Wo sind wir denn in und um Triest: In Italien, Slowenien oder Österreich? Von allem ein bisschen. Nach dem Kernland des Friaul, Grado und Aquileia fahren wir einmal um den Golf von Triest herum gen Osten. Geografisch gehört dieses Gebiet im äußersten Osten Italiens bereits zum Balkan. Das im Hinterland von Triest liegende Karsthochplateau (auch „Kras“ genannt), liegt größtenteils in Slowenien und ist – so die mehrheitliche Überzeugung – ein Ausläufer der Dinarischen Alpen. Wie auch immer, ist der schmale Küstenstreifen mit teils steil abfallender Karstküste entlang der Küstenstraße SS14 malerisch zu befahren und erinnert uns das eine oder andere Mal an Südfrankreich.
Schloss Miramare
Unser erstes Tagesziel ist das Castello di Miramare kurz vor Triest. Tag- und zeitgebundene Tickets können vorab im Internet gekauft werden (aber natürlich auch vor Ort) – zur Hochsaison sind sie mitunter ausverkauft. Doch Achtung: Wenn ihr Tickets vorab erwerbt, seid unbedingt rechtzeitig vor Ort, plant mindestens eine halbe, besser eine Stunde Puffer ein (die könnt ihr gut im Park verbringen). Denn die Zufahrtsstraße zum Schloss ist in der Hochsaison schon früh morgens verstopft, vor allem wegen der Reisebusse, die nur an einer Stelle parken dürfen bzw. können und dies mithilfe zeitaufwändiger Einpark- und Wende-Manöver tun. Rechnet auch damit, dass zu den täglichen Hauptbesuchszeiten die wenigen Parkplätze hinter der Schranke, die alle Besucher passieren müssen, belegt sind. Woanders parken ist schwierig, vor allem aufgrund besagtem steil abfallenden Karstgebirge. Und von eurem Parkplatz müsst ihr dann je nach Standort noch rund 10 Minuten zum Schloss laufen. Alternative ist, von Triest aus zu laufen (etwa 8 Kilometer, immer am Meer entlang) oder den Bus zu nehmen.
So, jetzt habe ich euch allen den Besuch so richtig „vermiest“, biete aber gleich auch zwei Lösungen für alle Autofahrer an: a) kommt gleich früh morgens oder b) nicht zur Hauptsaison. Und dann auch noch eine weitere gute Nachricht: Der Zugang zum weitläufigen Schlosspark und bis vor die Eingangstür des Schlosses ist kostenlos, nur um besagte Parkgebühr kommt ihr nicht rum, dafür gibt es aber auch ganz ordentliche Gratis-Toiletten.
Wir laufen also die 10 Minuten von unserem Parkplatz am Meer in Richtung Castello. Das schneeweiße, aus istrischem Kalkstein erbaute Gebäude haben wir schon die ganze Fahrt entlang des Golfs gesehen, es steht höchst malerisch auf einer Landzunge direkt an der Adria. Triest und Umgebung gehörten vom 14. bis Anfang 20. Jahrhundert zur Habsburgermonarchie, waren also österreichisch. Schloss Miramar ließen Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich 1856-1860 erbauen, der Bruder von Kaiser Franz Josef I; ja genau, Sissis Franzl, beide waren auch mehrfach hier. Ferdinand Maximilian wurde kurze Zeit später Kaiser von Mexiko und hat mit seiner Frau Charlotte von Belgien aus der Ferne den Innenausbau und die Gartenanlage des Schlosses begleitet. Er hat die Anlage nie komplett fertiggestellt erlebt, denn er wurde 1867 in Mexiko hingerichtet. Seine Frau Charlotte hatte in Europa um Unterstützung für ihren Mann in Mexiko geworben, war jedoch schon geistig verwirrt aus Mexiko zurückgekehrt und erkrankte nach der Hinrichtung ihres Mannes endgültig. Sie wurde eine zeitlang im Castelletto, einem kleinen Schlösschen im weitläufigen Park, eingesperrt. Das Schloss selbst war nach dem Tod der beiden Sommerresidenz der Habsburger.
Wir sind glücklicherweise pünktlich zum gewählten Eintrittszeitpunkt am Schloss angelangt, das wir uns natürlich auch von innen anschauen wollen. Im Erdgeschoss liegen die privaten Räumlichkeiten von Ferdinand Maximilian und Charlotte, unter anderem Schlaf- und Ankleideräume sowie eine Bibliothek mit zahlreichen botanischen Bücher und hübschen historischen Pflanzenabbildungen (u.a. von Maximilians Brasilienreise). Im ersten Stock folgen die prächtig dekorierten Empfangsräume für Gäste, darunter auch der Thronsaal, und das Zepter von Charlotte. Und von überall gilt: herrlicher Miramare = Meerblick, hier könnte ich mir auch vorstellen zu wohnen! Den 2. Stock richtete sich Herzog Amedeo d’Aosta in den 1930er Jahren für seine Familie ein. Er modernisierte die Räumlichkeiten und gestaltete die Zimmer im Art Déco-Stil – ein ziemlicher Kontrast zu den anderen Stockwerken. Anschließend laufen wir noch durch den hübschen Park bis zum Castelletto (in dem Charlotte einst eingesperrt war), sehen auch die historischen Gewächshäuser und genießen die Aussicht in Richtung Grignano und Grado auf der einen und Triest auf der anderen Seite der weitläufigen Bucht.
Triest: italienisch, österreichisch, slowenisch
Wir fahren weiter ins nahe gelegene Triest, die östlichste Stadt Italiens. Mein Respekt vor italienischen ZTL-Zonen (Zona a Traffico Limitato) in den Innenstädten ist groß, die unbefugte Einfahrt der Innenstädte mit dem Auto wird kameraüberwacht und ist teuer. Also parken wir gleich am Bahnhof und laufen ins nahe Zentrum.
Triest ist heute die Hauptstadt der Region Friaul-Julisch Venetien, hat aber eine sehr bewegte Geschichte hinter sich. Jahrhundertelang gehörte die Stadt zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, insbesondere zur österreichischen Habsburgermonarchie und sie war lange Zeit der bedeutendste, weil größte, österreichische Seehafen. Vom 1918 bis zum Ende des 2. Weltkriegs war Triest Teil von Italien, nach dem Krieg beanspruchte Jugoslawien die Stadt und das Hinterland. Aufgrund der ungeklärten territoriale Frage zwischen Italien und Slowenien bzw. damals Jugoslawien wurde die Region um Triest jahrelang als europäischer Zwergstaat mit dem Namen „Freies Territorium von Triest“ verwaltet und gehört erst seit 1954 zu Italien.
Warum ich diese historischen Details erzähle? Weil sie erklären, was unser Auge beim Spaziergang durch die Stadt wahrnimmt: Wir sind in Italien mit Verkehrschaos, Vespas, ZTL-Zone, Canal Grande, venezianisch angehauchten Palazzi. Und gleichzeitig strahlt die Stadt eine Aufgeräumtheit, Sauberkeit und sissihaft-monarchisches Österreich-Feeling aus. Dazwischen Beschilderungen oder Restaurantnamen in italienisch, furlanisch und slowenisch, nebst einer sebisch-orthodoxen Kirche – faszinierend.
Unser Fußweg führt uns zunächst zum Canal Grande, ja er heißt tatsächlich auch hier so. Allerdings hat Kaiserin Maria Theresia von Österreich im 18. Jahrhundert den Kanal und das umliegende Viertel (Borgo Teresiano) zur Erweiterung der schnell wachsenden Stadt anlegen lassen. Zahlreiche hübsche Palazzi stehen links und rechts des Kanals, der ins offene Meer mündet. Auf einer der Brücken begutachtet James Joyce die Szenerie, er hat über 10 Jahre hier gelebt und gearbeitet. Ende des sehr kurzen Kanals bildet die Piazza San Antonio Nuovo mit Wasserspielen, an der die gleichnamige klassizistischen Kirche sowie auch besagte serbisch-orthodoxe Kirche stehen.
Weiter geht es in Richtung Innenstadt bis zur Piazza della Borsa. Auf dem Weg dorthin fragen wir uns erneut: Hätten wir (abgesehen von den erkennbaren Fahnen natürlich) ohne weiteres sagen können, in welcher Stadt wir uns befinden?
Das Herzstück der Stadt und größter Platz des Landes ist die Piazza Unità d’Italia. Die Größe, aber insbesondere die Lage direkt am Meer und am allermeisten die prachtvollen Palazzi machen den Platz zu etwas Besonderem, das finden nicht zuletzt die Brautpaare. Die Palazzi entstammen dem 18., größtenteils aber dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie sind also viel jünger als es den Anschein macht, aber dennoch höchst malerisch. Besonders imposant sind das Rathaus an der Stirnseite des Platzes, der Palazzo della Luogotenenza Austriaca („Österreichische Statthalterei“, erbaut 1901-1905), heute Regierungsgebäude der Region Friaul-Julisch Venezien und der gegenüberliegende Palazzo del Lloyd Triestino (1880-1883), wie der Name vermuten lässt ehemals Sitz einer Reederei. Passenderweise liegt ein dickes Kreuzfahrtschiff direkt dahinter. Lauft unbedingt vor auf die Mole Audace, von hier aus habt ihr nicht nur einen tollen Blick zurück auf den Platz, sondern über den gesamten Hafen, die Bucht von Triest bis zum Schloss Miramare und bei klarem Wetter sogar bis zu den Alpen. Mir scheint, „Le Ragazze di Trieste“ (die Mädchen von Triest) beäugen die Kreuzfahrtschiffe genauso kritisch wie ich, zum Glück verlaufen sich diese unschön massenhaft auftretenden Touristengruppen mit ihren Fähnlein-Guides im Stadtbild…
Zu guter Letzt „verlaufen“ wir uns noch ein bisschen in den hübschen Gässchen südwestlich der Piazza Unità rund um die Piazza Cavana. Hier ist das Stadtbild wieder anders und zahlreiche Restaurant und Cafés laden zum Verweilen ein. Wir landen letztendlich im einfachen und urigen Bierrestaurant „Novo Foraperfora“ (Via Luigi Cadorna, nur Facebook), das lustigerweise mit Pasta und Cevapcici genau die regionale Mischung auf der Speisekarte anbietet, die Triest besonders macht. Triest, du hast uns mit deinem Flair überzeugt, wir kommen wieder!


































Danke für den spannenden Beitrag! Am liebsten würden wir sofort hinfahren. LG Stefania/ivagabondi
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