Palermo ist nicht nur die Hauptstadt, sondern auch mit über 600.000 Einwohnern die größte Stadt Siziliens. Sie erstreckt sich entlang einer Bucht an der Nordküste, eingerahmt vom hügeligen Hinterland, das hatten wir schon aus dem Flugzeug gesehen. Zu spüren bekommen wir das, als wir uns mit dem Mietwagen der Stadt nähern. Die „Stadtautobahn“ verläuft wie ein Nadelöhr durch die Metropole, eigentlich eine bis zu vierspurige Straße. Allerdings fehlen an vielen Stellen die Spurlinien und bei der linken Spur bilden die Wurzeln der Bäume eine Art Buckelpiste. Jede/r fährt dort, wo gerade Platz ist und die Vespas schießen kreuz und quer dazwischen durch. Ein wahres Vergnügen, besonders wenn die Spuren dann auch noch wegen einer Baustelle auf eine einzige verengt werden!
Natürlich hat auch Palermo, wie viele italienische Städte, eine ZTL, eine „Zona traffico limitato“, in die der Besucher nicht einfahren darf. Als ob wir hätten versuchen wollen, durch die engen Altstadtgassen zu fahren. Aber auf jeden Fall empfiehlt es sich, im Vorfeld nach einem geeigneten Parkplatz zu recherchieren. Wir können den Parcheggio Green Car wärmstens empfehlen, er liegt zwischen den Catacome dei Cappuccini und dem Palazzo Reale, bietet Platz für Pkw und sogar Wohnmobile und hat auch Toiletten. Und das Wägelchen steht bewacht und sicher!
Catacombe dei Cappuccini
Von unserem Parkplatz aus laufen wir 15 Minuten zu den Katakomben. Da noch etwas Zeit ist, nehmen wir in der typischen italienischen Bar „Splendori“ (Via Pindemonte) ein Cornetto und einen Cappuccino zu uns und sinnieren über die Namengleichheit unseres Heißgetränks und des ersten Besichtigungsorts. Des Rätsels Lösung: „Cappuccio“ heißt auf Deutsch „Kapuze“ – und hohe Hüte zeichneten auch die rotbraune Tracht der Kapuzinermönche aus. Das Heißgetränk (dessen Ursprung übrigens in Österreich liegt) hat sowohl ein „Hütchen“, als auch die Farbe der Mönchskutte dieses Ordens.
Derart weitergebildet und gut gestärkt machen wir uns auf zur Kapuzinergruft, die unterhalb des Kapuzinerklosters liegt. Tickets können direkt vor Ort (nicht online) erworben werden (Toilette ist im Eingangsbereich vorhanden). In der weitläufigen unterirdischen Anlage sind zahlreiche nahezu natürlicherweise entstandene Mumien zu sehen. Insgesamt sind es über 2.000, viele stehend bzw. hängend, manche auch liegend und nur wenige in Särgen. Die älteste Mumie datiert vom Ende des 16. Jahrhunderts, die meisten aus dem 17. bis 19. Jahrhundert (später wurde dieser Brauch verboten bzw. es durfte hier nur noch mit Särgen bestattet werden). Zunächst wurden hier nur Mönche bestattet, später auch wohlhabende Bürger der Stadt, von denen viele den Orden finanziell unterstützten. Die Mumien stehen größtenteils „sortiert“ in den Korridoren, nach Kapuzinern und die Priestern, den „Professionisti“ (also Ärzte, Autoren, Künstler, Offiziere – teils ist dies an der Kleidung erkennbar) und Frauen und Kinder. Der Zustand ist erstaunlich, die Körper sind teils extrem gut erhalten. Die Mumifizierung erfolgte vor allem durch ein monatelanges Austrocknen der Toten in speziellen Räumen. Danach wurden sie mit Essig gewaschen, der Oberkörper mit Stroh ausgefüllt und sie mit den ausgesuchten Kleidern angezogen. Nachgeholfen mit konservierenden Stoffen wurde lediglich bei einer der bekanntesten Mumien, der knapp zweijährigen Rosalia Lombardo, weshalb sie extrem gut erhalten ist. Fotografieren ist aus Respekt vor den Toten verboten (wer googelt, wird schnell fündig). Ziel war es, den Besuchern ihre Vergänglichkeit vor Augen zu führen, eindrücklich ist dieser Besuch auf jeden Fall.
Palazzo dei Normanni / Palazzo Reale
Durch die Porta Nuova, das wichtigste Stadttor Palermos aus dem 16. Jahrhundert, gelangen wir in die Altstadt. Das Stadttor wurde zu Ehren des Sieges von König Karl V in Tunesien errichtet, was die vier maurischen Figuren neben dem Tor verdeutlichen. Gleich hinter dem Tor stehen wir vor dem Palazzo dei Normanni oder Palazzo Reale, der zum UNESCO Weltkulturerbe zählt. Nachdem die Normannen Sizilien erobert hatten, errichtete König Roger II im 12. Jahrhundert diesen Palast, der fortan als Regierungssitz der normannischen Könige auf Sizilien diente. Nach diversen Um- und Anbauten sowie Nutzungsänderungen tagt seit dem Ende des 2. Weltkriegs das sizilianische Parlament hier. Die Sitzungsräume und die daneben liegenden königlichen Gemächer sind nur an bestimmten (sitzungsfreien) Tagen zu besichtigen, normalerweise Freitag bis Montag, dann ist das Ticket auch teurer (Infos dazu findet ihr hier). Auf jeden Fall empfiehlt es sich, vorab zeitgebundene Tickets im Internet zu kaufen, denn sonst müsst ihr zweimal anstehen, am Ticketschalter und beim Einlass.
An unserem Besuchstag montags können wir uns die gesamten Räumlichkeiten anschauen. Dazu zählen besagte Sitzungsräume und die prunkvollen königlichen Gemächer von König Roger II mit Goldmosaiken, die königlichen Gärten, eine Sonderausstellung (bei unserem Besuch zu Picasso) und unter dem Palast liegende antike Stadtmauern und Ausgrabungen aus punischer und römischer Zeit.
Der Publikumsmagnet schlechthin ist – zurecht – die Cappella Palatina, vor deren Eingang sich meist eine Schlange bildet. Diese Hofkapelle wurde von König Roger II im arabisch-byzantinisch-normannischen Stil errichtet und sie steht im deutlichen Gegensatz zu den eher nüchtern wirkenden, festungsähnlichen Außenmauern des Palazzo. Sie ist ein wahres Schatzkästchen, selbst wenn sie wie zurzeit in Teilen renoviert wird (Stand April 2025). Schon an der Außenwand bewundern wir während unserer Wartezeit die prächtigen Mosaiken. Das Innere ist noch beeindruckender, unzählige Mosaike aus Gold, Silber, Glas, Marmor und Serpentin sowie eine wunderschön geschnitzte Holzdecke zieren die Kapelle. Doch nicht allein diese Pracht macht die Cappella Palatina zu etwas Besonderem, sondern auch eine Botschaft, die aktueller ist den je. Der Normanne Roger, selbst fremd in diesem Land, war Herrscher über einen Vielvölkerstaat, unter anderem aus Nachkommen der Erymer, aus Griechen, Arabern und Juden. Er wollte alle Untertanen ansprechen und so ließ er in seiner Kapelle vor allem lateinische, aber auch griechische und arabische Inschriften anbringen. Die im Vordergrund stehende biblische Bildsprache mit Christus als Mittelpunkt und Weltherrscher wird durch Mosaiken im byzantinischen Stil dargestellt und insbesondere in der Holzdecke finden sich arabische Ornamente und Handwerkskunst, für die der König nordafrikanische Handwerker verpflichtete. Und so ist seine Kapelle auch ein Symbol der Toleranz zwischen den Völkern!
Kathedrale von Palermo
Genau wie im Palazzo dei Normanni zeigt sich auch in der Kathedrale oder dem Dom von Palermo (Maria Sanitissima Assunta) die wechselseitige Geschichte Siziliens. Erst stand hier eine Kathedrale, die dann in eine Moschee und später wieder in eine Kathedrale umgewandelt wurde. Dieses Gebäude steht jedoch aufgrund eines Erdbebens nicht mehr, der heutige Bau wurde im 12. Jahrhundert im normannisch-arabischen Stil errichtet und mehrfach erweitert, weshalb er Elemente der Gotik, der Renaissance und des Barock aufweist.
Im Inneren der Kathedrale befinden sich unter anderem die Sarkophage von Roger II sowie der Stauferkaiser Heinrich VI und Friedrich II, der Reliquienschrein der Heiligen Rosalia, Schutzpatronin von Palermo sowie in der Schatzkammer eine Krone, die Friedrich II seiner Frau Konstanze von Aragon mit ins Grab gegeben hatte. Auf dem Boden vor dem Altarraum befindet sich eine horizontale Meridianlinie, die mithilfe eines Lichtstrahls, der durch eine der Kuppeln fällt, wie eine Sonnenuhr funktioniert.
Nicht entgehen lassen solltet ihr euch einen Rundgang auf dem Dach der Kathedrale. Von hier aus könnt ihr über die hübschen Kuppeln vor allem auf den Platz vor dem Dom mit der Statue der Hl. Rosalie, aber auch über die Dächer der Altstadt bis zum Meer schauen!
Quattro Canti und Piazza Pretoria
Von der Kathedrale aus bewegen sich die Besucherströme der Shopping- und Restaurantmeile Via Vittorio Emanuele entlang bis zu einem weiteren Touristenmagnet: den Quattro Canti. Dabei handelt es sich um vier Barockhäuser an der Straßenkreuzung der Vittorio Emanuele mit der Via Maqueda (der offizielle Platzname lautet Piazza Vigliena). Diese zwei Straßen teilen die Altstadt in vier Viertel. Je eines der Häuser bildet das „Eingangstor“ für eines der Viertel und steht für eine Jahreszeit, in den Fassaden finden sich jeweils die Schutzpatronin des Viertels (oben), darunter ein spanischer König und unten ein Brunnen. Zweifelsohne ist das Barockensemble sehr sehenswert, doch mindestens ebenso unterhaltsam ist es zu beobachten, wie die Instagrammer versuchen, per Weitwinkel mit auf dem Boden liegenden Smartphones alle vier Häuser einzufangen. In unmittelbarer Nähe liegt die Piazza Pretoria mit dem gleichnamigen Brunnen, Fontana Pretoria. Die größtenteils nackten Figuren sorgten in der Vergangenheit für viel Irritation und den Beinamen „Brunnen der Schande“, heute stört sich keiner mehr daran. Die tollen Fotos, die ihr von dem Brunnen finden werdet, sind von oben entstanden. Denn der Brunnen ist eingezäunt (und momentan auch noch mit Baugerüsten im Hintergrund), aus normaler Perspektive können kaum gute Fotos gemacht werden.
Spaziergang durch die Altstadt
Bisher haben wir uns entlang der touristischen Highlights und herausgeputzter Fassaden der Altstadt beweget. Doch nur wenige Schritte weiter liegt eine andere Welt. Hier kann sich oft nur noch eine Vespa eine Ape oder ein Fiat 500 durch die engen Gassen zwängen. Der Putz bröckelt von den Wänden, es hängt der „Elektrosalat“ genau wie die Wäsche aus und vor den Fenstern. Die „Nonni“ sitzen vor der Haustür und quatschen, in vielen Ecken liegt Müll. Leider habe ich eher die pittoresken und nicht die „ganz schlimmen“ Ecken eingefangen, das bereue ich im Nachhinein. Nicht, dass ich Palermo schlecht machen wollen würde, im Gegenteil. Nach den ganzen Muster-Touri-Orten fand ich diese Straßenzüge einfach nur authentisch und mit einer ganz anderen Art von (Alltags-)Leben erfüllt. Will sagen: Bewegt euch auf jeden Fall in Palermo auch außerhalb der Hot Spots!
Palermitanisches Street Food
Eine Mischung zwischen Hot Spots und lokalen Traditionen bilden die Märkte. Zum Mittagessen haben wir uns auf einen dieser Märkte begeben: dem Mercato Ballarò. Die Töchter wären am liebsten gleich wieder umgekehrt aufgrund der Touristenströme und vor allem der vielen Marktschreier, die lauthals ihre Waren anpreisen und alle Vorbeiströmenden in ihre Geschäfte oder Restaurants ziehen wollen. Aber die Vorteile, hier Mittagessen zu gehen, sind unschlagbar: Zahlreiche sizilianische Köstlichkeiten sind hier vereint, alle können sich genau das aussuchen, was ihnen zusagt und die Preise sind, nicht zuletzt aufgrund der großen Konkurrenz, nahezu unschlagbar. Also suchen wir uns ein ruhigeres Eckchen und einen Stand, der nicht versucht, uns lauthals von seinem Angebot zu überzeugen und legen mit der Auswahl los. Letztendlich haben wir sechs verschiedene Tellerchen auf unserem Tisch: die überall auf Sizilien erhältlichen frittierten gefüllten Reisbällchen Arancini (gibt es vegetarisch und mit Fleisch), frittierte Kichererbsen-Fladen Panelle, mit Petersilie gewürzte Kartoffelkroketten (Croccè oder Cazzilli), einen Oktopussalat, Fischbällchen mit Rosinen und süßlichen Zwiebeln sowie mit Speck ummantelte gegrillte Frühlingszwiebeln (Cipudduzza frisca co‘ speck). Alles ist köstlich! Unsere netten Standbesitzer „nötigen“ mich, darüber hinaus noch eine weitere Köstlichkeit zu probieren, was ich natürlich auch mache (allerdings nicht gewählt hatte, da ich davor davon gelesen habe): Pane ca meusa. Das sind zart gekochte und fein geschnittene Milz- und Lungenstücke vom Rind, die mit ein bisschen Zitrone gewürzt in einem Brot gegessen werden. Schmeckte ehrlich gesagt nach nicht sehr viel außerhalb der Zitrone. Zum Nachtisch gab es dann noch ein Schälchen Walderdbeeren (für 1,20 Euro!). Wer sich einmal günstig durch das palermitanische Street Food schlemmen will, dem sei ein Besuch auf einem der Märkte sehr empfohlen!
Noch so viel mehr gäbe es in Palermo zu sehen. Allerdings sind wir nach so vielen Erlebnissen für heute erschöpft und treten den Heimweg an. Palermo hat mir sehr gut gefallen mit seinen vielfältigen Einflüssen, die in der Stadt sichtbar sind und dem Spannungsfeld zwischen kulturellen Schätzen von Weltrang und der italienisch-chaotischen, unverfälschten Altstadt!
Ein Wort noch zur Sicherheit: Wer an Palermo denkt, dem kommen sofort die Stichworte Mafia und Kriminalität in den Sinn. Natürlich muss man, wie in jeder Großstadt, auf Taschendiebe achten, aber das ist in Frankfurt nicht anders als hier. Tatsächlich liegt die Kriminalitätsrate Palermos deutlich unter der anderer italienischer Städte wie Rom, Mailand oder Venedig, selbst das relativ untouristische Bologna befindet sich in der Statistik weit vor Palermo. Und von der Mafia werden Touristen höchstens im „No Mafia Memorial-Museum“ an der Vittorio Emanuele oder bei einer geführten Tour erfahren. Dass die Mafia aber ein auch heute noch existentes Thema ist, wird uns bei der Heimfahrt vor Augen geführt. Direkt an der Autobahn bei Capaci steht das Denkmal für den 1992 ermordeten Giovanni Falcone. Der Richter hat die Cosa Nostra massiv bekämpft und wurde an dieser Stelle mit einer Autobombe getötet. Wer mehr über Falcone und die Mafia erfahren will, dem sei das gleichnamige Buch von Roberto Saviano empfohlen.






















































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