Wir finden Reisen unter anderem deshalb so wichtig, weil wir alle viel dabei lernen und das auf diese Art Gelernte nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Nicht zuletzt deshalb besuchen wir mit den Kindern geschichtsträchtige Orte rund um die dunklen Seiten unserer Geschichte, also auch Kriegsschauplätze. Auf dem Weg in die Normandie ist daher ein Zwischenstopp in Verdun, das direkt an der A4 liegt, Pflicht.
1. Weltkrieg: Verdun und das Beinhaus von Douaumont
Die Kleinstadt Verdun steht heute als Sinnbild für die schlimmste Schlacht des 1. Weltkriegs und dessen menschenverachtende Kriegsführung. Nach mehrmonatigen Kampfhandlungen 1916, dem Einsatz von Sprenggranaten im dreistelligen Millionenbereich und 100.000 Giftgasgranaten, hatten etwa 700.000 Soldaten (etwa gleich viele auf beiden Seiten) hier ihr Leben gelassen, neun Dörfer waren zerstört, alle Wälder verbrannt und die Landschaft mit Granattrichtern übersät. Keine Seite konnte siegen, Verdun ist ein Beispiel von Kriegsführung, in der Menschen nur noch als Material gelten und für ein paar Meter Landgewinn geopfert werden.
Um Verdun können zahlreiche Schauplätze, Memorials und Museen besichtigt werden. Wir entscheiden uns für das Beinhaus von Douaumont, das vor allem den vielen unbekannten Soldaten gewidmet ist, die hier gefallen sind. Hier war nicht nur einer der am meisten umkämpften Frontabschnitte, sondern von hier, insbesondere vom Turm („Tour des morts“ – Turm der Toten) aus, überblickt man auch das gesamte Schlachtfeld.
Bereits 1920 wurde der Grundstein für das Gebäude gelegt. Im Jahr 1964 (erst 1963 war der Élysée-Vertrag geschlossen worden) trafen sich hier Francois Mitterrand und Helmut Kohl und erklärten: „Wir haben uns versöhnt. Wir haben uns verständigt. Wir sind Freunde geworden.“ Nicht selbstverständlich, nach mehreren Kriegen und einer langen Zeit der „Erbfeindschaft“.
Im Gebäude befinden sich ein Kino, eine Kapelle und eine Gedenkhalle (in der nicht fotografiert werden darf) und man kann auf den Turm steigen. Unter dem Gebäude sind die Gebeine der Gefallenen aufgeschichtet, über mehrere Fenster können wir in das Innere des Beinhauses blicken. Vor dem Gebäude befindet sich ein Friedhof für französische Soldaten, rechts und links Gedenkstätten für jüdische und muslimische Soldaten.
Mit bedrückter Stimmung setzen wir die Fahrt fort und gelangen zu einem der neun zerstörten Dörfer, Fleury-devant-Douaumont. Während die umliegende Landschaft wieder sehr ländlich-friedlich (allerdings mit erkennbar „jungen“ Wäldern) wirkt, sind an dieser Stelle, neben vereinzelten Ruinen, die Granattrichter noch gut zu erkennen.
Gedenkstätten des 2. Weltkriegs an der normannischen Atlantikküste
Ein paar Tage später sind wir an der normannischen Atlantikküste angelangt – einer der geschichtsträchtigsten Regionen des 2. Weltkriegs. Hier landeten am 6. Juni 1944, dem „D-Day“ (auf französisch „Jour J“), die alliierten Truppen und leiteten damit letztendlich das Ende des Krieges ein.
Der D-Day ist eine der größten Militäroperationen der Geschichte, von langer Hand vorbereitet. Hitler-Deutschland hatte versucht, mit dem fast 3.000 Kilometer langen „Atlantikwall“ die Küste von Frankreich über Belgien, Niederlande, Dänemark bis Norwegen vor dem Eindringen der Alliierten an der Westfront zu schützen. Sie rechneten mit einem Angriff in der Gegend von Calais aufgrund der kürzesten Distanz zu England, untermauert von Täuschungsmanövern der Alliierten. Doch diese hatten mit der „Operation Overlord“ beschlossen, über die normannischen Strände zwischen Ouistreham und Sainte-Mère-Église anzugreifen. Die Landungsstrände für den Angriff aus dem Wasser von West nach Ost erhielten die Namen Utah (US-Amerikaner), Omaha (US-Amerikaner), Gold (Briten), Juno (Kanadier) und Sword (Briten und Franzosen); parallel erfolgten Angriffe aus der Luft und es sprangen Fallschirmjäger ab.
Den Angriff über das Wasser schildert sehr grausam und einprägsam der Film „Soldat James Ryan“ mit Tom Hanks, den wir im Vorfeld mit den Töchtern angeschaut hatten. Die Anfangsszene des Films spielt Jahrzehnte nach dem D-Day auf der amerikanischen Gedenkstätte in Colleville-sur-Mer, die wir aus dem Osten kommend als erstes besuchen (riesige Gratisparkplätze vorhanden). Am Beginn des Memorials steht eine Gedenkstätte, in der unter anderem auf die reale Vorlage für „James Ryan“ verwiesen wird. Der detaillierte Ablauf des D-Day wird, sowohl zeitlich als auch mit verschiedenen Augenzeugenberichten, Zitaten und Exponaten, dargestellt. Der Rundgang wird fortgesetzt mit Aussichtspunkten über Omaha Beach und den Ärmelkanal bis hin zum Friedhof mit den Gräbern, teils mit Namen, teils der namenlosen Soldaten, meist mit Kreuzen, wenige mit Davidsternen (insgesamt fast 10.000 Gräber). Am einen Ende der Gräberreihe steht eine Kapelle, am anderen ein Ehrenmal.
Direkt zum Strand kann man von hier aus nicht, dies ist möglich in unmittelbarer Nähe am Omaha Beach Memorial (Bezahlparkplatz vorhanden). Herzstück des Memorials ist das „Les Braves Omaha Beach Memorial„, das sich aus drei Elementen zusammensetzt: „The Wings of Hope“ (Flügel der Hoffnung), „Rise, Freedom!“ (Erhebe dich, Freiheit!) und „The Wings of Fraternity“ (Flügel der Brüderlichkeit) – anlässlich der kürzlich erfolgten 80-Jahr-Feiern rund um den D-Day war es des Öfteren in den Nachrichten zu sehen. Am Memorial selbst ist einiges los, wenige Meter rechts und links der Gedenkstätte kaum noch etwas. Der Strandabschnitt hier ist wunderschön, an einigen Stellen baden Urlauber. Ich finde es schwierig, diese Gegensätze zwischen landschaftlicher Schönheit und Urlaubsfreunden und der blutigen Vergangenheit rund um den „längsten Tag“ auszuhalten. Am D-Day sind insgesamt etwa 4.500 Soldaten gestorben, alleine 2.000 am Omaha Beach.
Nächste Station ist La Cambe, mit über 20.000 Bestatteten die größte deutsche Kriegsgräberstätte in der Normandie (kostenlose Parkplätze vorhanden). Da die Toten größtenteils in Gemeinschaftsgräbern liegen, ist diese Zahl in der Anlage nicht wirklich ersichtlich. Im Informationszentrum dokumentiert eine Ausstellung beispielhaft, was die Menschen im Krieg erleiden mussten. Sie beschreibt Schicksale von Menschen verschiedener Nationalitäten aus verschiedenen Blickwinkeln, von Tätern und von Opfern, und stellt Beispiele für Hoffnung und Versöhnung heraus. Diesen Gedanken zeigt auch die Einbettung der Anlage in einen Friedenspark aus zahlreichen Ahornbäumen sowie ein Zitat von Albert Schweitzer auf einem Gedenkstein: „Kriegsgräber sind die großen Prediger des Friedens.“
Unsere letzte Station ist das D-Day Experience Museum in Saint-Come-du-Mont. Zahlreiche große und kleine Museen konkurrieren an diesem Küstenabschnitt um Besucher, viele sind nur ein Sammelsurium diverser Militaria, was ich nicht besonders spannend finde (und die Kinder noch weniger). Gerade unserer Töchter wegen standen für uns zwei Einrichtungen zur Wahl: dieses und das Arromanches 360 – das wir aus räumlichen Gründen (es liegt im Osten beim britischen Landungsstrand) jedoch verwarfen. Die „D-Day Experience“ besteht aus drei Bausteinen: einem 3-D-Film (Audioguide auch auf Deutsch), einem Flugsimulator und einem Museum, wir entscheiden uns für alle drei. Der Film besteht aus zwei Teilen, einer dreht sich um den D-Day und der zweite um die Ereignisse in den Tagen danach rund um das benachbarte Carentan, das am 12. Juni 1944 als erste französische Stadt von den Alliierten befreit wurde (in beiden Filmen wird kein Blutvergießen gezeigt, also auch für Kinder ab einem gewissen Alter tauglich). Ein Teil des Museums ist das historische, nahezu unveränderte und damals von den deutschen Fallschirmjägern besetzte Gebäude am „Dead Man’s Corner“ (hier leider auch das typische Militaria-Sammelsurium, auch käuflich zu erwerben), der andere zeigt die alliierte Seite. Beim Flugsimulator wird nach einer Einführung durch einen Offizier der Flug über den Ärmelkanal nachempfunden. Würde ich den Besuch empfehlen? Ja, trotz des recht hohen Preises, denn ich glaube, dass das „Gesamtpaket“ vor allem durch den Film und Flugsimulator (Stichwort „Infotainment“) dafür sorgt, dass das Thema im Gedächtnis verankert wird. Allerdings wäre es wohl didaktisch besser gewesen, mit dieser „D-Day-Experience“ zu starten und danach die Memorials zu besuchen.
































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