Wir setzen unsere nordfranzösische Sommerreise fort und überqueren an der Bucht von Mont-Saint-Michel die Grenze zwischen der Normandie und der Bretagne. Dem Verlauf der Bucht folgend, legen wir den ersten Stopp im Küstenstädtchen Cancale ein.
Cancale: Hauptstadt der Austern
„Austernhauptstadt“ nennen sich weltweit einige Orte, ganz oben auf dieser Liste steht auch Cancale. Stolz trägt die Stadt die Bezeichnung „Site remarquable du goût“, ein Ort mit besonders schmackhaften Leckereien. Seit November 2019 gehören Austern aus Cancale sogar zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO und sie gelten darüber hinaus als „Grand Cru Austern“ (ja, so heißt das wirklich), die in der gesamten Bretagne in zwölf hervorragenden Gebieten gezüchtet werden.
Bei so viel Superlativen sind wir schon sehr gespannt und stellen, in Erwartung von Touristenmassen, unser Auto sicherheitshalber schon am Ortseingang (Parkplatz Rue Ernest Lamort) ab. Glücklicherweise ist es hier nicht ganz so schlimm und wir laufen gemütlich die Uferpromenade (Quai John Kennedy – vielleicht aß der auch gerne Austern?) entlang. Wir passieren zahlreiche Restaurants, die meisten präsentieren ihre Ware, insbesondere Austern, vor der Tür. Aber unser Ziel ist der Leuchtturm, denn hier befindet sich der Austernmarkt (Marché aux Huîtres), wo die Produzenten täglich und ganzjährig fangfrische Austern verkauften. Was für ein Schlaraffenland für Austernliebhaber! Frischer geht es nicht und auch nicht günstiger, je nach Qualität und Größe kosten die Austern hier ab 50 Cent (zum Vergleich: in der Frankfurter Gastronomie sind sie für fünf Euro aufwärts zu haben). Die Austern werden direkt vor den Augen der Kunden geöffnet, mit einer Zitrone serviert und anschließend auf den Treppenstufen vor dem Strand sitzend verspeist. Wer fertig ist, wirft die Schalen einfach auf den Strand (die Zitrone eigentlich nicht, aber auch diese landen immer wieder im Austernberg). Wir probieren natürlich insbesondere die hiesige flache Auster, Belon de Cancale genannt, die uns mit ihrem festen Fleisch und leicht nussigem Geschmack bestens mundet. Sie gilt als die Gourmet-Auster schlechthin, bei uns daheim bekommen wir in erster Linie die weit häufigeren „bauchigen“ Felsenaustern.
Während wir unsere Austern schlürfen, blicken wir über die Bucht, in der Ferne der Mont-St.-Michel. Es herrscht Ebbe, der Atlantik hat sich weit zurückgezogen und Holzgestelle freigelegt, in denen grob gewebte Säcke hängen, dazwischen stehen Traktoren zur Arbeit bereit. Laut Internet werden in Cancale jährlich fünftausend Tonnen huîtres creuses (Felsenaustern) und eintausend Tonnen huîtres plats (Flachaustern), ein Viertel der Gesamtproduktion Frankreichs, geerntet. Wer mehr darüber wissen will: Auch Führungen lassen sich hier buchen, das werden wir das nächste Mal sicher machen. Unser Fazit: Auch wenn ihr keine Austern mögt, lohnt sich ein Besuch. Und für Austernliebhaber ist das hier das Paradies!
Die alte Korsarenstadt Saint-Malo
Eine knappe halbe Stunde von Cancale entfernt liegt Saint-Malo. Ausgedehnte Parkplätze rings um die Altstadt zeigen: die Hafenstadt ist ein Touristenmagnet und in der Tat ist sie die meistbesuchte Stadt der Bretagne. Ihre umkämpfte Vergangenheit zeigt sich an einer imposanten Stadtmauer rund um die Altstadt, sogar auf den vorgelagerten Inseln stehen kleine Festungen (Fort du Petit Bé und Fort National). Fischerei, Seehandel und reiche Beute der einheimischen Korsaren durch Überfalle auf Handelsschiffe hatten der Stadt zum Reichtum verholfen. Für kurze Zeit war die Stadt sogar eine eigene Republik, was sich heute noch im Stolz der Malouins, der Einwohner, zeigt. Ihr Leitspruch: „Ni Français, ni Breton, Malouin suis“ (weder Franzose, noch Bretone, Einwohner von Saint-Malo bin ich). Die Stadtmauern hielten dem Bombardements durch die Alliierten im 2. Weltkrieg stand, nicht aber die Altstadt selbst. Sie wurde jedoch bis in die 1970er Jahre originalgetreu wieder aufgebaut.
Heute ist es etwas regnerisch, aber wie alle Besucher laufen auch wir den etwa zwei Kilometer langen Rundweg auf der Stadtmauer („Les Remparts“). Auf der einen Seite liegt die Altstadt mit ihren Gassen – teils eng und verwinkelt, teils ruhige Wohnstraßen und teils geschäftige Fußgängerzonen, aber immer gibt es etwas zu sehen. Einmal umdrehen und schon liegt uns der Ozean mit seinem Inseln und Booten zu Füßen, der Hafen, der Strand und ein Naturschwimmbad, gegenüber die Stadt Dinan, sehr hübsch, das alles. Wir spazieren bis zur Bastion de la Reine, von wo aus wir einen schönen Blick auf den weitläufigen Stadtstrand Grand Plage du Sillon haben. Gleich daneben befindet sich das Chateau de la Duchesse Anne, das heute das schmucke Rathaus der Stadt beherbergt. Von hier aus tauchen wir ein in das Altstadtgetümmel, Shoppen und Schlemmen werden hier groß geschrieben. Vor allem Süßigkeiten- und Schokoladeliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten. Etwas ganz Alltäglich-Unalltägliches bietet das Maison Bordier: nämlich Butter (sowie Käse und andere Milchprodukte). Aber nicht irgendeine, sondern Butter mit Algen, Yuzu, geräuchertem Salz und noch viel mehr! Und wenn ihr noch einen Restauranttipp wollt: Wir haben uns im L’Absinthe sehr wohl gefühlt, das Preis-Leistungsverhältnis des Mittagsmenüs ist sehr gut.
Dinard, Saint Lunaire, Saint-Briac-sur Mer: ein Seebad am anderen
Die Nachbarstadt Dinard lässt sich von Saint-Malo aus entweder direkt mit der Fähre oder über einem kleinen Umweg mit dem Auto erreichen – der Fluss Rance zwischen diesen beiden Städten ist an seiner Mündung sehr breit. Dinard ist das größte der Villen-Seebäder an der Smaragdküste. Strände und imposante Villen aus der Belle Époque-Zeit haben sie alle, aber Dinard kann mit einem Casino, Kunstgalerien und dem britischen Filmfestival auftrumpfen. Als Urlaubsort gefallen uns die benachbarten Saint-Lunaire und Saint-Briac-sur-Mer besser, hier geht es ruhiger zu und mit weniger „Schicki-Micki“. Auch zwischen diesen Städten finden wir immer wieder wunderschöne, trotz bestem Wetter fast menschenleere Strände, wie die Plage de la Vosse aux Vaults – trotz Hochsaison finden wir hier in der Wohnstraße problemlos einen Parkplatz. Wer noch mehr Strand und Infrastruktur sucht, ist an der Plage de Longchamp gut aufgehoben, der Strand wird von einem alten Bunker „bewacht“.
An diesem Küstenabschnitt lässt sich wahrlich gut Urlaub machen, denn auch das Hinterland, insbesondere Dinan, ist sehr attraktiv – der nächste Blog folgt!































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