Nach drei Tagen rund um Udine (siehe Zwischen (Wein-)Bergen und Meer: rund um Udine) nächtigen wir die folgenden drei Urlaubstage im Hinterland der Adriaküste von Friaul-Julisch Venetien zwischen der Sonneninsel Grado und Aquileia, eine der wichtigsten archäologischen Ausgrabungsstätten Europas.
Die Sonneninsel Grado
Mit Sonneninseln im adriatischen Golf vor Venedig haben wir gute Erfahrungen gemacht (siehe Albarella: endlich Frühling!), also hatten wir auch an die Sonneninsel Grado gewisse Erwartungen. Wie Albarella südlich von Venedig ist auch Grado durch einen Damm mit dem Festland verbunden, vier Kilometer lang ist diese Straße durch die Lagune. Schon bei der Fahrt auf diesem Damm erschließt sich die Schönheit der Lagunenlandschaft mit ihren unzähligen Inselchen, im Meer schaukelnden Booten und zahlreichen Wasservögeln. Auf halber Strecke begrüßen uns zwei imposante Pinien, willkommene Schattenspender für die vielen Radfahrer entlang des Alpe-Adria-Radwegs, der in Grado endet.
Direkt am Ende der Dammstraße, aber auch innerhalb des Städtchens selbst, gibt es zahlreiche gebührenpflichtige Parkplätze. Wir parken am Westzipfel der Insel, in der Nähe des passenderweise „Key West“ genannten kleinen Strandcafés. Um es vorweg zu nehmen: Dieser Strandabschnitt ist bewirtschaftet, aber auch frei zugänglich, was östlich der Altstadt nicht der Fall ist. Doch uns zieht es zunächst in das Gassengewirr der Altstadt. Mittelpunkt ist die sehr sehenswerte Hauptkirche, die Basilica Sant’Eufemia, zu erkennen am Campanile, von wo aus der Erzengel Michael über die Stadt wacht. Im Inneren finden wir wunderschöne Mosaiken vor, neben zahlreichen Tier- und Pflanzenbildern und Ornamenten sind vor allem die Inschriften von Stiftern abgebildet, die Kanzel mutet maurisch an. Neben der Basilika befindet sich die achteckige Taufkapelle sowie eine weitere Kirche, die Chiesa Santa Maria delle Grazie. Danach schlendern wir ausgiebig durch das wunderhübsche Altstädtchen, in dessen verwinkelte Gassen wir uns gerne verlieren!
Vom alten Hafen (Porto Vecchio mit Fotorahmen Nummer 1) ausgehend kann Grado auch eine moderne Fußgängerzone auf der Viale Europa Unita vorweisen. Sie führt in den Giardini Palatucci nebst dekorativem Fotorahmen Nummer 2. Hier beginnt besagter östlich der Altstadt liegende Hauptstrand, Spiaggia Principale. Also wenn ich gegen eines „allergisch“ bin, dann gegen komplett eingezäunte Badestrände, die Eintritt auch für Spaziergänger verlangen. Es reicht ja schon, dass die Strandpächtermafia in Italien jedes Jahr ihre Preise erhöht. 100,- Euro pro Familie (zwei Schirme und vier Liegen) pro Tag sind italienweit laut einem aktuellen ZDF-Bericht keine Seltenheit. Am Hauptstrand von Grado wären wir 2025 zu viert 64,- Euro los, plus 16,- Euro Eintritt, hinzu käme noch die Parkgebühr, also tatsächlich knapp 100,- Euro. Und das jeden Tag! Besser als der Hauptstrand gefällt uns da schon der weitläufigere Strand von Grado Pineta noch weiter östlich. Hier kosten Sonnenschirm und Liegen zwar annähernd das gleiche, aber es ist auch genug Platz da, sein eigenes Handtuch auszubreiten. Wundert sich bei diesen Preisen noch jemand, dass selbst in der Hochsaison unter der Woche kaum eine Liege vermietet ist?
Die Klosterinsel Barbana
Eine der größten Inseln in der Lagunenlandschaft von Grado ist die Klosterinsel Barbana. Auf ihr liegt ein Kloster und die Wallfahrtskirche Beata Vergine Maria. Von Grado aus fährt in der Saison mehrmals täglich ein Ausflugsboot dorthin, es legt am Schiusa-Kanal an der Riva Scaramuzza unweit der Brücke ab. Tickets können nur vor Ort gekauft werden.
Die Fahrt führt zunächst entlang dem Kanal, später durch die Lagunenlandschaft, und dauert etwa 25 Minuten. Wir haben einen regnerischen Tag erwischt, dichte Wolken hängen über dem Inselchen und verleihen ihm etwas Mystisches. Das Schiff legt in einem kleinen Hafen an, überall sehen wir Schilder, die auf den Privatbesitz der Insel hinweisen und das Baden verbieten – es ist ein heiliger Ort. Wir laufen durch den frei zugänglichen Teil der Insel und freuen uns über die zahlreichen Bäume, die uns vor dem leichten Nieselregen schützen, an heißen Tagen werden die Pilger die Bäume als Schattenspender ebenso schätzen. Am Ort, wo heute die Wallfahrtskirche steht, soll im 6. Jahrhundert der Eremit Barbanus eine angespülte Marienstatue gefunden haben, seither steht hier ein Gotteshaus. Die heutige Kirche wurde im 18. Jahrhundert erbaut und Anfang des 20. Jahrhunderts erweitert und umgestaltet. Heute ist sie nicht nur das Ziel von Tagestouristen, die die Fahrt durch die Lagunenlandschaft und die Ruhe des Eilands genießen, sondern vor allem auch das Ziel von Pilgergruppen. Alle freuen sich gleichermaßen über das gute und günstige Restaurant „Al Pellegrino“ (Zum Pilger), auch ein kleiner Shop ist vorhanden. Ein netter Ausflug, gerade an einem leicht verregneten Tag!
Aquileia: bedeutendstes frühchristliches Bodenmosaik Italiens und noch viel mehr
Als ich beginne, mich mit Aquileia zu beschäftigen, werde ich quasi erschlagen von antiken Steinen. Basilika, Mosaiken, Forum Romanum, antiker Hafen, römische Villen, Nekropole, Museen – die Fondazione Aquileia listet eine Vielzahl von Attraktionen in der Kleinstadt auf. Mir schwirrt der Kopf: Was anschauen, wo anfangen? Nicht einmal eine aussagekräftige Karte ist zu finden, zumindest keine, die mich so richtig schlau werden lässt. Gelernt habe ich, dass wir an jeder Ecke Aquileias über römische Geschichte stolpern und dass die Stadt seit 1998 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Sie wurde 181 v. Chr. von den Römern gegründet und war eine der größten Städte des Römischen Reichs, durch ihren Hafen umschlagsstarker Handelsstandort und wichtiges Zentrum des frühen Christentums. Ganz schön viele Superlative!
Vor Ort umgesetzt heißt das: Wir parken zunächst (kostenlos) am südlichen Ortsende in der Via Grandi, näher am Geschehen wird es kostenpflichtig, und laufen einfach los. Nach wenigen Minuten passieren wir das Archäologische Nationalmuseum (das wir zum Abschluss besuchen), kurz darauf die erste Ausgrabungsstätte, Fondo Cal (Eintritt frei). Es handelt sich um römische Villen mit hübschen Bodenmosaiken. Woanders wäre dies eine eigenständige Attraktion, in Aquileia läuft man da halt so durch, weil es auf dem Weg zu den „Hauptattraktionen“ liegt. Eine davon haben wir schon bei der Ortsdurchfahrt gesehen und da begeben wir uns auch als nächstes hin: zum Forum Romanum. Wie in Rom bildete dieser Platz das Herz des politischen, administrativen und gesellschaftlichen Lebens der Stadt. Der mit Marmor gepflasterte Platz war an mehreren Seiten von Kolonnaden oder Portiken umgeben, von denen eine Säulenreihe noch steht (bzw. wieder aufgerichtet wurde). Noch längst ist nicht alles hier erforscht, tagsüber sind Archäologen bei der Arbeit zu bestaunen.
Der Via Gemina Richtung Osten folgend kommen wir zu einer weiteren Top-Attraktion: dem antiken Hafen, einem der besterhaltenen römischen Binnenhäfen. Die Pieranlagen mit Laderampen und dem Grundriss von Lagerräumen sind heute noch gut zu erkennen. Entlang der Via Antica folgen wir dem Hafenverlauf in Richtung Süden, ein schöner Spaziergang durch die Zypressen-Allee (alles bisher ohne Ticket und kostenlos zu besichtigen, manches ist nur zu bestimmten Zeiten geöffnet).
Von hier sind es nur ein paar Schritte zur absoluten Top-Attraktion von Aquileia: der (früh-)mittelalterlichen Basilika di Santa Maria Assunta (Eintritt wird erhoben, Tickets können vorab gekauft werden). In der heutigen Form wurde die Kirche 1031 durch Bischof Poppo geweiht. Mit ihrer klaren romanischen Form und dem Kampanile, umgeben von Zypressen, ist sie für mich schon von außen eine Augenweide. Und welche Pracht zeigt sich erst im Innern der Kirche. Hier ist zu sehen, was erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckt und freigelegt wurde: das bedeutendste frühchristliche Fußbodenmosaik Italiens. Die größte und älteste Mosaik-Fläche stammt aus der Zeit von Bischofs Theodorus, datiert auf 313, nachdem die „Mailänder Vereinbarung“ den frühen Christen Religionsfreiheit zusagte. Später wurden die Mosaiken mit Erde bedeckt und der ca. einen halben Meter höhergelegte Boden bildete jahrhundertelang die begehbare Fläche der Kirche, was sich an den „höhergelegten Säulen“, der Tür und an den Seitenwänden sehr gut erkennen lässt. Das insgesamt 760 m² große Mosaik ist das größte Bodenmosaik des Weströmischen Reichs und was gibt es da nicht alles zu entdecken: unzählige Tier-, Pflanzen- und Menschenbildnisse, Antilopen, Sepien, Vögel, die Geschichte von Jona, verschiedene Ornamente und immer wieder der Salomonsknoten, Symbol für die Unendlichkeit und in seinen drei Farben auch für die Dreifaltigkeit. Anhand eines Salomonsknotens wird der Aufbau des Fundaments und die Arbeitsweise der Künstler erklärt. Die verwendeten Steine sind übrigens nicht bemalt, sondern entsprechend ihrer natürlichen Farbe ausgewählt. Ein absolut großartiges, fast 2.000 Jahre altes Meisterwerk!
Meisterlich geht es auch unter der Erde weiter: in der Krypta unter dem Hauptaltar der Basilika. Sie wurde zur Zeit von Bischof Maxentius im 8. Jahrhundert errichtet – also wieder während einer anderen Phase – zur Aufbewahrung der Reliquien der Märtyrer von Aquileia: Hermagoras und Fortunatus. Die Wände schmücken wundervolle Fresken aus dem 12. Jahrhundert, dargestellt wird das Leiden Christi, die Legende des Evangelisten Markus und die Geschichte des Heiligen Hermagoras, des wie gesagt ersten Märtyrers von Aquileia. In einem weiteren unterirdischen Raum neben dem Hauptportal, in der Nähe der Gedenksteine anlässlich der Besuche diverser Päpste, finden sich weitere Mosaiken wie das Bild von ewigen Kampf des Hahns (=Licht) gegen die Schildkröte (=Schatten), außerdem Fußbodenmosaike römischer Villen, die noch älter sind als der Kirchen-Mosaikboden von Theodorus (1. Jh. n. Chr.), also vor der Kirche hier standen.
Ich glaube, es ist deutlich geworden: Noch nie hat mich eine Kirche so fasziniert, nicht nur in ihrer optischen Schönheit, sondern auch in ihrer wechselseitigen, im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtigen, Geschichte im Lauf der Jahrtausende.
Nach diesem überwältigenden Erlebnis in der Basilika haben wir noch das Archäologische Nationalmuseum besucht (Eintritt wird erhoben), eine der bedeutendsten Sammlungen Norditaliens. In einer Villa wird auf drei Stockwerken, im Garten und in einem angeschlossenen Gebäude die römische Geschichte Aquileias beleuchtet, von ihrer Bedeutung als Handelsplatz über Kunst bis hin zum Alltagsleben. Amphoren für verschiedene Lebensmittel, Urnen, Schmuck, Münzen, Portraits und Skulpturen – das alles gibt einen guten Einblick in das Leben der Bevölkerung zwischen dem 2. Jahrhundert vor und dem 5. Jahrhundert nach Christus und zeigt, welche Bedeutung die Stadt als Treffpunkt für Menschen, Waren, Religionen und Kulturen hatte. Wer hier tiefer eintauchen möchte, kann sich problemlos stundenlang aufhalten. Das zweite große Museum Aquileias, das frühchristliche Museum, haben wir dann nicht mehr geschafft, ebenso wie viele weitere Attraktionen.
Zum Abschluss bleibt mir nur zu sagen: Aquileia ist faszinierend, besonders die Basilika. Tagelang können sich Besucher hier aufhalten – ich bin auf all die Sehenswürdigkeiten Aquileias nur kurz eingegangen. Viel kundigere Experten haben ganze Wälzer dazu geschrieben, wer interessiert ist, kann alles nachlesen und – noch besser – sollte es sich selbst unbedingt anschauen. Wünschenswert wäre lediglich ein etwas aussagekräftigeres Kartenmaterial und eine bessere Beschilderung vor Ort.
Palmanova: die sternförmige Stadt
Ein weiteres besonderes Städtchen im Hinterland von Grado ist Palmanova, die sternförmige Stadt, die ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Sie wurde im 16. Jahrhundert als geplante Festungsstadt mit drei Festungsringen von venezianischen Bauherrn zum Schutz vor türkischer Invasion angelegt. Das sternförmige Stadtbild zeigt sich eindrucksvoll auf Luftbildern und bringt eine gewisse Komik für Autofahrer mit sich, die im Zick-Zack-Kurs entlang einiger der neun Zacken der äußersten Stadtmauern fahren müssen. Außerhalb der Vogelperspektive, sprich: am Boden, fand ich Palmanova nicht so berauschend. Natürlich ist der radiale Straßengrundriss gut zu sehen und alles führt auf den zentralen, aber für mich überdimensioniert wirkenden, ehemaligen Exerzier-Platz. Der wird zum Zeitpunkt unseres Besuchs sinnigerweise für sommerliche Konzerte benutzt, an unserem Tag war Gigi d’Agostino zu Gast. Ohne die Konzertinfrastruktur würde fast gähnende Leere herrschen – und wir haben Hochsaison. Empfehlen kann ich das etwas abseits des Hauptplatzes liegende Terra Madre Bistrot und Feinkostgeschäft mit zahlreichen regionalen Spezialitäten. Und alle, die mal so richtig ausgiebig shoppen wollen, können dies im benachbarten Outlet Palmanova Village tun.
Zum Abschluss dieses Blogs zwei noch wirklich besuchenswerte Restaurants: Das „Al Granaio“ und das „Tarlao Roberto„. Beide liegen malerisch in den Weinbergen in der Umgebung von Aquileia, beide lohnen definitiv einen Besuch. Geboten werden – nebst gutem Wein natürlich – bei beiden regionale Gerichte. Im Al Granaio ist „fine dining“ angesagt, im Tarlao Roberto geht es bodenständiger und günstiger zu, samt selbst gezapftem Gratis-Quellwasser zum Essen. Beide sind absolut empfehlenswert!





















































































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