Belgrad: Geheimtipp abseits des Massentourismus

Belgrad – die ehemalige Hauptstadt von Jugoslawien und heutige Hauptstadt der Republik Serbien – ist eine Stadt im Wandel abseits touristischer Pfade. Im Gegensatz zu den touristisch schon seit Jahren boomenden ehemaligen Föderationspartnern Kroatien, Slowenien und teils auch Montenegro wird Serbien bislang von den meisten Touristen links liegen gelassen. Gründe hierfür dürften vor allem die fehlende Küstenlinie sowie die Tatsache sein, dass Serbien im Gegensatz zu Kroatien und Slowenien kein Teil der EU ist. Und auch wenn die Kriege über 20 Jahre her sind: Ein eher schlechtes Image des Landes als Aggressor mit großserbischem Gedankengut und viele Kriegsverbrechen während der Jugoslawienkriege könnten zumindest eine gewisse Rolle spielen – nach wie vor ist außerdem die Kosovo-Frage ungelöst.

Und doch fielen mir in jüngster Zeit immer wieder Berichte über Belgrad ins Auge, die das Land mit Schlagworten wie „Geheimtipp“, „abseits des Massentourismus“, „gelebte Gastfreundschaft“ und „Top-Preisniveau“ beschreiben. Also haben meine große Tochter und ich uns spontan dazu entschlossen, ein Wochenende in Belgrad zu verbringen.

Dass Serbien nicht zur EU gehört, merken wir schon am Flughafen. Zwar ist die Einreise mit dem Personalausweis möglich, aber wir müssen bei den Grenzbeamten aus- und in Serbien wieder einreisen (die entsprechenden Automaten funktionieren beim Personalausweis nicht, nur beim Reisepass). Und es gibt kein EU-Roaming, weshalb wir uns eSIMs holen.

Ein Fahrer vom sehr zuverlässigen und freundlichen, vorab bestellten Belgrade Airport Taxi Service bringt uns vom Flughafen zu unserem Hotel, das direkt an der Kneza Mihaila und einen Steinwurf vom Platz der Republik entfernt liegt. Die Atera Business Suites sind also wegen ihrer Top-Lage zu empfehlen und auch sonst in Ordnung, ohne etwas Besonderes zu sein.

Kneza Mihaila: Haupteinkaufsstraße der Stadt

Danach starten wir die Stadterkundung, wir übernachten ja praktischerweise „mitten drin“. Die Kneza Mihaila (auch Knez Mihailova genannt) ist die Haupteinkaufsstraße der Stadt. Hier finden sich zum einen wunderschön sanierte bürgerliche Stadtpaläste neben gesichtsloser sozialistischer Zweckarchitektur und vereinzelt dem Verfall preisgegebene Gebäude. Es überwiegt jedoch bei weitem der „gute Eindruck“, der durch das quirlige Treiben und viele Flanierende nochmals positiv verstärkt wird. Das Warenangebot ist bunt gemischt, neben vielen international bekannten Marken finden sich auch uns unbekannte, offenbar serbische, Marken sowie, vor allem in den Nebenstraßen, viele Cafés. Auffällig ist, dass alle 100 Meter ein Popcorn-Stand steht – das scheint der Lieblingssnack der Belgrader zu sein. Wir holen uns an einer der Straßenbars einen Aperol Spritz und eine Matcha Latte – zusammen für umgerechnet weniger als 7 Euro, wohlgemerkt in der Haupteinkaufsstraße!

Prachtbauten noch und nöcher: Platz der Republik und Hotel Moskva

Am einen Ende der Fußgängerzone liegt der Platz der Republik (Trg Republike). Dieser zentrale Platz ist bei Tag und Nacht Treffpunkt der Einheimischen und Startpunkt fast aller Stadtführungen. Auffälligstes Gebäude ist das Serbische Nationalmuseum, vor dem die Statue des Prinzen Mihailo (Obrenovic) steht. Der Prinz ist uns schon in der Fußgängerzone „begegnet“, die nach ihm benannt wurde. Er ist ein serbischer Nationalheld, da er das Land durch erfolgreiche Verhandlungen mit den Osmanen 1867 in die Unabhängigkeit führte und anschließend durch Reformen modernisierte. Er hat auch das Nationaltheater gegründet, das ebenfalls an diesem Platz steht.

Nur wenige Meter vom Platz der Republik entfernt, liegt eines der schönsten Gebäude der Stadt: das Hotel Moskva (Moskau) aus dem Jahr 1908. Das ehemalige Gebäude einer Versicherungsgesellschaft (Rosija Palast) ist ein prächtiges Jugendstilgebäude und heute ein Hotel samt Restaurant und Café, auch bei Brautpaaren als Kulisse beliebt. Fast überall sonst ist Belgrad sehr günstig – hier zahlt man für’s Ambiente, aber wir gönnen uns trotzdem einen Nachmittagscafé, untermalt von Klavier-Livemusik. Bei unseren Spaziergängen durch die Stadt begegnen uns weitere hübsche Jugendstilgebäude wie das denkmalgeschützte Haus des serbischen Mathematikers und Philosophen Mihailo Petrovic, genannt Dom Mike Alasa.

Grüne Lunge und Freizeitpark Kalemegdan

Am anderen Ende der Fußgängerzone liegt eine weitere Hauptattraktion der Stadt: der ausgedehnte Kalemegdan-Park. In diesem Park kommt garantiert jeder Besucher irgendwo auf seine Kosten, es ist die Freizeiteinrichtung der Stadt. Ihr sucht Erholung, Gartenanlagen oder Ausblicke auf die Flüsse Sava und Donau? Oder Bunkeranlagen, römische Ruinen und andere historische Bauwerke? Ein Militärmuseum, einen Dinopark oder Tennisplätze? Oder ein Souvenir in Form von Diktator-Socken aus aller Welt? Alles kein Problem im Kalemegdan-Park. Bekannt ist der Park vor allem für seine zwei Belgrader Wahrzeichen: die Festungsanlage sowie die Statue des Pobednik, des Siegers. Er schaut hinaus auf den Punkt, an dem sich die Flüsse Sava und Donau treffen.

Dom des heiligen Sava

Für uns das beeindruckendste Bauwerk Belgrads ist der Dom des heiligen Sava (Eintritt frei). Er liegt etwas außerhalb des Zentrums – wie praktisch, dass Belgrad die erste (und bislang einzige) Millionenstadt weltweit ist, die einen komplett kostenfreien öffentlichen Nahverkehr bietet! Dieses serbisch-orthodoxe Gotteshaus im neobyzantinischen Stil erinnert an die Hagia Sophia in Istanbul und ist mit einer Höhe von 79 Metern und mehr als 3.000 Quadratmetern Grundfläche eine der größten orthodoxen Kirchen weltweit. An dieser Stelle soll Sinan Pascha 1595 die sterblichen Überreste des heiligen Sava verbrannt haben lassen. Der Bau der Kirche begann 1935, aber bedingt durch Kriege und das kommunistische Regime wurde die Kuppel erst 1989 fertiggestellt und, nach Vollendung des Innenausbaus, schließlich 2004 offiziell für die Gläubigen eröffnet. Die deutlich moderner wirkende Krypta wurde sogar erst 2015 vollendet. Der Innenraum ist größtenteils mit Gold-Mosaiken gestaltet, eine wahre Pracht, an der wir uns kaum sattsehen können. Wie in orthodoxen Gotteshäusern üblich, gibt es keine Stühle, der Gottesdienst erfolgt im Stehen. Stattdessen sind überall Ikonen aufgestellt, die die Gläubigen der Reihe nach küssen. Auch die benachbarte kleine Kirche des hl. Sava solltet ihr unbedingt anschauen!

Ausflug nach Zemun

Mit dem schon erwähnten Gratis-Bussystem fahren wir nach Zemun, ehemals eigenständig, heute ein Stadtteil von Belgrad an der Donau. Zunächst besteigen wir einen kleinen Hügel, auf dessen Spitze der Gardos-Turm thront. Von dort haben wir einen – leider regentrüben – Blick über die Altstadt und die Donau bis nach Belgrad City in der Ferne. Anschließend flanieren wir am Donauufer entlang, durch die nicht spektakuläre, aber nette Altstadt und über einen quirligen Markt, mit sämtlichen Produkten, die ein serbischer Haushalt so braucht. Das ist für uns der Charme von Zemun: serbisches Alltagsleben in hübschem Ambiente und fast keine Touristen! Um das Serbien-Erlebnis zu krönen, müssen wir natürlich einmal in einem typischen serbischen Restaurant essen und tun das im Ciribu – Ciriba in Zemun. Absolut empfehlenswert, mehr am Ende des nächsten Abschnitts!

Serbische Küche: Fleisch ganz ohne Verkleinerungsform

Wer in Belgrad Essen gehen will, wird überall fündig. Die Hauptrestaurantmeile der Innenstadt befindet sich in einer Parallelstraße der Kneza Mihaila, der Obilicev Venac. Hier reiht sich ein Restaurant an das andere, allerdings ist es hier ziemlich touristisch. Etwas charmanter zum Essengehen, aber ebenso touristisch, ist das Ausgehviertel Skadarlija rund um die Skadarska Straße. Dieses unter Denkmalschutz stehende Gebiet versteht sich als Künstlerviertel und wird vom Stadtmarketing gerne mit Montmartre in Paris verglichen. Das ist in meinen Augen doch sehr überzogen, wenngleich es eine schöne Ecke mit zahlreichen Restaurants und Cafés ist. Wir haben uns aber für ein anderes Ausgehviertel entschieden, wir begeben uns an das Flussufer. Sowohl an der Save als auch am Donau-Ufer im Ausgeh-Viertel Dorcól, sind auch die Einheimischen und viele junge Leute unterwegs. Auf dem Weg dorthin kommen wir durch gänzlich untouristische Stadtgebiete: Malerischer Zerfall neben neben gutbürgerlicher Architektur, Kleingarten-ähnliche städtische Selbstversorgungsstrukturen neben Graffiti-Elementen – eine spannende Mischung. Wir landen letztendlich in der Cevap-Bar Crni Dorde: Hier treffen sich tagsüber Mütter mit ihren Kindern, Studenten und Besucher gleichermaßen. Natürlich essen wir das serbische Nationalgericht: Cevapi (Einzahl: Cevap), bei uns besser bekannt in der Verkleinerungsform Ćevapčići. Eines kann ich euch sagen: Verkleinerungsformen für Fleisch sind in Serbien kaum zu finden. Bei jedem Fleischgericht wird auf der Speisekarte die Grammzahl angegeben, alles unter 300 Gramm ist Vorspeise, die Hauptgerichte bestehen meist aus 400 bis 450 Gramm Fleisch. Neben Cevapi findet sich auf der serbischen Speisekarte vor allem Gulasch, Sarma (gefüllte Kohlrouladen) und Pljeskavica (Hacksteaks), als Gemüse kommen oft, gerade jetzt im Herbst, Paprika, Bohnen und Kohl auf dem Tisch. Zu den wie gesagt mehr als üppigen Fleischportionen werden oft Zwiebel und/oder Ajvar, eine Paprika-Paste, gereicht. Der Wirt im sehr empfehlenswerten Restaurant Ciribu Ciriba in Zemun ist sichtlich enttäuscht, weil wir zu zweit nur eine typische Vorspeise – zwei gefüllte und panierte Paprika (Punjene Paprike), einen Salat und eine dieser Fleisch-Riesenportionen (450 Gramm) bestellen, die wir dann nicht einmal zu zweit ganz schaffen. Das ganze Mittagessen kostete übrigens im Crni Dorde in Belgrad keine 20,- Euro, im Ciribu Ciriba haben wir etwa 25,- Euro bezahlt – mit Getränken, versteht sich.

Unser Fazit zu Belgrad: Perfektes Ziel für einen Wochenendtrip für alle, die sich abseits ausgetretener Pfade bewegen wollen. Es gibt – bis auf dem Dom des heiligen Sava – keine touristischen Superlative. Dafür aber viel Atmosphäre in einer lebhaften Stadt im Wandel, mit einem Preisniveau, das seinesgleichen sucht.

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