Das ist mal eine imposante Brücke: Um von der Alabasterküste westwärts zum nächsten normannischen Küstenabschnitt zu gelangen, müssen wir die Seine überqueren und das geschieht über die Pont de Normandie.

Auf der anderen Seite der Seine beginnt die Côte Fleurie, die Blumenküste. Ein vor nicht allzu langer Zeit vergebener „Kunstname“, um diesen Küstenabschnitt zwischen der Alabasterküste (siehe Normandie: Die Alabasterküste rund um Étretat) und der bretonischen Smaragdküste (Blog folgt) mit einem eigenen Namen zu vermarkten. Verwunderlich, dass diese Gegend nicht schon früher einen Namen erhalten hat, vielleicht haben das die diversen „Städte-Diven“ verhindert? Denn davon gibt es einige, mondäne Badeorte oder bekannte Hafenstädte, die bekannt genug sind auch ohne ein Regionalmarketing.
Honfleur: malerische Hafenstadt mit der größten Holzkirche Frankreichs
Die erste „Städte-Diva“ ist Honfleur. Diese Hafenstadt ist tatsächlich ein normannisches Juwel, allerdings wie in Étretat zum Preis von täglichen Touristenmassen. Honfleur war einst bedeutender Handels- und Hafenplatz der normannischen Herzöge. Im 19. Jahrhundert mauserte sich das Städtchen zum Künstlerzentrum. Eugène Boudin ist hier geboren und hier malten und trafen sich auch Monet, Renoir, Pissarro und Cézanne. Heute erfreuen sich die Besucher über den malerischen Hafen und die engen Gassen mit vielen Shops, Restaurants und Cafés in hübschen Häusern, darunter zahlreiche mit Fachwerk gebaut.
Als weitere Besonderheit Honfleurs findet ihr hier die größte Holzkirche Frankreichs: die Église Sainte-Catherine. Je nachdem, von welcher Seite ihr euch der Kirche nähert, werdet ihr diese vielleicht (so wie wir) erst einmal für eine Markthalle halten, gerade auch weil der Glockenturm frei steht. Sie wurde im 15. Jahrhundert erbaut und man sieht ihr nicht zuletzt wegen des kielförmigen Gewölbes an, dass hier Schiffsbauer ihre Expertise eingebracht haben. Auch wenn ihr euch die charmanten Gassen mit vielen anderen teilen müsst, solltet ihr Honfleur auf jeden Fall besuchen.
Deauville: mondäne Bädervillen-Filmstadt
Weiter westwärts folgt die Diva der Blumenküste schlechthin: Deauville. Die Stadt ist der Inbegriff eines mondänen Villen-Seebads. Coco Chanel eröffnete hier ihre erste Boutique außerhalb von Paris und zeigte hier ihre Strandmode und beim amerikanischen Filmfestival kommen jährlich zahlreiche Stars und Sternchen in die Stadt. Von der Bedeutung als Stadt der Cineasten zeugt insbesondere die über 700 Meter lange „Promenade des Planches„. Die Badehäuschen an der Strandpromenade wurden bereits in den 1920er Jahren eingeweiht und seit 1975 tragen sie die Namen amerikanischer Schauspieler/-innen und Regisseure. Auch der breite, feinsandige Strand kann sich sehen lassen und lädt zum Baden ein. Überraschend für uns: ein Schirm und zwei Liegen kosten pro Tag 30 Euro (Stand 2024) – da haben wir in Italien schon andere Preise gesehen…
Im Städtchen selbst können überall vornehme Bädervillen und Top-Hotels bestaunt werden und wer im Casino das nötige Kleingeld erspielt hat, findet hier von Hermés über zahlreiche internationale Labels bis Luis Vuitton viele Modemarken der Haute Couture!
Trouville-sur-Mer: Fisch und Meeresfrüchte
Das Nachbarseebad Trouville-sur-Mer ist nur durch einen schmalen Fluss von der Schwesterstadt getrennt. Hier geht es etwas bescheidener zu, sowohl was die Villendichte als auch die Shops und das Publikum betrifft. Noch heute ist das Städtchen ein aktiver Fischerort, was nicht zuletzt an der Fischmarkthalle und den Auslagen zahlreicher Restaurants zu sehen ist. Auch Trouville nennt einen schönen Sandstrand sein eigen.
Cabourg, Dives-sur-Mer und Houlgate
Es folgen einige weitere Badeorte an der Küste, bevor wir bei der Drei-Städte-Agglomeration Houlgate, Dives-sur-Mer, Cabourg ankommen. Cabourg ist ebenfalls ein mondänes Seebad samt feinsandigem Strand, Bädervillen und Casino. Auf dem Reißbrett geplant, führen alle Straßen fächerförmig auf das Grand Hotel und das Casino am Strand zu. Wir parken an der „Mairie“ (Rathaus) auf dem großen Parkplatz und laufen dann die Avenue de la Mer bis an dasselbe. Publikum, Shops und Restaurants sind weniger „High Society“ als in Deauville, aber für Unterhaltung ist hier garantiert gesorgt. Genauso schön wie in Deauville sind die zahlreichen Bädervillen und es macht Spaß, durch die Gassen zu schlendern und diese zu fotografieren!
Das Nachbarstädtchen Dives-sur-Mer ist nur durch ein Flüsschen, die Dives, von Cabourg getrennt. Im Städtchen selbst geht es deutlich ruhiger zu, es wird höchstens etwas voller, wenn der Markt in der historischen Markthalle stattfindet. Etwas vom Zentrum entfernt am Hafen, dort wo die Dives schon fast ins Meer mündet, befindet sich die „Halles aux Poissons“. In dieser Fischhalle kann täglich frischer Fisch erworben werden, was nicht wenige Einheimische und der Materie kundige Touristen tun.
Vom Fischmarkt aus ist es – theoretisch – nur ein Katzensprung in die Nachbarstadt Houlgate. Strand, Bädervillen, Casino – all das gibt es auch hier. Im Gegensatz zu Cabourg ist das Städtchen jedoch deutlich enger: Verkehrschaos und Parkplatznot in der Hochsaison vorprogrammiert. Weiter im Westen folgen dann die alliierten Landungsstrände von D-Day (siehe Erinnerungskultur: Schlacht um Verdun und D-Day in der Normandie).
Im Hinterland: Lisieux, Caen, Bayeux
Die Côte Fleurie hat auch im Hinterland einiges zu bieten. Käse-, Calvados- und Cidre-Liebhabern sei eine Fahrt auf den entsprechenden Genussrouten durch das Pays d’Auge empfohlen (siehe Pays d’Auge: die drei genussreichen normannischen „C“). Darüber hinaus haben wir noch drei Städte besucht: Lisieux, Caen und Bayeux.
Bayeux und der berühmte Teppich
Unbedingt empfehlenswert ist der Besuch des Teppichs von Bayeux, ein UNESCO-Weltkulturerbe. Der fast 70 Meter lange Teppich erzählt bildhaft die Geschehnisse rund um die Eroberung Englands im Jahr 1066 durch den Herzog der Normandie, Wilhelm den Eroberer. Es ist quasi ein mittelalterliches Comic, detailreich und kunstfertig, das es den vielen damaligen Analphabeten ermöglichte, die Geschichte zu verstehen.
Es ist nicht notwendig (bzw. möglich), ein Ticket vorab zu kaufen. Jeder Besucher erhält einen Audioguide (Deutsch oder zahlreiche andere Sprachen), der sich beim Betreten des Ausstellungsraums selbst aktiviert. So wird die Besucherschlange langsam von Abschnitt zu Abschnitt geleitet (Dauer: ca. 25 Minuten, Fotos nicht erlaubt). Anschließend kann noch eine Ausstellung besucht werden.
Anschließend könnt ihr noch die Kathedrale Notre-Dame mit seiner hübschen Krypta anschauen und durch das nette Städtchen mit seinem mittelalterliche Ambiente bummeln, an kleinen Geschäfte und Cafés mangelt es nicht!
Lisieux: Die große Anziehungskraft der Heiligen Thérèse
Das Glück von Bayeux, im 2. Weltkrieg nicht zerstört worden zu sein, hatte Lisieux nicht. Die Stadt selbst ist daher nicht sonderlich attraktiv, dass sie trotzdem viele Besucher anzieht, liegt an einer Heiligen. Lisieux ist nach Lourdes der zweitwichtigste französische Wallfahrtsort, hier hat die Heilige Thérèse vom Kinde Jesu im Karmeliter-Orden gelebt und gewirkt. Mit nur 24 Jahren verstarb sie 1897 und wurde 1925 heiliggesprochen, 1954 erfolgte die Einweihung der Basilika Sainte-Thérèse. Als Nicht-Katholikin sind Heilige nicht gerade mein „Spezialgebiet“, aber da uns in den zuvor besuchten Kirchenhäusern immer wieder Thérèse „begegnet“ war, wollte ich doch mehr darüber wissen, warum sie von so vielen verehrt wird. Die neobyzantinisch gestaltete Basilika ist in Teilen fast eine Art Museum, das zahlreiche Informationen über ihr Leben und ihre Familie liefert. An vielen Stellen stehen Zitate über die „Liebe“ und in Thérèses Schriften ist der Satz zu finden: „Meine Berufung ist die Liebe.“ Sie glaubte, dass sich die Hingabe an Gott und die Mitmenschen gerade in den kleinen liebevollen Gesten des Alltags äußert (ihr sogenannter „kleiner Weg“ der Liebe). Damit stand sie nicht nur im Gegensatz zum sonst sehr strengen Gottesbild ihrer Zeit, sondern spricht mit dieser für alle verständlichen und für „normale Gläubige“ umsetzbaren Botschaft viele Menschen an – auch uns! Unsere jüngere Tochter kauft sich ein Armband mit Bildern von Thérèse, ich selbst mir ihr autobiographisches Buch „Geschichten einer Seele“ – allerdings erst nach dem Urlaub, denn der umfangreiche Kirchenshop enthält keinerlei (!!!) Bücher in einer anderen Sprache als französisch – ein Unding, bei tausenden anderssprachigen Besuchern!
Caen: Studenten- und Einkaufsstadt
Wilhelm der Eroberer, der mit dem Teppich, begegnet uns auch in Caen. Eine mächtige Burg und zwei Abteien hat der Normannenherzog und spätere König von England hier erbauen lassen. Nach einer Stippvisite an der Burg und des mittelalterlichen (sehr touristischen) Viertels Vaugueux haben wir von den Besichtigungen der letzten Tage genug, und bummeln nur durch das lebhafte Studenten- und Einkaufsstädtchen, das trotz großer Zerstörungen im 2. Weltkrieg sehr gut wiederaufgebaut wurde.
So, nun habt ihr hoffentlich genug Inspirationen für mehrere Urlaubstage an und um die normannische Côte Fleurie.




































































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