Zypern: von Kirchenschätzen und Beutekunst

Die Religion spielt auf Zypern eine zentrale Rolle, die Kirche ist tief in der Kultur, Geschichte und Identität der Zyprioten verwurzelt. In der Republik Zypern hat die zypriotisch-orthodoxe Kirche großen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Die türkischsprachigen Zyprioten sind mehrheitlich sunnitisch-muslimisch und leben heute im Nordteil der Insel. Der traditionelle zypriotische Islam gilt als weniger streng, was sich beispielsweise in der Hauptmoschee in Nikosia zeigt – davon wird später die Rede sein. Mit der Invasion der Türkei wurde dieser Teil religiöser und konservativer.

Ein kurzer geschichtlicher Überblick

Kurz nach Jesus Tod kam der Apostel Paulus auf seiner Missionsreise nach Zypern, um den dort lebenden jüdischen Gemeinden gemeinsam mit dem zypriotischen Apostel Barnabas das Christentum nahe zu bringen. Bereits im 5. Jahrhundert war die zypriotische Bevölkerung mehrheitlich christlich. Seit etwa dem 7. Jahrhundert lebten, bedingt durch die Einmärsche arabischer Stämme, vereinzelt Muslime auf Zypern. Mit der osmanischen Herrschaft vom 16. bis 19. Jahrhundert wuchs die Zahl der Muslime auf Zypern, sie bildeten vor der türkischen Invasion 1974 auf der gesamten Insel eine Minderheit von knapp 20 Prozent, der Anteil der Christen lag auf der gesamten Insel bei knapp 80 Prozent. In den Städten waren stets beide Gruppen vertreten, was an den Kirchen und Moscheen zu sehen ist, auch in manchen Dörfern lebten Christen und Moslems friedlich nebeneinander. Die Invasion zog eine komplette ethnische und religiöse Trennung nach sich. Heute gehören in der Republik Zypern über 90 Prozent der Bewohner dem christlichen Glauben an, die Mehrheit von ihnen sind orthodoxe Christen. Im türkisch besetzten Nordteil leben fast ausschließlich sunnitische Muslime, sowohl türkischsprachige Zyprioten als auch Einwanderer und Soldaten aus der Türkei.

Die ersten Christen auf Zypern: der Inselheilige Barnabas und der Apostel Paulus

Wie im Blog Zypern: auf den Spuren zahlreicher Völker und Kulturen beschrieben, war die Stadt Salamis jahrhundertelang das wichtigste Stadtkönigreich auf Zypern. Von der damaligen Bedeutung der Stadt zeugt auch die Bibel, die Stadt wird in der Apostelgeschichte 13, Vers 5 namentlich genannt. Denn sie war etwa 45 n. Chr. die erste Station einer Missionsreise des Apostels Paulus durch Zypern. Gemeinsam mit dem Apostel Barnabas, der aus Zypern stammt, durchzog er von Salamis aus die gesamte Insel bis Paphos; beide Apostel predigten dabei in den jeweiligen jüdischen Gemeinden. Barnabas gilt als der Nationalheilige Zyperns und unweit von Salamis befindet sich das St.-Barnabas-Kloster mit seiner Grabstätte. Im türkisch besetzten Nordteil der Insel gelegen, ist das christlich-orthodoxe Kloster nicht mehr aktiv, die letzten Mönche haben es 1976, also zwei Jahre nach der Invasion, verlassen. Nach der türkischen Invasion trugen sie zahlreiche Ikonen und weitere Kirchenschätze aus den verlassenen Kirchenhäusern im Norden zusammen, bevor diese außer Landes gebracht werden konnten. Heute beherbergt die Klosterkirche eine Ikonenausstellung und das Kloster selbst ein kleines Museum.

Dass die Kirche nicht aktiv genutzt wird, ist erkennbar daran, dass der Vorhang an der Ikonostase geöffnet ist und einen Blick in den Altarraum freigibt. Ein großes Fresko im Seitenschiff zeigt die Lebensgeschichte des Barnabas, leider in einem sehr schlechten Zustand. Für die orthodoxen Kirche Zyperns ist dieses Fresko sehr bedeutsam, denn es illustriert die Auffindung des Grabs von Barnabas, der eine Abschrift des Matthäusevangeliums in der Hand hält. Diese Auffindung im 5. Jahrhundert führte dazu, dass der damalige byzantinische Kaiser Zeno die kirchenrechtliche Autonomie der zypriotisch-orthodoxe Kirche bestätigte (Autokephalie), was unter anderen einen eigenen Erzbischof erlaubte (der auf Zypern in Persona des bekanntesten Erzbischofs Makarios ja auch politisch eine große Rolle spielte).

Wenige Schritte neben dem Kloster steht die kleine Grabkirche des Inselheiligen, in der Krypta befindet sich das Grab des Apostels Barnabas.

Paulus in Paphos

Ihre Missionsreise führte Paulus und Barnabas wie schon erwähnt nach Paphos im Westen Zyperns, auch darüber berichtet die Apostelgeschichte in der Bibel. Dort werden die beiden Missionare nicht willkommen geheißen, der amtierende römische Statthalter Sergius Paulus lässt Paulus an einer Säule auspeitschen – dieser Teil ist nicht in der Bibel belegt. Hier beschrieben ist jedoch, dass es Paulus gelungen ist, den Statthalter zum christlichen Glauben zu bekehren. Ob Wahrheit oder Legende: Die so genannte Paulus-Säule steht mitten auf einem Ausgrabungsfeld, in unmittelbarer Nachbarschaft zur kleinen Kirche Agia Kyriaki Chrysopolitissa. Ursprünglich stand hier eine riesige früchristliche Basilika – die größte Zyperns -, deren Reste noch über erhöhte Wege besichtigt werden können.

Haus des Eustolios in Kourion: schriftlicher Beleg des frühen Christentums

Neben Salamis eine der wichtigsten Ausgrabungsstätten auf Zypern ist Kourion. Hier steht das Haus des Eustolios, einst eine römische Privatvilla, später ein öffentliches Gebäude mit Therme. Der Raum mit der schönsten Aussicht auf die Küste ist mit gut erhaltenen Bodenmosaiken verziert. Nicht etwa Szenen aus der griechischen Mythologie, aus dem „alten Heidentum“, sind hier dargestellt, sondern christliche Tiermotive wie Fische und Vögel sowie geometrische Formen, darunter angedeutete Kreuze. Eine Inschrift erklärt warum: „Anstelle von großen Steinen und festem Eisen, anstelle von glänzender Bronze und Diamant ist dieses Haus umgürtet von den viel verehrten Symbolen Christi.“ Datiert werden diese Mosaike auf das späte 4. oder frühe 5. Jahrhundert nach Christus und sie gelten als Beleg dafür, dass das frühe Christentum nun Einzug auf Zypern gehalten hat.

Scheunendachkirchen im Troodos-Gebirge

Die kirchenrechtliche Unabhängigkeit der zypriotisch-orthodoxen Kirche wurde wie gesagt im 5. Jahrhundert bestätigt. Seit diesem Zeitpunkt entstanden zahlreiche orthodoxe Kirchenhäuser auf der Insel, für mich die beeindruckendsten sind die Scheunendachkirchen im Troodos-Gebirge. Mehr als 60 dieser Kirchen existieren, 11 davon tragen den Status UNESCO-Weltkulturerbe. Ihren Namen erhielten diese Kirchen von ihren lang heruntergezogenen Satteldächern, die ihnen das Aussehen von Scheunen verleihen. Diese Dächer sollten insbesondere vor Witterungseinflüssen in der Gebirgsregion schützen und boten außerdem zusätzlichen Stauraum oberhalb und neben dem eigentlichen Kirchenraum. Teils wurden diese Kirchen bereits von Anfang an mit Scheunendächern erbaut, teils erhielten kleine Basiliken im Nachhinein die schützende Scheunendächer. Dieser Witterungsschutz sowie die gute Luftzirkulation im Inneren sorgten dafür, dass die wertvollen bunten Fresken gut erhalten geblieben sind.

Die schönste Scheunendachkirche, die wir besucht haben, ist Agios Nikolaos tis Stegis (Kirche des hl. Nikolaus vom Dach). Sie liegt südlich von Kakopetria. Mit ihrem Bau wurde im 11. Jahrhundert begonnen, erst später wurde die kleine Basilika mit einem Scheunendach versehen, was durch die Fenster von außen gut erkennbar ist. Leider darf im Inneren zum Schutz der bunten und sehr gut erhaltenen Fresken nicht fotografiert werden (das gilt für alle von uns besuchten Scheunenkirchen). Verständlich, aber sehr schade, denn die Kirche ist vollständig mit Fresken aus 6 Jahrhunderten geschmückt – darunter die ältesten erhaltenen Fresken auf Zypern! Teils liegen diese Fresken in mehreren Schichten übereinander: So wurde in einer der Kuppeln eine Freskenschicht komplett abgetragen und im byzantinischen Museum in Nikosia wieder aufgebaut (wir haben uns diese dort ebenfalls angeschaut). In Agios Nikolaos ist die darunter liegende ältere Freskenschicht zu sehen. Diese und alle weiteren Informationen über die verschiedenen Freskenmotive, deren Datierung und die dazugehörigen biblischen Geschichten sind nur mit einer guten Führung zu verstehen, eine solche würde ich jedem Besucher dringend ans Herz legen. Aber auch alle, die „nur“ die bunten Fresken bestaunen, werden von deren Pracht begeistert sein und mit ein bisschen Bibelkenntnis die eine oder andere Darstellung auch deuten können. Exemplarisch für die vielen Fresken möchte ich eine hervorheben, die ich später von einer Postkarte abfotografiert habe: Die der stillenden Maria, Maria lactans oder Galaktotrophousa – eine eher selten zu sehende Darstellung.

Im Anschluss besuchen wir noch zwei weitere Scheunendachkirchen: Panagia Eleousa tis Podithou und die in unmittelbarer Nähe liegende Panagia Theotokos in der Nähe von Galata, auch diese gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe bemalte Scheunendachkirchen. Beide sehen von außen nicht wie orthodoxe Kirchen aus, sondern tatsächlich wie Scheunen, nicht zuletzt weil sie inmitten von Feldern stehen. Sie wurden Anfang des 16. Jahrhunderts während der venezianischen Herrschaft mit Spenden einer Adelsfamilie erbaut und waren ursprünglich Teil eines Klosters. Panagia tis Podithou ist der Barmherzigen Gottesmutter Podithou geweiht. Die kleine Kapelle direkt daneben heißt Panagia Theotokos (= Gottesgebährerin), wird aber auch Ekklisia tou Archangelou Michail (Erzengel Michael) genannt. Die Fresken in diesen Kirchen sind insgesamt jüngeren Datums als Agios Nikolaos tis Stegis und vom italo-byzantinischen Stil geprägt, beeinflusst durch venezianische Kunst. Auch die Spender sind in den Kirchen verewigt, zu sehen ist unter anderem der Markuslöwe. Dass die Stifterin mit einem Rosenkranz abgebildet ist, lässt auf ihren katholischen Glauben schließen. Auch hier darf wie gesagt leider nicht im Inneren fotografiert werden.

Kathedrale Agios Ioannis in Nikosia

In der Hauptstadt Zyperns, in Nikosia – von den griechisch-sprachigen Zyprioten auch Lefkosia genannt – steht mit der Johanneskathedrale die Hauptkirche der zypriotisch-orthodoxen Christen, Sitz des orthodoxen Erzbistums auf Zypern. Agios Ioannis wurde 1662 erbaut, also unter osmanischer Herrschaft, weshalb die recht kleine, einschiffige Kirche optisch nicht wie eine Kathedrale wirkt. Doch so bescheiden sie von außen ist, umso prunkvoller ist die mit Fresken, Ikonen und vergoldeten Holzschnitzereien geschmückte Kirche im Inneren (leider darf auch hier nicht fotografiert werden).

Hinter der Johanneskathedrale befindet sich das erst kürzlich modernisierte byzantinische Museum, mit der umfangreichsten Sammlung byzantinischer Kunst auf Zypern. Präsentiert werden wertvolle sakrale Gefäße, Mosaike, Ikonen und Fresken aus dem 6. bis 19. Jahrhundert, darunter die in der Scheunendachkirche Agios Nikolaos tis Stegis schon beschriebene abgelöste Freskenschicht (auch hier: Fotografierverbot). Unsere Führerin erzählt außerdem spannende Geschichten rund um Beutekunst aus dem nordzypriotischen Teil. Nach der Invasion wurden Kunstwerke aus den nordzypriotischen Kirchen gestohlen, einige besonders wertvolle auch außer Landes geschafft und dort in detektivischer Kleinarbeit wieder aufgespürt. So entschied in den 1990er Jahren das OLG München, dass hunderte geraubter Kunstgegenstände im Wert von rund 30 Millionen Euro, an Zypern zurückgegeben werden müssen. Diese Objekte waren bei einem türkischen Kunsthändler in München sichergestellt worden. Wer dieses Museum besuchen will, dem empfehle ich ebenfalls eine Führung.

Direkt neben der Johanneskathedrale befindet sich der Erzbischöfliche Palast, in dem der amtierende Erzbischof Georgios III, residiert. Am bekanntesten ist jedoch sicherlich Makarios III, 1950 zum Erzbischof gewählt, der den Palast in den 1960er Jahren im neobyzantinischen Stil errichten ließ und dessen Statue im Hof steht. Makarios III. war auch der erste Präsident der Republik Zypern, im Amt von 1960 bis zu seinem Tod 1977. Makarios III. war also sowohl das geistliche Oberhaupt der autokephalen orthodoxen Kirche auf Zypern als auch der politische Führer der griechisch-zypriotischen Gemeinschaft im Kampf gegen die Unabhängigkeit von den Briten. Nach ihm gab es diese Personalunion nicht mehr, jedoch hat die Kirche nach wie vor großen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Einfluss.

Agios Lazarus in Larnaca

Zum Abschluss unserer Reise besuchen wir die orthodoxe Kirche des Heiligen Lazarus (Agios Lazarus) in Larnaca. Der heilige Lazarus von Bethanien wirkte hier 30 Jahre lang als Bischof. Die Mehrkuppelkirche im byzantinischen Stil wurde im 9. Jahrhundert auf Anweisung des byzantinischen Kaisers Leo VI über der Grabstätte des Heiligen erbaut. Die Grabkammer kann besichtigt werden, die Schädel-Reliquie und Knochen werden in einer Truhe im Kirchenraum ausgestellt. Ein Hinweis dazu: Die Meinungen gehen außeinander, welche Gebeine des Lazarus „die echten“ sind, die in Autun/Burgund oder die hier in Larnaka. Natürlich sind die Zyprioten überzeugt, dass die Gebeine des Lazarus bei ihnen ruhen.

In dieser Kirche dürfen wir endlich auch mal fotografieren. Wir lassen uns im recht schlicht gehaltenen Inneren auf den Stühlen nieder und schauen uns die umso prächtiger gestaltete Ikonostase an, also die Bilderwand am Ende des Kirchenschiffs vor dem Altarraum. Merke: geschlossener Vorhang = aktive Kirche. Wie bei jeder Ikonostase ist eine Ikone besonders hervorgehoben, in diesem Fall natürlich die des Heiligen Lazarus, die komplett vergoldet ist. Neben den Touristengruppen strömen auch viele orthodoxe Christen in die Kirche, küssen den Reliquienschrein und im Anschluss die Ikonen der Ikonostase. Aus hygienischen Gründen werden der Schrein und die Ikonen den ganzen Tag über unzählige Male gereinigt.

In Moscheen umgewandelte Kathedralen in Famagusta und Nikosia

Im Nordteil der Insel stehen zwei ehemalige Kathedralen, die unter osmanischer Herrschaft (im 16. Jahrhundert) in Moscheen umgewandelt wurden. Beide entstanden zur Zeit der Lusignans (also im 14. Jahrhundert) und sehen wie französisch-gotische Kirchen aus, denen die Kirchtürme fehlen und die stattdessen Minarette tragen. Beide Moscheen sind bei passender Kleidung (sonst werden auch Schals und Umhänge bereitgestellt) auch für Nicht-Muslime geöffnet (im Gegensatz zu den Moscheen in vielen anderen Ländern), ein Eintrittspreis wird nicht erhoben, wie in jeder Moschee müssen die Schuhe am Eingang ausgezogen werden.

In Famagusta heißt die die ehemalige St.-NikolausKathedrale heute LalaMustafaPascha-Moschee. Wie schon im Blog Zypern: auf den Spuren zahlreicher Völker und Kulturen beschrieben, wurden in diesem Gotteshaus alle figürlichen Darstellungen, also Menschen und Tiere, entfernt, das gilt für Fassade, Innenwände und Kirchenfenster. Beim Genauen Hinschauen sind kleine bunte Reststücke in den sonst neutralen Fenstern zu sehen – auf diesen Teilen war keine figürliche Abbildung, also sind sie noch original. Interessanterweise ist dies in der zweiten umgewandelten Kathedrale, der Kathedrale der Hl. Sophia in Nikosia, heute Selimiye-Moschee, anders. Schon am Eingangsportal sind Figuren zu sehen, im Inneren der Kirche gar an einem Schlussstein ein Lamm mit Kreuz und ein weiteres gemaltes Kreuz auf eine der Säulen. Ein Beleg für den liberal ausgerichteten zypriotischen Islam! In der Republik Zypern, also im christlich-orthodoxen Teil, gibt es ebenfalls aktive Moscheen, wie die Djami Kebir Moschee in Strandnähe in Larnaca oder die islamische Hauptmoschee der Republik Zypern, die Hala-Sultan-Tekke-Moschee beim Salzsee in Larnaca; weitere Moscheen in Limassol und Paphos. Auch im muslimisch geprägten Nordteil der Insel befinden sich vereinzelt christliche Gotteshäuser (insbesondere orthodoxe und anglikanische), in denen Gottesdienste stattfinden.

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