Wien: alles „leiwand“ oder was?

Eigentlich, so weiß ich seit Wolfgang Ambros, ist „Schifoarn“ (= Ski fahren) das „leiwandste“ (=großartigste) für die Österreicher. Aber auch die Wiener Stadtmarketingstrategen verwenden für die österreichische Hauptstadt den Slogan „Einfachleiwand“, was bestimmt mindestens die Hälfte der ausländischen Gäste nicht versteht. Positiv formuliert macht das im besten Fall neugierig, schlechtestenfalls fragen sich die Besucher, warum ein „n“ im Wort fehlt und welcher berühmte Maler denn hier gemeint sein könnte…

Nun denn, wer diesen semantischen Exkurs langweilt findet, dem sei gesagt, dass Wien zu den meistbesuchten Städten Europas gehört. In der Post-Pandemie-Ära meldet die Stadt jährlich Rekordzahlen (2024 waren es über 8 Millionen Besucher, die Zahlen 2025 werden noch höher sein) und steht an der Kippe zum Overtourism, wie so mancher österreichische Journalist moniert.

Overtourism hat immer auch einen Grund: Wo es schön ist, wollen die Leute hin, nicht erst seit Instagramm und Co. Ich war seit über 20 Jahren nicht mehr in der Stadt, unsere Töchter noch nie. Grund genug, mal wieder ein paar Tage hier zu verbringen!

Kaiserliches Schloss Schönbrunn

Nach unserem Hotelbezug (empfehlenswert: das hippe Ruby Marie in der Nähe des Westbahnhofs) geht es los. Und zwar ganz klassisch mit dem Schloss Schönbrunn. Das kaiserliche Schloss, in dem unter anderem die berühmte Elisabeth (richtig: „Sissi“ bzw. „Sisi“) gelebt hat, war die Sommerresidenz der Habsburger und das politische und kulturelle Zentrum des Kaiserreichs. Die barocke „kaisergelbe“ Schlossanlage samt weitläufigem Garten wurde um 1700 erbaut und zählt zu den UNESCO-Weltkulturerbestätten. Tickets für das Schloss mit verschiedenen Besichtigungs-Optionen zu recht stolzen Preisen sollten, um die oft langen Wartschlangen zu umgehen, vorab online gekauft werden. Der Schlosspark kann täglich ab 6.30 Uhr kostenlos besichtigt werden, nur der Kronprinzengarten, der Orangeriegarten und der Irrgarten (sowie natürlich der Tierpark) kosten Eintritt. Wir entscheiden uns dafür, lediglich durch den Schlossgarten zu flanieren, der unzählige hübsche Fotomotive bietet. Ach ist das schön, denken wir das ein um’s andre Mal. Neben dem Blumenschmuck und Statuen zieren zahlreiche Brunnen die Gartenanlage, darunter der namensgebende Schöne Brunnen und der imposante Neptunbrunnen am Fuß des Hügels. Lustig finden wir, dass uns ausgerechnet der Schöne Brunnen mit Abstand am wenigsten gefällt, klein und versteckt und mit einer zwar anmutigen, aber hinter Gitter abgeschotteten Egeria! Hingegen ist die Römische Ruine hübsch anzuschauen, wir können durchaus nachvollziehen, dass dereinst Ruinenbauwerke modern waren. Uns zieht es außerdem zur Gloriette auf dem Hügel – von hier haben wir einen herrlichen Blick über den Park, das Schloss und die Stadt! Also: klare Empfehlung, sich zumindest das kostenlose Parkprogramm zu gönnen!

  • Schloss Schönbrunn Haupteingang
  • Schloss Schönbrunn mit Schlosspark
  • Schloss Schönbrunn Neptunbrunnen
  • Schloss Schönbrunn Najadenbrunnen
  • Schloss Schönbrunn mit Schlosspark von Gloriette aus
  • Schloss Schönbrunn Gloriette

Unterwegs im MuseumsQuartier

Am nächsten Morgen lacht uns hold die Sonne und wir ziehen los in Richtung Innenstadt, erste Station das MuseumsQuartier. Die Haltestelle Volkstheater hält, was sie verspricht, wir stoßen quasi mit der Nase drauf. Durch einen Torbogen gelangen wir in ins Herz des MuseumsQuartiers, einen Innenhof, lustig begrünt mit innovativer städtischer Bepflanzung nebst zahlreichen ebenso innovativen Bänken und Liegen. Drumherum die Crème de la Crème Wiener Kunstmuseen, das mumok (Museum für moderne Kunst), die Kunsthalle und das Leopoldmuseum – die Albertina und das Kunsthistorische Museum sind nur einen Steinwurf entfernt. Letzteres liegt über der Straße am Maria-Theresien-Platz, gegenüber dem Naturhistorischen Museum, das sich in der Morgensonne in seiner ganzen Pracht unter den kaiserlichen Augen von Maria Theresia ausbreitet. Es ist fast eine Schande, dass wir keines dieser Museen besucht haben und ich schwöre, dass wir das beim nächsten Wien-Besuch in Teilen nachholen. Aber die Atmosphäre zwischen den meist ehrwürdigen und ein paar modernen Gebäuden nebst „eingestreuten“ Kunstwerken, ist wahnsinnig beeindruckend allein schon beim bloßen Außenbesuch.

Hofburg und Volksgarten

Mit dem Überqueren der Straße landen wir an der nächsten Top-Attraktion, auf dem Heldenplatz vor der Hofburg. Hier befinden sich heute unter anderem der Sitz des Bundespräsidenten und die Nationalbibliothek. Letztere nicht zu besuchen, schmerzt mich ebenfalls sehr, wo ich doch eine ausgewiesene Schwäche für prunkvolle Bibliotheken habe und der zentrale Prunksaal wirklich beeindruckend sein soll. Stattdessen verlangt unser Auge nach so viel architektonischer Pracht aber erst einmal nach einer Gebäudepause. Wir landen im zauberhaften Volksgarten, eine wahre Oase. An den Rosenalleen hängen Schildchen mit Grüßen von Menschen für ihre Lieben, davor stehen zahlreiche Stühle und Bänkchen zum Ausruhen und Innehalten. Verschiedene Gruppen nutzen den innerstädtischen Park für Tai Chi, Yoga und ähnlichem. Jedoch ist selbst hier das Innehalten schwer, denn um den Volksgarten herum stehen weitere prominente Gebäude: das österreichische Parlament und das berühmte Burgtheater. A propos Theater: Immerhin haben wir es einen Tag später geschafft, uns im Raimund Theater das Phantom der Oper anzuschauen, wenigstens ein bisschen profane Unterhaltungskultur war also auch drin.

  • Volkspark mit Burgtheater

Schließlich geben wir das Ruhesuchen auf und marschieren weiter durch den Innenhof der Burg, wo sich unter anderem der Zugang zur Schatzkammer und zum Sisi Museum befinden. Schon im Innenhof riechen wir, dass wir uns einer weiteren Wiener Attraktion nähern: den Fiakern. Diese Zweispänner sind typisch für Wien und stehen unter anderem auf dem Michaelerplatz und vor dem Stephansdom, darauf wartend, dass sich Touristen eine Kutschfahrt durch die Stadt gönnen.

Rund um den Stephansdom

Wir setzen unseren Weg zu Fuß fort, vorbei am bekannten Café Demel, Inbegriff der Wiener Kaffeehauskultur, von der im Wiener Genuss-Blog die Rede sein wird. Der Weg zum Stephansdom führt entlang des Graben, luxuriöse Shopping- und Flaniermeile der Metropole. Ein Palais steht neben dem anderen, eine Augenweide! Der Graben führt direkt zum Dom St. Stephan, mit 126 Metern höchste Kirche Österreichs. Die zwei Türme können bestiegen werden, am niedrigeren Nordturm wartet oben die „Pummerin“, eine riesige Glocke. Der Südturm ist höher und bekannt für seine Aussicht nicht nur über die Stadt, sondern auch über die bunten Ziegel des Daches mit dem Doppeladler, der allerdings auch von unten gut zu sehen ist. Der Eintritt zum Dom ist kostenfrei, Führungen, Katakomben und die Türme kosten was. Der Vollständigkeit halber sei noch gesagt, dass sich in unmittelbarer Nähe auch die berühmte Kapuziner- oder Kaisergruft befindet, Begräbnisstätte der Habsburger. Auch hier gilt: das nächste Mal!

Für alle Süßwarenfans wartet unmittelbar am Stephansdom noch eine weitere österreichische Institution: der Flagship-Store von Manner. Die berühmten Neapolitaner-Waffeln von Josef Manner gibt es mittlerweile nicht nur in der Originalversion gefüllt mit Haselnusspaste aus der Gegend um Neapel, sondern auch in weiteren Geschmacksrichtungen.

Naschmarkt und Jugendstil-Wienzeilenhäuser

Und wenn wir schon beim Thema Naschen sind, ist es nicht weit zu einer weiteren Wiener Attraktion: dem Naschmarkt. Bekanntermaßen habe ich neben prunkvollen Bibliotheken und Aussichtspunkten von oben eine Schwäche für Märkte, daher konnte ich mir natürlich diesen Naschmarkt, den bekanntesten Wiener Markt mit zahlreichen Gastro-Angeboten, nicht entgehen lassen. Aahhh, diese Gerüche und Farben! Obst und Gemüse, Süßigkeiten, Gewürze und dazwischen Imbisse mit Essen aus aller Welt – herrlich. Der Besuch lohnt sich nicht zuletzt, weil sich in unmittelbarer Nähe zwei der schönsten Jugendstil-Fassaden Wiens befinden, die Wienzeilenhäuser von Otto Wagner. An der Adresse Linke Wienzeile 40 steht das sogenannte Majolikahaus, direkt daneben das Goldene Haus und beide sind, genau wie der Naschmarkt, absolut sehenswert.

Wer übrigens nicht am Graben (weil zu teuer), sondern mit Teenagern bezahlbar shoppen will, der ist in der unweit des Naschmarkts gelegenen Mariahilfer Straße gut aufgehoben. In der Haupteinkaufsstraße Wiens und in deren Nebengassen finden „Otto und Frieda Normalverbraucher/innen“ alles, was das Herz begehrt, von den üblichen internationalen Brands über (vor allem in den Nebenstraßen) kleine unabhängige Boutiquen bis hin zu alteingesessenen Wiener Geschäften, nebst Regenbogen-Zebrastreifen als Symbol für die Vielfalt und „Verliebten-Fußgängerampel“.

Prater und Donaukanal-Graffiti

Herrrreinspaziert! Auch der Prater ist zweifelsohne eine Wiener Institution und für Familien mit Kindern sicher ein „Muss“. Seit 1897 steht im Vergnügungspark, dem „Wurstelprater“, das berühmte Riesenrad und galt eine zeitlang als das höchste der Welt. Daneben findet ihr auf dem Wurstelprater aber sämtliche Fahrgeschäfte, die ihr euch vorstellen könnt und der Eintritt ist frei, die Fahrgeschäfte kosten natürlich was. Der umgebende Grüne Prater ist ein Naherholungsgebiet.

Unweit des Praters wartet eine weniger bekannte Sehenswürdigkeit Wiens auf uns: die Graffiti-Meile am Donaukanal. Unser Morgenspaziergang dort startet in einem ganz besonderen Licht – ich schwöre, keinen Filter verwendet zu haben (was die Smartphone-Kameras von sich aus so treiben, bleibt mir mitunter verborgen). Auf jeden Fall war die Stimmung sehr schön dort und wir haben beim Schlendern die zahlreichen Graffitis bestaunt, von denen einige leider sehr lieb- und respektlos übersprayt wurden.

International Center Vienna – UNO City

Wisst ihr, dass sich in Wien neben New York, Genf und Nairobi einer der vier weltweiten Amtssitze der UN befindet? Meine Schulzeit ist schon zu lange her, ich hätte bei Günther Jauch völlig versagt. Diese Besonderheit wollten wir uns nicht entgehen lassen und haben eine Führung dort gebucht. Nach einem Sicherheits-Check inklusive Passkontrolle strenger als am Flughafen, erhalten wir unseren Besucherausweis. Die Wartezeit bis zur Führung wird überbrückt, indem wir versuchen, möglichst viele Fahnen der aktuell 193 Mitgliedssstaaten zu identifizieren, die im zentralen Hof alphabetisch aufgereiht sind. Seit 1979 hat die UN hier ihren Sitz und zahlt – fun fact –  jährlich einen Schilling (= 7 Cent) Pacht an die Stadt Wien.

Rund 5.000 Menschen aus etwa 150 Nationen arbeiten an diesem Standort für die UNO, unter anderem für die Internationale Atomenergie-Organisation und die Kommission, die sich für das Verbot von Nuklearversuchen einsetzt. Das globale Überprüfungssystem registriert alle Versuche weltweit und identifizierte in den letzten Jahren nur Versuche aus Nordkorea. Auch das Büro der Vereinten Nationen für Weltraumfragen sitzt in Wien und wir sehen ein Stück Mondgestein sowie die einzige außerhalb der USA gezeigte originalgetreue Nachbildung von Neil Armstrongs Mondanzug. Höhepunkt der Führung war für uns die Beobachtung einer internationalen Konferenz (leider Fotografierverbot), inklusive Einblick in die Sitzordnung, Debattenkultur und Simultanübersetzungen. Durch unzählige Fragen der sehr interessierten Gruppe dauerte unsere Tour statt 50 Minuten fast 90 Minuten und wir können einen Besuch hier sehr empfehlen!

Aussicht von oben

Der krönende Abschluss unserer Tage in der Kaiserstadt ist ein Blick von oben. Im Restaurant des „Haus des Meeres“, dem 360 Ocean Sky, genießen wir bei strahlendem Sonnenschein einen Rundumblick über die Dächer der Stadt. Mit dem Aufzug gelangen wir kostenfrei in den 11. Stock und müssen – da wir nicht das Museum besuchen – dann halt dort was konsumieren, was uns nicht schwerfällt. Da wir unter der Woche hier sind, ist das mit dem Aufzug auch kein Problem, am Wochenende bilden sich hier wohl oft sehr lange Schlangen. Für uns ein toller Abschluss eines erlebnisreichen Wien-Aufenthalts!

Als Fazit unserer Reise können wir sagen: „Auch Wien ist das leiwandste, was ma sich nur vorstellen kann“!

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