Vor über 30 Jahren war ich schon einmal in Marokko, zum Baden in Agadir sowie in Marrakesch und dem Anti-Atlas. Neben dem endlosen Strand in Agadir sind mir vor allem die Gastfreundschaft der Berber im Anti-Atlas und Souk sowie der wuselige Platz der Gaukler in Marrakesch in Erinnerung geblieben – wie sich das wohl alles verändert hat?!?
Casablanca: Wirtschaftsmetropole und beeindruckende Moschee
Ich war also sehr gespannt auf meine Marokko-Reise im Herbst 2025, bei der ich eine Reisegruppe durch das ganze Land begleiten durfte. Zum Auftakt der Rundreise besuchen wir Casablanca, mit über 3 Millionen Einwohnern die größte Stadt des Landes und wirtschaftliche Hauptstadt Marokkos. Casablanca besitzt einen bedeutenden Hafen, eine starke Industrie (u.a. Automobil und Lebensmittel, aber zunehmend auch moderne Sektoren wie erneuerbare Energien) und ist Handels- und Finanzzentrum, u.a. Sitz der nationalen Wertpapierbörse.
Bei unserem ersten Stopp an der Uferpromenade Casablancas, La Corniche im Stadtteil Ain Diab, können wir uns nach unserem Flug die Beine vertreten. Auf der breiten, palmengesäumten Promenade flanieren Touristen und Einheimische gleichermaßen und lassen sich den Atlantikwind um die Nase wehen. Mehrere (kostenpflichtige) Strandclubs mit Bademöglichkeiten im Atlantik sowie zusätzlichen Pools und zahlreiche Cafés und Restaurants säumen den Boulevard – dass wir in Marokko sind, merken wir vor allem an den Landesflaggen. Schon hier zeigt sich, was für die gesamte Reise gilt: Zahlung in Euro ist erwünscht und möglich, praktischerweise liegt der Umrechnungskurs ungefähr bei 10:1 (10 Dirham entsprechen ungefähr 1 Euro), Wechselgeld wird in Dirham gegeben. Zwar ist es – trotz Gebühren – günstiger Geld zu tauschen oder am Geldautomaten zu ziehen, aber es ist doch eine Erleichterung, dass auch in Euro bezahlt werden kann.
Wir setzen unsere Fahrt durch Casablanca fort und halten kurz an einer weltberühmten Immobilie, vor der schon vor der Öffnung eine Schlange steht: Rick’s Café. Ihr wisst schon: „Ich schau dir in die Augen, Kleines“, der berühmte Film Casablanca aus dem Jahr 1942 mit Ingrid Bergman und Humphrey Bogart, letzterer betreibt im Film das Etablissement „Rick’s Café Américain“. Das in Casablanca zu sehende Gebäude ist eine originalgetreue Nachbildung, gedreht wurde zu Kriegszeiten in einem Studio in Hollywood.
Nächste Station ist der wohl schönste Platz Casablancas, der Platz Mohammed V., seines Zeichens erster König des unabhängigen Marokkos (1957 bis 1961). Ein Springbrunnen, allabendlich schön beleuchtet, der hübsche Justizpalast im mauro-andalusischen Stil (Mahkama du Pacha), das Rathaus mit Uhrturm – ebenfalls im neo-marokkanischen Stil sowie ein „we Casablanca“-Schriftzug sind die ins Auge fallenden Highlights. Der Platz vereint mauro-andalusische und europäische Elemente und wurde 1916 unter dem französischen Protektorat als Zentrum der neuen „europäischen Stadt“ von französischen Architekten und Stadtplanern konzipiert. Modernes Kontrastprogramm ist das gegenüberliegende, noch im Bau befindliche, Cas’Art Theatre, das zum wichtigsten Kulturzentrum der Stadt werden soll. Nach so vielen Eindrücken schon nach wenigen Stunden im Land verarbeiten wir das Ganze bei einem kühlen Casablanca-Bier im Hotel.
Am nächsten Morgen steht die spirituelle und touristische Hauptattraktion der Stadt auf dem Programm: Die Moschee Hassan II. Schon am Vortag hatten wir das Gebäude in den warmen Farben der tiefstehenden Sonne bewundern dürfen und waren beeindruckt. Die 1993 eröffnete Moschee ist nach dem 1999 verstorbenen König Hassan II benannt und die einzige in Marokko, die auch (gegen Gebühr und nach Voranmeldung) vormittags von Nicht-Muslimen besucht werden darf. Sie steht auf einem teils in den Atlantik gebauten Fundament und wurde in nur sechs Jahren Bauzeit errichtet. Das prestigeträchtige Gebäude weist einige Besonderheiten und Superlative auf: das zweithöchste Minarett der Welt, eine der größten Moscheen der Welt (in der Gebetshalle finden bis zu 25.000 Gläubige Platz, auf dem Platz davor weitere 80.000), technische Raffinessen wie ein zu öffnendes Dach sowie eine Fußbodenheizung. Die Moschee hat allerdings auch einige Kritik auf sich gezogen, durch mehrere schwere Arbeitsunfälle beim Bau sowie explodierende Kosten, weshalb sogar eine Sondersteuer erhoben werden musste. Fakt ist jedoch: Die Moschee ist eine architektonische Augenweide und lässt jedes Fotografenherz höher schlagen!
Rabat: Königsstadt zwischen Tradition und Moderne
Die nächste Station unserer Rundreise ist Rabat, eine der vier Königsstädte Marokkos, Hauptstadt des Landes und Regierungs- sowie Hauptwohnsitz des Königs Mohammed VI. Rabat hat nur etwa 600.000 Einwohner und ist – so viel sei vorweggenommen – die grünste, „ordentlichste“ und sauberste der von uns besuchten marokkanischen Städte, mit einer gelungenen Mischung aus geschichtsträchtigen und modernen Bauwerken.
Unsere Stadttour beginnt im historischen Teil der Stadt, vor den Toren der Chellah. Diese Stelle am Ufer des Flusses Bou Regreg, der kurz danach in den Atlantik mündet, haben offenbar seit Jahrtausenden verschiedene Völker als strategisch günstig und landschaftlich reizvoll empfunden. Denn die archäologische Stätte, seit 2012 UNESCO-Weltkulturerbe, umfasst sowohl Ausgrabungen aus der Phönizier- sowie der Römerzeit als auch und vor allem eine muslimische Nekropole, sprich Grabstätte, der Mariniden-Dynastie, die im Mittelalter über Marokko und weitere Teile Nordafrikas herrschten. Jahrhundertelang waren die Bauwerke verschüttet, durch Erdbeben zerstört und geplündert, erst im 20. Jahrhundert begannen umfangreiche Ausgrabungsarbeiten. Heute ist die Chellah eine abwechslungsreiche archäologische Stätte, vor allem mit vielen Mausoleen aus der Marinidenzeit, samt gepflegten Grün- und Gartenanlagen, was nicht nur zahlreiche Besucher, sondern gefühlt noch zahlreichere Störche, genießen. Als spannender Kontrast steht auf der gegenüberliegenden Flussseite der erst kürzlich fertiggestellte, 250 Meter hohe Tour Mohammed VI (ein Büro- und Wohnturm), den wir lustigerweise einen Tag vorher beim Landeanflug auf Casablanca schon gesichtet hatten (Bildmitte am Fluss).
Nach dieser historisch-royalen Begräbnisstätte steht als nächstes die aktuelle royale Dynastie auf dem Programm: Wir fahren zum königlichen Hauptpalast. Der wird streng bewacht von allen Waffengattungen, die das Land am Boden, im Wasser und in der Luft zu bieten hat. Sie bewachen ihr Staatsoberhaupt sehr streng, wir müssen uns den Komplex aus respektvoller Entfernung anschauen.
Näher ran kommen wir an das verstorbene Staatsoberhaupt Mohammed V in seinem Mausoleum. In der mit strahlend weißem Marmor verkleideten Begräbnisstätte stehen der Sarkophag des sehr geschätzten Monarchen, der als Begründer des modernen Marokko gilt, samt zweier Sarkophage seiner Söhne. Im Mausoleum herrscht ehrfürchtige Stille, was durch die zahlreichen, streng schauenden, Wachen noch verstärkt wird. Vor dem Mausoleum liegt ein ebenfalls sehr geschichtsträchtiger Ort: Hier wurde 1955 die Unabhängigkeit Marokkos ausgerufen, unterhalb des unvollendeten Hassan-Turms. Dieses Wahrzeichen der Stadt ist das nicht fertiggestellte Minarett einer ebenfalls unvollendeten Moschee aus dem 12. Jahrhundert, dem Zeitalter der Almohaden. Sie wäre zu dieser Zeit die bei weitem die größte Moschee Nordafrikas gewesen, wurde aber nach Tod des letzten Herrschers nicht fertiggestellt. Turm und Säulen haben die Jahrhunderte überdauert und verdeutlichen die gewaltigen Dimensionen der geplanten Anlage. Und in der Ferne sehen wir schon wieder das moderne Wahrzeichen der Stadt: den Turm Mohammed VI.
Unsere Mittagspause legen wir an der Corniche Bou Regreg, dem Flussuferboulevard, ein. Auf dem Fluss dümpeln bunte Boote, immer wieder setzt eines vom modernen Wohnviertel auf der anderen Flussseite über. Einheimische angeln, flanieren oder lassen sich in einem der vielen Cafés und Restaurants nieder und beobachten ihre Kinder, die mit allerlei fahrbaren Untersätzen die breite Promenade entlangdüsen. Auch wir nehmen dort Platz und genießen den Ausblick auf das bunte Treiben und die Medina von Rabat in der Ferne. Dazu lassen wir uns unser erstes Tajine schmecken, ein marokkanisches Nationalgericht, das in einem kegelförmigen Schmortopf serviert wird.
Anschließend geht es weiter zur Medina, die an drei Seiten von einer almohadischen Stadtmauer aus dem 12. Jahrhundert umgeben ist. Unweit des repräsentativen Tores, des Bab el Oudaya, betreten wir die Kasbah. Die Fußgängergassen sind fein säuberlich restauriert, fast schon ein wenig zu steril. Die verwinkelten Nebengassen mit weiß verputzten Häusern samt unzähligen hübschen Türen sind jedoch sehr schön anzuschauen, aber die Hauptfußgängerzone ist extrem touristisch. Auffällig sind die zahlreichen Katzen, die im Islam (im Gegensatz zu Hunden) sehr geschätzt werden und einst durch ihr lautes Miauen die Altstadt vor einer Feuerkatastrophe gewarnt haben sollen.
Am Ende der Altstadt öffnet sich die Kasbah am Place Oudaya und bietet herrliche Ausblicke. Auf der einen Seite schauen wir den Bou Regreg hinauf, über die Corniche, das moderne Wohnviertel am anderen Flussufer bis hin zum unvollendeten Hassan-Turm, dem Mausoleum und dem modernen Turm Mohammed VI. Auf der anderen Seite liegen die Plage (Strand) de Rabat und der Atlantik, in dem zahlreiche Surfer ihr Können zeigen.
Viele Marokko-Besucher lassen Casablanca und Rabat links liegen und fokussieren sich auf die viel bekannteren Königsstätte Fès und Marrakesch (siehe Blog: Noch mehr marokkanische Königsstädte: Meknès und Fès , Marrakesch folgt). Als Fazit meines Besuchs kann ich sagen: Casablanca und vor allem Rabat sind definitiv einen Besuch wert, gerade auch um das zeitgenössische Marokko kennenzulernen. Insbesondere Rabat hat mir sehr gut gefallen, weil die Stadt beides bietet: geschichtsträchtige Orte und modernes urbanes Flair.




























































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