auch Jahrgängen zu einer Assemblage zusammengeführt. Champagner ist also immer ein Produkt verschiedener Grundweine und es ist die hohe Kunst der Kellermeister, diese Assemblages zusammenzustellen! Für die zweite Gärung wird anschließend der Liqueur de Tirage (Wein, Zucker und Hefen) hinzugesetzt und im Zusammenspiel der Komponenten entsteht neben den Aromen auch die Kohlensäure, die dem Champagner ihre Perlage verleiht. Anschließend reift das Getränk mindestens 15 Monate (Jahrgangschampagner mindestens 3 und bis zu 10 Jahren), in den unterirdischen Kellern, wofür die Kreidekeller mit ihrer gleichbleibenden Temperatur von 12 Grad, der Dunkelheit und der hohen Luftfeuchtigkeit optimal sind. Um Hefeablagerungen im Flaschenhals zu konzentrieren, werden die Flaschen dabei von Zeit zu Zeit „gerüttelt“, was heutzutage meist mechanisch geschieht. Beim anschließenden Degorgieren werden die Ablagerungen entfernt, entweder manuell oder mechanisch. Bei letzterem wird der Flaschenhals kurz tiefgefroren, damit der gefrorene „Zapfen“ aus Hefeablagerungen beim Öffnen der Flasche herausschießt. Zuletzt erfolgt die Dosage, die Zugabe des Liqueur de Dosage, der den Champagner zu einem „doux“, „sec“, brut etc macht. Santé!

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