Die Prager Josefov: das historische jüdische Viertel

Von Franz Kafka war schon im letzten Prag-Blog die Rede (siehe: Vom Klementinum über Karlsbrücke bis Kafka: Spazierwege durch Prag), der Schriftsteller hat fast sein ganzes Leben in Prag verbracht. Von ihm ist dieses Zitat überliefert:

„Hier war mein Gymnasium, dort in dem Gebäude, das herübersieht, die Universität und ein Stückchen weiter links hin mein Büro. In diesem kleinen Kreis ist mein ganzes Leben eingeschlossen.“

Und dieser kleine Kreis liegt im Prager Stadtteil Josefsstadt oder Josefov, dem historischen jüdischen Viertel, das direkt an die Altstadt grenzt. Kafkas Eltern entstammen beide jüdischen Kaufmannsfamilien, Kafka war Jude. Am Namesty Franze Kafky (Franz Kafkas Platz) unweit des Altstädter Rings steht Kafkas Geburtshaus. Eine Gedenktafel mit Portrait sowie eine Plakette erinnern daran. Wer möchte, kann sich einem der vielen Rundgänge auf Kafkas Spuren durch die Josefov anschließen und findet seine Grundschule, sein deutschsprachiges Gymnasium, seine Universität (er hat Jura studiert und promoviert), sein Büro (er hat bei einer Versicherungsgesellschaft gearbeitet), das Kurzwarengeschäft des Vaters. Wir schlendern einfach nur durch die Josefsstadt vorbei an den herausgeputzten Fassaden und finden immer wieder Zeugnisse ehemaligen und aktuellen jüdischen Lebens, wie das Geschäft mit koscheren Trdelniks. Vor Ausbruch des 2. Weltkriegs lebten hier knapp 50.000 Juden, von denen nur etwa 7.500 überlebten. Heute zählt die jüdische Gemeinde hier etwa1.500 Mitglieder.

  • Geburtshaus Franz Kafka
  • Geburtshaus Franz Kafka
  • Prager Josefov
  • Prager Josefov
  • Prager Josefov
  • Koschere Trdelnik in Josefov

Bei diesem großen Anteil jüdischer Bevölkerung erstaunt es nicht, dass sich in der Josefov noch zahlreiche Synagogen befinden. Die Synagogen der Josefov lassen sich nicht einzeln besuchen, sondern nur mit einem Gesamtticket des Jüdischen Museums für mehrere jüdische Stätten, derzeit vier Synagogen und der alte jüdische Friedhof (weitere Orte sind derzeit zur Renovierung geschlossen).

Wer eine Systematik in die Besichtigung bringen will, startet am besten an der Maisel Synagoge (Maiselova 10). Denn hier wird die erste Ausstellung „Jews in the Bohemian Lands“, die jüdische Geschichte Böhmens vom 10. bis 18 Jahrhundert, präsentiert. Unser nächster Stopp ist die Spanische Synagoge (Vezenska 1), vor der sich auch eine Statue von Frank Kafka befindet. Die hier gezeigte Ausstellung widmet sich dem jüdischen Leben in Böhmen und Mähren im 19. und 20. Jahrhundert. Es wird deutlich, wie jüdische Kunstschaffende (darunter natürlich Kafka), aber auch jüdische Unternehmen, Prag und das Umland geprägt haben. Nicht nur die Ausstellung ist interessant, sondern vor allem auch die tolle Architektur und Innenausstattung des Gebäudes im maurischen Stil, Vorbild soll die Alhambra gewesen sein. Erbaut Ende des 19. Jahrhunderts ist diese Synagoge, in der auch Konzerte stattfinden, eine wahre Augenweide mit den unzähligen Ornamenten und der Vergoldung – sicher das hübscheste Gebäude des Rundgangs!

  • Maisel Synagoge
  • Maisel Synagoge
  • Spanische Synagoge Prag
  • Spanische Synagoge Prag
  • Ausstellung Spanische Synagoge
  • Ausstellung Spanische Synagoge
  • Spanische Synagoge
  • Spanische Synagoge
  • Spanische Synagoge
  • Kafka-Statue Josefov
  • Plan Josefov

Im totalen Kontrast zur üppigen Pracht der Spanischen Synagoge steht unsere nächste Station, die Pinkas Synagoge. Sie ist eine Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust bzw. der Shoah, der Judenverfolgung, im 2. Weltkrieg. Die Wände sind mit den Opfern der Shoah beschrieben, die in der damaligen Tschechoslowakei ermordet wurden, insgesamt fast 78.000. An die Pinkas Synagoge unmittelbar angrenzend ist der Alte Jüdische Friedhof, angelegt bereits im 15. Jahrhundert. Kaum zu glauben, aber hier stehen etwa 12.000 Grabsteine, hier liegen geschätzt 100.000 Gebeine in bis zu 12 Schichten, das ist der fehlenden Erweiterungsmöglichkeit geschuldet. Eine ganz besondere Atmosphäre!

  • Pinkas Synagoge Prag
  • Pinkas Synagoge Prag
  • Pinkas Synagoge Prag
  • Kippa
  • Prag: Alter Jüdischer Friedhof in der Josefov
  • Prag: Alter Jüdischer Friedhof in der Josefov
  • Prag: Alter Jüdischer Friedhof in der Josefov
  • Prag: Alter Jüdischer Friedhof in der Josefov

Unsere letzte Station ist die Altneu-Synagoge (Old-New Synagogue, Cervena 2), die als einzige noch aktiv von der jüdischen Gemeinde genutzt wird. Sie wurde im 13. Jahrhundert erbaut und ist die älteste unzerstört als solche erhaltene Synagoge Europas. Die Sitze entsprechend der historischen Anordnung, die Messingplatten dienten der Verstärkung die einstige Beleuchtung, der rote Wandteppich symbolisiert die große Bedeutung der jüdischen Gemeinde Prags und zeigt das Wappen der Gemeinde mit Glaubensbekenntnis. Wer noch ein weiteres Zeugnis des blühenden jüdischen Lebens in Prag besuchen möchte, dem sei die Jerusalemsynagoge in der Prager Neustadt empfohlen, die sich auch „als einzelne“ besuchen lässt.

  • Prag: Alt-Neu Synagoge
  • Prag: Alt-Neu Synagoge
  • Prag: Alt-Neu Synagoge
  • Prag: Alt-Neu Synagoge
  • Prag: Alt-Neu Synagoge

Warum ich für die Josefov einen eigenen Blog geschrieben habe? Weil sie etwas ganz Besonderes ist, was in Europa in der Form sonst nicht zu finden ist. Auf kleinstem Raum zeigt sie den großen – intellektuellen wie wirtschaftlichen – Einfluss der jüdischen Bevölkerung auf Mitteleuropa und gleichzeitig die Vernichtung dieser Bevölkerungsgruppe. Ich möchte hier keine aktuelle politische Diskussion anstoßen, die viel zu komplex für einen Reiseblog wäre. Aber allen, die Prag besuchen, sei ein Rundgang durch die Josefov empfohlen.

Wer sich alle „Prag-Blogs“ zu Gemüte geführt hat, fragt sich vermutlich nach meiner Meinung zur Stadt. Habt ihr den ersten Blog gelesen (Zwei Tage in Prag – Stadt der vielen Namen), konntet ihr sicher eine dezent negative Konnotation insbesondere zu den diversen werblichen Attributen zur Stadt wahrnehmen. Für mich steht nun fest: Diese marketingtechnisch gewählten Begrifflichkeiten werden der Stadt nicht gerecht. Sie ist zu vielschichtig, um sie in ein derartiges Schema zu pressen. Aber das ist gut so, denn genau das macht ihren Reiz aus. In diesem Sinne: Ich habe „Nepomuk auf der Karlsbrücke gestreichelt“, also werde ich sicher zurückkehren, denn Prag hat mir extrem gut gefallen. Und es gibt noch so viel zu sehen, was ich bei diesem Aufenthalt aus Zeitgründen nicht geschafft habe!

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