Vom Hohen Atlas in die Wüste: die Flussoasen Todra und Dadès

Der Kontrast zwischen wüstenhafter Umgebung, malerischer Lehmbau-Architektur und üppig-grüner Oasen hat mich schon immer fasziniert. Wer diesen Anblick wie ich liebt, kommt in Marokko voll auf seine Kosten!

Tinghir und die Todra-Schlucht

Nach unserem Sandwüstenerlebnis im Erg Chebbi (siehe Erg Chebbi: Ein Traum von Sand und Sonnenuntergang) fahren wir weiter auf der N10 gen Westen. Trotz seiner Kargheit birgt das abwechslungsreiche Wüstenplateau immer wieder Überraschungen. Sei es Herden von Dromedaren und Ziegen, die Vorbereitung einer Dattelkultur in einer für mich völlig unfruchtbar wirkenden Umgebung oder Khettaras. Letztere, in anderen Ländern auch bekannt unter dem Namen Qanat, sind vereinfacht ausgedrückt unterirdische Bewässerungssysteme. Ausgehend von einem Mutterbrunnen laufen mehrere unterirdische Kanäle, die über vertikale Zugangsschächte von der Erdoberfläche aus erschlossen werden. Im Gelände sind nur die Aushubkegel der Schächte zu sehen.

Unser Ziel ist die Oasenstadt Tinghir, auch Tinerhir genannt, mit immerhin knapp 50.000 Einwohnern, die sich auf zahlreiche Siedlungen entlang des Flusses Todra verteilen. Dass wir uns auf einem Hochplateau zwischen den Atlas-Gebirgen und daher auf ca. 1.350 Metern über NN bewegen, verrät uns nur ein Blick in eine entsprechende App.

Die Stadt ist geprägt durch Kasbahs und Ksar/Ksur. Kasbahs sind Festungsanlagen einer mächtigen Familie innerhalb eines Stammes der Imazighen (Berber) samt Wehrtürmen, früher meist militärischen Ursprungs. Ksur (Einzahl: Ksar) sind im ländlichen Raum zu finden, es sind wehrhafte, ummauerte Dörfer mit mehreren Wohnhäusern, oftmals ist auch eine Kasbah darunter. Beide sind in traditioneller Lehmbauweise errichtet und geben in ihrer rotbraunen Farbe einen hübschen Kontrast zum Grün der Oase und Blau des Himmels ab. In Tinghir und andernorts sehen wir, dass ein Teil der Gebäude dem Verfall preisgegeben ist. Das hat mehrere Gründe: wer es sich leisten kann bevorzugt moderne Bauten. Aber auch immer wieder vorkommende starke Erdbeben, zuletzt 2023, haben viele Gebäude zerstört bzw. unbewohnbar gemacht.

Wir halten an zwei höchst malerischen Aussichtspunkten an der N12/R703 mit der entsprechenden touristischen Infrastruktur. Der Blick in die Landschaft ist grandios!

Weiter geht es hinein in die Todra-Schlucht. Auf seinen letzten Metern durch die Ausläufer des Hohen Atlas hat sich der Fluss Todra tief in die Felsen eingeschnitten, bevor er die Hochebene erreicht. An der engsten Stelle stehen die steilen, bis zu 300 Meter hohen Wände nur etwa 10 Meter auseinander. Ein Paradies für Kletterer, allerdings weniger für Busfahrer, denn die N12 schlängelt sich, zusammen mit vielen Touristen, touristischen Dienstleistern und Tierherden, durch das enge Tal. Eine skurrile Mischung aus toller Natur und Kommerz, wenig idyllisch, aber auch irgendwie „typisch Marokko“.

Den idyllischen Teil, fernab jeglicher Touristenströme, genießen wir am Nachmittag: Wir machen einen zweistündigen Spaziergang durch die Flussoase. Hier begegnen uns tatsächlich nur ein paar wenige Einheimische bei der Feldarbeit, ansonsten sind wir mit unserem Führer allein auf den Oasenfeldern unterwegs. Es ist die Saison der Dattelernte und zum ersten Mal esse ich eine Dattel direkt vom Baum. Auch die anderen Feldfrüchte dieses „Garten Eden“ zeigt uns der Guide: Oliven, Granatäpfel, diverse Kohlsorten, Minze, Alfalfa, Walnüsse, Mandeln, Chilis und noch vieles mehr.

Entlang unserer Wege sehen wir auch verlassene Ksur, teils schon vor längerer, teils aber auch erst in jüngerer Zeit, letztere mit den bereits erwähnten Erdbeben-Schäden. Interessant auch die Beschilderung mit arabischen, lateinischen und Tifinaghe-Schriftzeichen.

Dadès-Tal

Am Abend beziehen wir Quartier oberhalb einer weiteren Oasenstadt: Boumalne Dadès. Von der Terrasse unseres Hotel Kasbah Tizzarouine blicken wir in Flussoase und Stadt – besonders bei Sonnenuntergang ein fantastisches Bild!

Am nächsten Morgen geht es über die Straße R704 in die Dadès-Schlucht (Gorges du Dadès). Wie der Todra-Fluss kommt auch der Dadès aus dem Hohen Atlas in die Hochebene und ermöglicht, sofern genügend ebene Fläche links und rechts des Flusses vorhanden ist, landwirtschaftliche Nutzung. Das Dadès-Tal kann zwar keine Engstelle wie in der Todra-Schlucht vorweisen, bietet aber andere Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel die „Monkey Finger`s“ oder Affenpfotenfelsen. Diese für mich nur mit sehr viel Fantasie als Affenfinger erkennbaren Felsen entstanden durch eine sogenannte Wollsackverwitterung: Aufgrund von chemischen (Wasser+Säure) Lösungsprozessen entlang von Klüften entstehen kissen- oder sackähnliche Gesteinsformationen.

Ganz in der Nähe startet unsere Oasentour entlang des Dadès, die ganz anders ist als am Vortag entlang des Todra-Flusses. Wir wandern hier weniger durch landwirtschaftlich intensiv genutztes Gebiet mit Feldfrüchten, sondern zwar durch eine Kulturlandschaft, die aber deutlich weniger intensiv genutzt wird. Der Fluss ist gesäumt von Pappeln und Oleanderbüschen, die beide beim Hausbau verwendet werden.

Höhepunkt der kleinen Wanderung ist der Affenfinger-Canyon (Monkey Finger Canyon oder Canyon des Doigts de Singe), ein schmales Seitental mit malerischen Felsformationen.

Zum Abschluss führt unser Weg durch die Dörfer Ait Ouglif und Ait Arbi, wo wir einen kleinen Einblick ins Dorfleben bekommen und außerdem die pittoresken Felsformationen zwischen den beiden Ortschaften bewundern.

Wieder haben wir einen ganz anderen Teil Marokkos kennengelernt. Ich kann nur sagen: Die Vielseitigkeit des Landes in naturräumlicher und kultureller Hinsicht begeistert mich!

Hinterlasse einen Kommentar

Webseite erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑