Ein Wochenende in Budapest

Zwei Filme prägten in meiner Kindheit mein Bild von Ungarn. „Ich denke oft an Piroschka“ mit Liselotte Pulver habe ich mit meinen Eltern unzählige Male gesehen. Wie beim deutschen Studenten Andreas war auch mein erstes ungarisches Wort szeretlek („ich liebe dich“), und nach zahlreichen Wiederholungen konnte ich sogar den Ortsnamen Hódmezövásárhelykutasipuszta fehlerfrei aussprechen. Piroschka kennt vielleicht nicht jeder, aber ganz sicher Sissi, die österreichische Kaiserin, die im Film mit ihrem Charme nicht zuletzt den heißblütigen ungarischen Diplomaten Graf Andrássy für sich gewinnt und sich in sein Land verliebt. Mein positives Ungarnbild hatte allerdings in den letzten Jahren etwas gelitten, was der mittlerweile rechtspopulistischen Politik und dem autoritären Regime von Ministerpräsident Viktor Orbán zu verdanken ist. Dabei galt Orbán einst als Freiheitskämpfer und Hoffnungsträger, als Ungarn 1989 als erstes Ostblock-Land seine Grenzen für DDR-Bürger öffnete.

Mehr Orban, Piroschka oder Sissi? Ich war also sehr gespannt, was mich bei meinem ersten Wochenende in Ungarn, in der Hauptstadt Budapest, erwarten würde. Passend zur Sissi-Thematik beziehen wir in der eleganten Prachtstraße Andrássy Út, im historischen Hotel Oktogon Haggenmacher, unsere Zimmer (sehr zu empfehlen: tolles Ambiente, schöne Zimmer, super Frühstück und perfekte Lage). Wir wohnen auf der flachen Pest-Seite der Stadt, wo sich das Haupteinkaufsviertel, die St.-Stephans-Basilika und das Parlamentsgebäude befinden. Auf der anderen Seite der Donau liegt der hügelige Stadtteil Buda mit der Fischerbastei und dem Burgpalast.

St. Stephans-Basilika

Ein guter Startpunkt für die Stadtbesichtigung ist die St.-Stephans-Basilika (auch Stephansdom genannt) am gleichnamigen Platz, die größte Kirche der Stadt. Sie ist dem ersten christlichen König Stephan gewidmet und beherbergt auch eine Reliquie von ihm: seine einbalsamierte rechte Hand. Optisch noch beeindruckender ist die 96 Meter hohe Kuppel mit ihrem prunkvollen Mosaik. Mit einem extra Ticket gelangen wir auch oben auf den „Kuppelbalkon“ (das ist entweder mit einem Aufzug oder über Treppen möglich), von wo aus sich ein toller Rundumblick über die Dächer der Stadt, die Donau und bis nach Buda bietet.

Parlamentsgebäude

Im gleichen Zeitraum wie die Basilika, nämlich Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts, wurde ein weiteres Wahrzeichen Budapests erbaut, das Parlamentsgebäude. Es liegt direkt an der Donau, den besten Blick darauf hat man von der gegenüberliegenden Fischerbastei. Unschwer zu erkennen, was als Vorbild gedient hat: der Londoner Westminster Palace.

Juden in Budapest: Mahnmale, Synagoge und „Ruinen-Bars“

Vor dem Parlamentsgebäude, am Donauufer, befindet sich eines von mehreren Mahnmalen in der Stadt, die an die Schrecken des 2. Weltkriegs und insbesondere an die Pogrome an Juden erinnert. Die „Schuhe am Donauufer“ wurden 2005 errichtet und zeigen 60 Paar eiserne Kinder-, Frauen- und Männerschuhe, die Richtung Donau zeigen. In Budapest lebten vor Ausbruch des 2. Weltkriegs etwa eine halbe Million Juden, insbesondere im Elisabeth-Viertel. Nach Kriegseintritt Ungarns an der Seite Deutschlands wurde dieses Viertel zum Ghetto, 70.000 Juden wurden auf engstem Raum eingepfercht und ihr Vermögen konfisziert. Gegen Kriegsende wurden hunderttausende Juden nach Auschwitz deportiert, andere zusammengetrieben, mussten sich an der Donau aufreihen und ihre damals wertvollen Schuhe ausziehen, bevor sie erschossen und in den Fluss geworfen wurden. An den Pollern neben dem Denkmal kleben aus aktuellem Anlass zahlreiche Fotos von Geiseln oder Ermordeten nach dem Überraschungsangriff der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023.

Ein weiteres – allerdings umstrittenes – Mahnmal finden wir zufällig am „Freiheitsplatz„, zwischen Stephansdom und Parlament. Dieser Platz ist voller geschichtlicher Bezüge: In unmittelbarer Nähe wurde der erste Ministerpräsident des Königreichs Ungarn, Lajos Batthyány, von kaiserlich-österreichischen Truppen 1849 erschossen. Inmitten des Platzes thront ein sowjetisches Kriegsdenkmal zur Erinnerung an die Befreiung 1945. An einer Seite des Platzes befindet sich die Botschaft der USA, „bewacht“ von zwei lebensgroßen Statuen der Präsidenten Bush und Reagan. An der anderen Seite steht besagtes umstrittenes Denkmal für die Opfer der Deutschen Besatzung in Ungarn. Es hat national und international für kontroverse Diskussion gesorgt, da es die Rolle der ungarischen Regierung (und auch Teilen der Bevölkerung) bei der Zusammenarbeit mit den Nazis nicht thematisiert und Ungarn ausschließlich als Opfer darstellt. Es wurde ohne öffentliche Ausschreibung und Diskussion und letztendlich aufgrund der Diskussionen schon im Vorfeld ohne Eröffnungsfeier 2014 errichtet. Vor dem Denkmal haben Kritiker ein „Gegendenkmal“ mit Schildern, Fotos und Gegenständen vor allem von deportierten Juden errichtet.

Elisabeth-Viertel mit Synagoge und „Ruinen-Bars“

Heute leben in Budapest etwa 80.000 Juden, die Gemeinde zählt laut Internet zu den aktivsten Europas. Zentrum des jüdischen Lebens war und ist das Elisabethviertel, wo auch die große Synagoge steht. Wegen ihrer Lage an der Dohaný ut (Tabakgasse) wird sie auch Tabaktempel genannt (sie kann auch besichtigt werden, haben wir aus Zeitgründen nicht geschafft und ist auch vergleichsweise teuer).

Viele Häuser im jüdischen Viertel waren dem langsamen Zerfall und damit dem Abriss ausgesetzt, viele standen leer. Gegen beides regte sich der Widerstand und das war die Geburtsstunde der sogenannten Ruinen-Bars. Das ehemalige Ghetto beherbergt mittlerweile nicht nur zahlreiche gute Restaurants mit mediterranen und nahöstlichen Köstlichkeiten (wir empfehlen das multi-kulturelle Dobrumba oder das Mazel Tov), sondern ist auch ein begehrtes Partyviertel. Die Ruinen-Bar schlechthin und die erste (seit 2002) überhaupt ist Szimpla Kert. Normalerweise mache ich mich eher auf die Suche nach weniger Bekanntem, aber in diesem Fall müsst ihr unbedingt diese Ruinen-Bar besuchen, und wenn ihr nur Zeit für eine einzige habt, dann diese. Einst sogar vom Lonely Planet als beste Bar der Welt ausgezeichnet, ist sie wirklich ikonisch und mittlerweile eine kulturelle Institution. Entstanden ist sie quasi aus der „Hausbesetzerszene“, Studierende haben in den verlassenen Häusern Möglichkeiten für günstige Drinks und kulturelle Entfaltung gesucht und geschaffen. Günstig ist es nicht mehr wirklich (aber auch nicht überteuert), künstlerisch dafür umso mehr. Jeder Raum ist einzigartig, verziert mit Graffiti und der unterschiedlichsten Deko, es gibt zahlreiche Bars, kleine Shops, Ausstellungen, immer mal wieder Konzerte und sonstige Veranstaltungen, DJs sorgen für Musik. Wir konnten uns kaum sattsehen und jedes Beobachter- oder Fotografenherz schlägt hier definitiv höher. Ein Must-See in Budapest!

Shoppen in Budapest: große Markthalle und Einkaufsstraßen

So sehr uns das Elisabeth-Viertel und die Ruinen-Bars begeistert haben, so sehr hat uns die „Große Markthalle“ (Haltestelle Fövám tér) enttäuscht. Das Gebäude selbst ist ganz schön, aber innen zeigt sich, dass alles doch fast ausschließlich auf Touristen ausgelegt ist. In der oberen Galerie gibt es zahlreiche Imbisse, unten finden sich vor allem Souvenirstände mit „typisch ungarischen Ess- und Nippeswaren“ – so viel Paprika in allen Varianten habe ich noch nie gesehen. Wer Mitbringsel sucht, wird hier sicherlich fündig, aber wir haben, unsere Handtaschen, Handys und Geldbörsen fest an uns gepresst, lieber die Flucht ergriffen. Tatsächlich hatten wir hier das einzige Mal während unseres Aufenthalts das Gefühl, aufpassen zu müssen!

Einkaufen (internationale Marken nebst weiteren Souvenirshops) lässt es sich auch auf der Váci, diese Straße führt direkt von der Markthalle zu einem der zentralen Plätze der Stadt, dem Vörösmarty Platz. Gerade am Wochenende findet ihr im Elisabethviertel zahlreiche kleine Märkte und Lädchen, wo es von Kitsch über Kunst bis Ostblocksouvenirs alles gibt. Gehobener sind die Geschäfte auf der zur Weihnachtszeit hübsch beleuchteten „Fashion Street„, der Deác Ferenc, und wer noch luxuriösere Ware bevorzugt, ist auf der bereits erwähnten Andrassý Avenue richtig.

Buda-Seite: Unterwegs auf dem Burgberg

Mehrere hübsche Brücken führen über die Donau auf die andere Seite nach Buda. Die bekannteste ist die Kettenbrücke (Széchenyi Lánchíd), die auf direktem Weg von der St.-Stephans-Basilika zum Burgberg liegt. Wir haben die Strecke einmal mit dem ÖPNV zurückgelegt (Tipp: gerade als Familie lohnt sich unbedingt die 24-Stunden-Karte für 5 Personen für 5.000 HUF/ca. 12,50 €, Stand Dezember 2024) und einmal zu Fuß. Alternativ ist die Auffahrt auf den Burgberg mit der Standseilbahn (Budavári Sikló) möglich. Sie wurde 1870 eröffnet und ist die älteste auf Original Gleis und Trasse verkehrende und die zweitälteste Standseilbahn der Welt, was ihr UNESCO-Welterbe-Status beschert hat. Die kurze Fahrt ist allerdings nicht ganz billig (Return-Ticket 5.000 HUF pro Person, nicht im Tagesticket enthalten). Wir haben uns damit begnügt, sie von eine der Brücken anzuschauen!

Die Seilbahn verbindet das Donau-Ufer mit dem Burgpalast, auch königlicher Palast genannt, der ebenfalls UNESCO-Welterbe-Status hat. Hier residierten die Könige von Ungarn (13. bis 20. Jahrhundert). Heute beherbergt er das Historische Museum, die Ungarische Nationalgalerie sowie die Nationalbibliothek. Der Burgpalast ist das höchstgelegene Gebäude der Stadt, weshalb sich ein schöner Ausblick über die Donau, die Kettenbrücke und nach Pest bietet.

Läuft man ein paar Schritte gen Norden und Fischerbastei, so kommt man an finster dreinblickendem Wachpersonal vorbei. Sie bewachen den „Palais Sándor„, wo das ungarische Staatsoberhaupt, derzeit also Viktor Orbán, seinen Amts- und Wohnsitz hat. Besonders sehenswert soll die Wachablösung sein, die wir allerdings nicht abgewartet haben.

Eine weitere Hauptattraktion Budapests ist die Fischerbastei (Halászbástya). Namensgebend für dieses um 1900 errichtete neoromanische Monument ist seine Lage beim ehemaligen Fischmarkt und dem ehemaligen Standort einer Schutzbastei der Fischergilde. Markenzeichen sind die sieben konischen (die an Zelte erinnern sollen) Türme. Sie stehen für die sieben Magyar-Stämme, die sich im 9. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Ungarns niederließen. Die Fassade der Bastei misst fast 140 Meter und von hier hat man einen grandiosen Blick über die Donau nach Pest, vor allem auf das Parlamentsgebäude. Die obere Ebene ist kostenpflichtig, uns hat die tolle Aussicht im kostenfreien Bereich völlig gereicht.

  • Budapest - Fischerbastei und Matthiaskirche
  • Budapest - Fischerbastei, Blick auf Pest

Vor der Bastei steht eine Reiterstatue von König Stephan I., Nationalheiliger des Landes, der das Christentum in Ungarn verbreitete. Er blickt auf die dahinter liegende Matthiaskirche (nur mit Ticket). Direkt daneben liegt das ebenfalls sehr hübsch anzuschauende prachtvolle Gebäude des Finanzministeriums (Szentáromság-Platz) und auch ein Spaziergang durch das historische Burgviertel ist schön.

Und wie hat es uns nun gefallen? Extrem gut! Räumlich am nächsten kamen wir Orbán in seiner Residenz … Ansonsten hatten wir unsere Sissi-Momente mit viel Geschichte, Monarchie, Prachtbauten und großbürgerlichem Charme, aber eben auch Piroschka-Flair in einer lebhaften und gastfreundlichen Stadt mit einer jungen Szene. A propos Piroschka: Essen spielt in diesem Film ebenfalls eine große Rolle und da erstaunt es nicht, dass Budapest auch eine Stadt für „Foodies“ ist, ganz besonders zur Weihnachtszeit. Lest dazu diesen weiteren Budapest-Blog: Budapest für Foodies – besonders zur Weihnachtszeit

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