Hoher Altas, Mittler Atlas, Anti-Atlas – so heißen Marokkos Hochgebirgszüge, die sich auf einer Länge von über 2.000 Kilometer in ost-westlicher Richtung in Nordafrika erstrecken. Höchster Gipfel mit über 4.000 Metern ist der im Hohen Altas Marokkos liegende Toubkal, nicht nur hier, sondern auch andernorts in Marokko gibt es sogar Skipisten. Großräumig betrachtet und vereinfacht gesagt trennen die Atlas-Gebirge das mediterrane Klima im Norden vom Sahara-Klima im Süden. Fun Fact: In Marokko ist es theoretisch (und auch praktisch) möglich, an einem Tag Ski zu fahren und im Meer zu baden oder in wüstenhaften Klimaten zu wandern.
In der Ebene nördlich des Mittleren Atlas befinden sich die Städte Meknès und Fès (siehe Noch mehr marokkanische Königsstädte: Meknès und Fès), von denen wir in Richtung Atlas aufbrechen. Schon bald schnauft unser etwas in die Jahre gekommener Bus über zahlreiche Serpentinen den Berg hinauf und die Weinberge und Obstplantagen gehen in Getreide- und vielen Zwiebelfeldern sowie (halb-)nomadisch genutzte Weideflächen über. Auch die Architektur verändert sich, immer wieder sehen wir Häuser mit Spitzgiebeln, wie sie eher ins Elsass gehören, beispielsweise in Azrou oder Ifrane. Tatsächlich sind sie ein Erbe der Franzosen, die diese im Sommer klimatisch angenehmeren Regionen zum Wohnen bevorzugten. Es ist das Land der „Berber“, wobei diese die an „Barbaren“ angelehnte Bezeichnung ablehnen und von sich selbst als „Imazhigen“ („Freie“) sprechen oder noch eher den Namen ihres jeweiligen Volksstamms nutzen. Sie haben eine eigene Sprache, das Tamazight, das seit 2011 neben Arabisch die zweite Amtssprache Marokkos ist und auch in den Schulen unterrichtet wird. Diese Sprache nutzt ein eigenes Alphabet, Tifinaghe. Einige Orts- oder Straßenschilder sowie Regierungsgebäude sind mit arabischen, lateinischen und Tifinagh-Schriftzeichen ausgestattet.
Ifrane-Nationalpark: Zedernwald mit Berberaffen
Charakteristische Baumart in dieser Gegend, falls nicht abgeholzt, ist die Atlas-Zeder (Cedrus atlantica), die seit 2013 auf der Roten Liste gefährdeter Arten steht. Dank des Ifrane Nationalparks wird ein großer Bestand an Atlas-Zedern geschützt, viele sind mehrere hundert Jahre alt. Eine der ältesten und größten Atlas-Zedern hier ist die – leider abgestorbene – etwa 42 Meter hohe Cèdre Gouraud, die bei einem Parkplatz des Nationalparks nahe des Städtchens Azrou steht. Von hier starten wir eine kleine Tour durch den Zedern- und Steineichenwald (Quercus ilex), die zweite vorherrschende und glücklicherweise nicht gefährdete Baumart hier. Wälder sind etwas Besonderes gerade für Marokko, aber noch spannender als die Zedern sind für die meisten Besucher die zahlreichen Berberaffen (Macaca sylvanus), die hier leben. Marokko hat die größte Population an Berberaffen weltweit, aber auch ihr Bestand ist stark gefährdet, in Ägypten und Libyen sind sie bereits ausgerottet. Sie haben kaum Scheu vor Menschen und wer sich hier zum Picknicken niederlässt, sei gewarnt: Das Volk kann diebisch sein, obwohl es sehr unschuldig tut – und tatsächlich deutlich weniger aggressiv ist als ihre Verwandten, die ich in Gibraltar kennengelernt habe.
Auf den Mittleren Atlas folgt in Richtung Süden eine Hochebene, erneut geprägt von halbnomadischen Tierherden und interessanterweise zahlreichen Apfelplantagen, unter anderem bei der Kleinstadt Midelt. Auch einige Dattelverkäufer säumen die Straße. Schließlich erhebt sich sich hinter der Hochebene die Gebirgskette des Hohen Atlas, wie der Name sagt noch höher, markanter und landschaftlich eindrucksvoller als der Mittlere Atlas.
Durch den Hohen Atlas Teil 1: entlang des Ziz-Flusses
Von Midelt bis Erfoud fahren wir durch den Hohen Atlas größtenteils entlang des Flusses Ziz. Hinter dem Zaabal-Tunnel machen wir Halt, um den Flusscanyon zu bewundern. Danach bietet die Straße (N13) immer wieder tolle Ausblicke auf den Fluss und in die Bergwelt. Sie führt vorbei an einem der größten Stauseen Marokkos, dem Stausee Hassan Addakhil (Barrage Al Hassan Addakhil). Türkisblau schimmert sein Wasser in der rotbraunen, wüstenhaften Umgebung, ein toller Anblick. Ebenso schön ist der Ausblick auf die Flussoasen des Ziz – immer wieder halten wir an einem der vielen Aussichtspunkte und genießen den Kontrast zwischen dem Grün der Palmen und sonstiger Gewächse sowie der sandfarbenen Umgebung.
Durch den Hohen Atlas Teil 2: über den Tizi Tichka-Pass
Nachdem wir die folgenden Tage südlich des Hohen Atlas im Saharavorland verbracht haben (Blogs folgen), führt unser Rückweg am Ende der Reise erneut durch den Hohen Atlas, von Ouarzazate/Ait Ben Haddou bis nach Marrakesch. Die ebenfalls sehr gut ausgebaute N9 hat ihren höchsten Punkt am Tizi Tichka-Pass auf 2.260 Metern Höhe. Obwohl die Straße höherliegt als die östlicher verlaufende N13, erscheint die Umgebung grüner, bewaldeter, stellenweise wird aufgeforstet. Oben auf der Passhöhe und auch immer wieder entlang der Straße bieten Mineralien- und Fossilienhändler ihre Waren an: Amethyst- und Quarzdrusen, Gipsmineralien wie Alabaster, Kupfermineralien wie Azurite und Malachite, Trilobite und Ammonite, um nur einige zu nennen. Sammler kommen hier voll auf ihre Kosten und auch ich erinnere mich daran, wie mein Geologen-Vater vor über 30 Jahren in dieser Gegend hübsche Stücke erstanden hat. Wir halten an mehreren Aussichtspunkten, um Landschaft und den Blick auf die Bergdörfer zu genießen.
Wer an Marokko denkt, hat meist nur Königsstädte und Kasbahs im Sinn, vielleicht noch wüstenhafte Klimate samt Kamelen. Die beeindruckenden Bergwelten der Atlas-Gebirge werden oftmals nur schnellstmöglich durchfahren, was dank mittlerweile sehr gut ausgebauter Hauptstraßen auch möglich ist. Schade eigentlich, denn sie hätten mehr Aufmerksamkeit und einen längeren Aufenthalt samt Wanderungen verdient!






































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