Bizarre Kalkstein-Pinnacles und verspielte Seelöwen

Die Pinnacles, Kalkstein-Säulen in einer wüstenhaften Landschaft, sind Westaustraliens meistbesuchte Naturschönheit. Sie liegen im Nambung-Nationalpark etwa 250 Kilometer nördlich von Perth am Indian Ocean Drive in der Ferienregion Turquoise Coast. Der Name ist Programm: Türkisfarbenes Wasser vor endlosen weißen Stränden. Und neben den Pinnacles gibt es zahlreiche weitere Attraktionen in dieser Gegend.

Cervantes und Jurien Bay: hübsche Urlaubsorte an der Küste

Nach der Einsamkeit rund um Kalbarri und Denham bietet die Turquoise Coast gleich zwei kleine Ferienorte in unmittelbarer Nachbarschaft: Cervantes und Jurien Bay. Beide liegen direkt am Strand und haben die nötige touristische Infrastruktur. Letzterer ist größer und vielseitiger, Cervantes liegt näher an den Pinnacles und es gibt hier eine Institution, deren Besuch sich lohnt: den Lobster Shack. In den 1960er Jahren startete die Thompson Familie mit einem Boot die Rock-Lobster-Fischerei, heute zählt das Unternehmen 13 Boote und exportiert seinen Fang in den asiatischen Raum und bis nach Dubai. Es werden Bootstouren zur Hummerfischerei angeboten (das haben wir in Kalbarri gemacht) und die Lobster-Fabrik kann besichtigt werden, samt Film zur Geschichte, Informationen zur Verarbeitung und zum Export sowie „Hummerhalten“ am Ende – das gehaltene Exemplar ist 20 Jahre alt. Wir lernen, wie Stress bei den Lobstern vermieden wird (sie werfen sonst die Gliedmaßen ab) und wie es gelingt, die Lobster lebend bis nach Dubai zu verschicken – bei richtiger Behandlung können sie 34 Stunden ohne Wasser auskommen. Schon seit 2010 gibt es hier auch einen Imbiss, der sich über die Jahre stark erweitert hat und heute als hübsches Restaurant direkt am Meer präsentiert. Angeboten werden diverse Hummer- und Fischgerichte – frischer (und günstiger) als hier kann der Rock Lobster nicht genossen werden (Tagespreis für einen kleinen ganzen Hummer mit Pommes und Salat 41 Euro)!

Stromatolithen am Lake Thetis: eine der ältesten Lebensformen der Welt

Eine weitere Attraktion von Cervantes sind die Stromatolithen am Lake Thetis. Stromatolithen sind quasi „lebende Steine“, die seit etwa 3,5 Milliarden Jahren auf der Erde existieren und zu den ältesten bekanntesten Lebensformen der Welt zählen. Mikroorganismen, so genannte Cyanobakterien, bilden eine Art schleimige Matte, die Sedimentpartikel in Form von Sand oder Kalk einfängt und bindet. Nach und nach wächst das Gebilde schichtweise nach oben, es entstehen blumenkohlartige Knollen. Heute existieren diese Kolonien nur noch an ganz wenigen Orten weltweit, unter anderem am Hamelin Pool in der Shark Bay und hier im Lake Thetis bei Cervantes. Sie benötigen ganz spezielle Umweltbedingungen wie eine hohe Salzkonzentration und extreme Temperaturen in flachen Gewässern, damit sie vor „Fressfeinden“ wie Schnecken und Muscheln geschützt sind. Für Wissenschaftler sind die unscheinbaren „lebenden Fossilien“ hochinteressant, denn sie zeigen, wie Mikroorganismen bereits vor Milliarden von Jahren komplexe Strukturen bilden konnten, was hilft, die Anfänge allen Lebens auf der Erde zu verstehen. Wasservögel stören die Stromatolithen offenbar nicht, denn diese halten sich in Scharen auf den Organismen und am Lake Thetis auf, wie wir beim Aussichtspunkt und auf dem Rundweg um den See feststellen.

Schnorcheln mit Seelöwen im Jurien Bay Marine Park

Eine weitere Top-Attraktion dieser Region sind die Seelöwen-Kolonien. Sowohl in Cervantes als auch in Jurien Bay starten Touren zu den vorgelagerten Inseln, wo Ausflügler die Sea Lions entweder vom Boot im Wasser und an Land bewundern oder mit ihnen Schnorcheln können. Keine Frage, was wir – also vor allem ich – wollten! Ein Teil der Familie war zunächst reichlich skeptisch, denn im letzten Jahr gab es einen Haiangriff bei so einer Tour – Sea Lions passen voll ins Beuteschema der Tiger Sharks. Pech, wenn gleichzeitig Schwimmer in der Gegend sind, das ist aber leider ein Thema an der gesamten australischen Küste, ob mit oder ohne Seelöwen. Für Westaustralien existiert eine eigene Website SharkSmart mit einer „Shark Activity Map“, wo Haisichtungen der letzten sieben Tage angezeigt werden. Wer sich das anschaut, geht vielleicht gar nicht mehr ins Wasser, aber die Hauptstrände werden von Land und aus der Luft überwacht. Genau wie unsere Sea Lion Tour, mittlerweile existiert sogar eine Kameraüberwachung von einer der Inseln aus, zum Schutz der Menschen, aber auch zum Schutz der Seelöwen, die eine „Safe Zone“ um die Inseln herum haben, in die kein Schnorchler eindringen darf.

Wir gehen in Jurien Bay an Bord von Turquoise Safaris, deren Boot uns in weniger als einer halben Stunde zu den Inseln des Jurien Bay Marine Parks bringt (ein Teil der Tourkosten fließt in den Umweltschutz), begleitet von interessanten Informationen rund um die Lebensweise und das Verhalten der Tiere. Die Australischen Seelöwen (Neophoca cinerea) sind selten geworden und streng geschützt, es gibt nur noch etwa 5.000 von ihnen. Sie gehören zu den Ohrenrobben und werden bis zu 2,5 Meter lang (Männchen), die Weibchen knapp zwei Meter. Also schon ziemlich imposant, wie wir auf den Stränden der Inseln, wo sie sich sonnen, sehen können!

Wir werden mit Neoprenanzügen, Schnorcheln und Flossen ausgestattet und dürfen schließlich für maximal 45 Minuten (so die Bestimmungen in der Schutzzone) ins Wasser. Die direkte Interaktion mit den Tieren und das Anfassen ist verboten, was einigermaßen lustig ist, denn die Seelöwen agieren von sich aus mit den Menschen, es scheint ihnen richtig Spaß zu machen. Sie flitzen mit einer ziemlichen Geschwindigkeit direkt auf einen zu, um kurz vorher abzudrehen und links, rechts oder unten vorbei zu schießen. Ein großartiges Erlebnis! Ich habe eine uralte Unterwasserkamera dabei und die Sicht ist wegen des aufgewühlten Meeres nicht toll, aber ich es ist zu sehen, wie nah wir den Tieren gekommen sind.

Danach fahren wir noch zum Pier und Hauptstrand von Jurien Bay – auch hier eine hübsche Uferpromenade mit Spielplätzen, Toiletten, Duschen, Cafés und Restaurants, ein schneeweißer langer Sandstrand und türkisblaues Wasser. Das gilt übrigens für jeden „Stadtstrand“ in ganz Westaustralien: Alles ist stets sehr gepflegt, die Infrastruktur perfekt ausgebaut. Links und rechts der Ortschaften liegen dann weitere „wilde“ Strände, die wir aufgrund besagter Haithematik nicht zum Baden genutzt haben, wie beispielsweise die Hangover Bay südlich von Cervantes. Auch sie haben aber fast alle einen Parkplatz, Toiletten („Bush Loos“, inklusive Bedienungsanleitung) und meist auch und eine Grillhütte für das beliebte „Barbie“ der Australier.

Pinnacles Desert im Nambung-Nationalpark

Südlich von Cervantes liegt der Nambung-Nationalpark, der sich von der Küste ins Landesinnere grob gesagt über drei Dünengürtel erstreckt: weiße Wanderdünen am Ozean (sie sind an der ganzen Küste zwischen Lancelin und Cervantes zu sehen), dahinter zwei bräunlich-gelbe Dünengürtel und dazwischen Buschland vor allem mit Banksien und Tuarts (eine Eukalyptusart). Im mittleren Dünengürtel liegt das Pinnacles Desert, für deren Besuch Eintritt erhoben wird (Nationalparkpass gilt hier). Wir waren insgesamt dreimal in diesem Gebiet, zu unterschiedlichen Tageszeiten, weil uns die Landschaft so fasziniert hat und das Licht jedes Mal anders ist.

Nach der menschlichen Ticketkontrolle folgt eine weitere durch mindestens ein Känguru auf dem wie üblich vorhandenen großen Parkplatz. Kein Witz, bei allen drei Besuchen wachten Kängurus hier, wohl in der Hoffnung, irgendetwas abzustauben und kaum zu bewegen, die Straße frei zu geben. Schließlich lassen sie uns durch und wir informieren uns im Pinnacles Desert Discovery Centre über Geologie, Flora und Fauna im Nambung-Nationalpark. Die Entstehung der Pinnacles-Kalksteinsäulen ist übrigens noch immer nicht ganz geklärt. Eine Theorie geht von Pflanzenwurzeln aus, die Wasser und Mineralstoffe anzogen, welche sich um die Wurzeln herum zu einem hartem Kalk-Sandstein-Gemisch zementiert haben. Durch Erosion wurde die ehemalige weichere Bodenschicht abgetragen, übrig blieben die härteren, verbackenen Mineralablagerungen. Eine andere Theorie erklärt die Pinnacles zu verkalkten Überresten von Baumstümpfen. Ich tendiere zur ersten Erklärung, denn wie versteinertes Holz sehen die Pinnacles für mich nicht aus.

Vom Discovery Centre aus startet auch der 1,6 Kilometer lange Desert View Walk Trail einmal quer durch die Pinnacles. Die meisten Leute fahren jedoch mit dem Auto (trotz Sandpiste kein Allrad notwendig) auf dem etwa vier Kilometer langen Pinnacles Desert Loop Drive durch das Gebiet. Bis auf eine kleine Stichstraße zum nördlichsten Punkt ist die Piste ein Einbahnstraßen-Rundweg mit zahlreichen Parkbuchten zum Anhalten, Staunen und durch die bizarre Landschaft laufen – nur auf die Pinnacles klettern darf man auf keinen Fall. Wir fühlen uns ein bisschen wie auf einem anderen Planeten. Die größten Pinnacles werden fast vier Meter hoch, es gibt sie in allen Größen, Formen und Verwitterungszuständen. In der Mitte des Gebiets liegt eine Aussichtsplattform mit einer tollen Aussicht über die Pinnacles, die verschiedenen Dünengürtel und bis zum Meer. Hier kreuzt auch der Bushwalk, auf dem wir ebenfalls laufen, um auch die Pflanzenwelt zu bewundern und in der Hoffnung auf Begegnungen mit Reptilien, Kängurus oder Emus, was sich erst später am Tag erfüllen wird.

Das letzte Mal sind wir zum Sonnenuntergang hier, unglaublich schön. Nicht nur der Sonnenuntergang, sondern auch der darauffolgende Sternenhimmel, ganz ohne Lichtverschmutzung. Eine gute Spiegelreflex wäre hier echt hilfreich gewesen, aber das Smartphone-Bild gibt vielleicht wenigstens einen Eindruck.

Und zum krönenden Abschluss kreuzen dann doch noch direkt bei den Pinnacles zwei Kängurus unseren Weg. Was für ein Idyll! Wir sind restlos begeistert und können absolut verstehen, warum die Pinnacles Westaustraliens meistbesuchte Attraktion sind.

Kängurus in den Pinnacles bei Sonnenuntergang

Hinterlasse einen Kommentar

Webseite erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑