Rouen: Fachwerkromantik, Jeanne d’Arc, die Pest und eine große Uhr

Jeanne d’Arc, Jeanne d’Arc – ein Mädchen rettet Frankreich“ – dutzendmal hatten wir diese Liedzeile auf der CD „Die Reisemaus in Frankreich“ gehört. Sie hatte vor Jahren dafür gesorgt, dass insbesondere unsere Jüngere eine glühende Verehrerin der französischen Nationalheldin wurde und wir in Paris einen ganzen Tag damit verbracht haben, sämtliche Statuen und Bilder der Johanna von Orléans zu suchen (und auch einige zu finden, siehe Europa).

Zur Nationalheldin wurde Jeanne d’Arc, weil sie Karl VII im Hundertjährigen Krieg zu einem Sieg gegen die Engländer und Burgunder verholfen hatte. Diese beiden Mächte sorgten letztendlich dafür, dass sie wegen „Aberglauben und Irrlehren“ am 30. Mai 1431 auf dem Marktplatz von Rouen verbrannt wurde. Unser erster Weg durch die normannische Hauptstadt führt dann auch zu ebendiesem Marktplatz („Vieux Marché„). Der Architekt möge uns verzeihen, vielleicht wollte er ja für Gesprächsstoff sorgen, aber wir sind mäßig begeistert. Der Marktplatz selbst ist schön, gesäumt von hübschen Fachwerkhäusern, in einem davon eines der ältesten Restaurants der Welt, das „La Couronne“. Angeblich hat der Wirt sogar die Hinrichtung Jeanne d’Arcs durch’s Fenster verfolgt. Aber zurück zu unserem Missfallen. Inmitten dieses historischen Ambientes steht ein – mit Verlaub – hässlicher Klotz: die Église Sainte-Jeanne-d’Arc, erbaut im Jahr 1979. Recherchiert man zu diesem Gebäude, so soll es wahlweise die Form eines umgeworfenen Schiffs (für die intellektuelle Fraktion: Analogie zu frühen christlichen Kirchen) oder Scheiterhaufen ähnlich sein. Abseits der Gedankenspiele, was uns der Künstler sagen will, können wir uns für dieses moderne Gebäude nicht wirklich erwärmen, auch wenn im Inneren der Kirche Fenster einer anderen Kirche aus dem 16. Jahrhundert verbaut sind. Noch größer wird unsere Irritation, als wir das eigentliche Mahnmal für die Verbrennung der Jungfrau kaum unter dem umgebenden Grünzeug finden können (viel Spaß beim Suchen!).

Doch abseits dieser Enttäuschung gefällt uns die „Stadt der 100 Kirchtürme“, wie sie einst Victor Hugo nannte, ausgesprochen gut! Das mittelalterliche Ambiente der verwinkelten Altstadtgassen mit ihren Fachwerkhäusern ist wunderschön. Eine Hauptattraktion, die ihr nicht verpassen solltet (und werdet) ist die „Gros-Horloge„, die dicke Uhr, auch hier ein Superlativ: die älteste Uhr Frankreichs. Sie hängt an einem Renaissancebogen, der wiederum zu einem Belfried aus dem 14. Jahrhundert gehört.

  • Normandie Rouen Gros-Horloge

Läuft man unter dem Torbogen hindurch, ist schon das nächste Wahrzeichen der Stadt, die gotische Kathedrale Notre-Dame, zu erkennen, mit 151 Metern Höhe immerhin die höchste ihrer Art in Frankreich. Momentan allerdings eingerüstet, die Spitze war bei Bauarbeiten im Juli 24 in Brand geraten. Falls euch die Kathedrale bekannt vorkommt: Claude Monet hat sie in zahlreichen Werken gemalt. Im Inneren können wir sehen, dass das Kirchengebäude Krönungsort der normannischen Herzöge war, die hier teils auch ihre letzte Ruhe gefunden haben, unter ihnen der Wikinger Rollo, erster Herzog der Normandie. Auf einem der Gräber ist zu lesen: „HIC IACET COR RICARDI REGIS ANGLORUM“ („Hier ruht das Herz von Richard, König von England“) – tatsächlich liegt hier das Herz von Richard Löwenherz.

Noch mehr Mittelalter-Flair findet ihr im Viertel Saint-Maclou, rund um die gleichnamige Kirche. Hier solltet ihr unbedingt auch den ehemaligen Pestfriedhof („Aître Saint-Maclou„) anschauen. In den Arkaden des Hofs wird die Geschichte dieses Ortes anschaulich erklärt: Ursprünglich war hier schon ein Friedhof, aber als im 16. Jahrhundert die Pest in der Stadt wütete, war der Platz schnell zu klein. Also baute die Gemeinde ein mehrseitiges Gebäude mit Kreuzgang und Atrium in dessen Mitte, deren Gebäudeteile bis unter das Dach als Beinhaus diente. Der Komplex ist mit einem geschnitzten Totentänzern geschmückt und mit Knochen, Särgen und Werkzeugen des Totengräbers verziert. Später war hier eine Schule untergebracht – wir können uns lebhaft vorstellen, womit die Lehrer unfolgsamen Kindern gedroht haben…

  • Rouen - Aître Saint-Maclou (Pestfriedhof)
  • Rouen - Viertel Saint-Maclou

Unser Fazit zu Rouen: Ein Besuch der Stadt gehört zu einem Normandie-Urlaub unbedingt dazu!

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